FASTWAHR ermitteltum 1500–2026
Seit 500 Jahren soll dieser Turm verhindern, dass etwas nach außen dringt. Inzwischen gelingt das nicht mehr.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Ansicht; keine historische Aufnahme.
FRIEDBERG. Wer Ende des 15. Jahrhunderts einen Turm errichtete, dessen Mauern stellenweise mehr als fünf Meter stark waren, hatte normalerweise kein Platzproblem, sondern ein Sicherheitsproblem. Der Dicke Turm der Friedberger Reichsburg entstand um 1500 als mächtiges Bollwerk für Geschütze. Mit seinem gewaltigen Mauerwerk, dem hohen Kuppelgewölbe und einer in die Mauern gehauenen Treppe gehörte er zu jener Sorte Architektur, bei der schon der Anblick deutlich machte, dass unerwünschte Besucher besser draußen blieben.
Über Jahrhunderte änderten sich Waffen, Grenzen und militärische Vorstellungen. Der Turm blieb. Selbst als eine neue Straßenführung ihn im 19. Jahrhundert von den übrigen Befestigungen trennte, stand dieses massive Stück Vergangenheit weiterhin da – hervorragend geeignet, etwas zu schützen, nur zunehmend ohne eine Aufgabe, die der Dicke seiner Mauern wirklich angemessen gewesen wäre. Bis im Jahr 1926 ein junger Mann mit einem Maßband auftauchte.
Armin Gruber war Architekturstudent und beschäftigte sich im Rahmen seiner Dissertation mit der Friedberger Reichsburg. Er tat also zunächst nichts Verdächtiges. Er vermaß Gebäude, untersuchte Mauern und dokumentierte historische Architektur. Dabei gelangte er auch in den Dicken Turm und fand dort ein Bauwerk vor, das für einen Wissenschaftler interessante konstruktive Einzelheiten bot: ein rund zehn Meter hohes Kuppelgewölbe, gewaltige Mauerstärken, eine in das Mauerwerk gehauene Treppe und einen Verbindungsgang zur Burg.
Irgendwann muss Gruber allerdings aufgehört haben, den Turm ausschließlich mit den Augen eines Architekturstudenten zu betrachten.
Denn während andere Menschen angesichts meterdicker Mauern vermutlich über Statik, Verteidigungstechnik oder spätmittelalterlichen Festungsbau nachgedacht hätten, erkannte er darin einen ausgesprochen geeigneten Ort für eine Gemeinschaft, die in Friedberg gerade eine dauerhafte Bleibe suchte. Schon 1927 zogen deren Mitglieder ein.
Damit begann für den Dicken Turm eine Nutzung, auf die seine Erbauer kaum vorbereitet gewesen sein dürften. Das Bollwerk musste fortan keine Angriffe mehr abwehren. Dafür entstand hinter seinen Mauern regelmäßig etwas, dessen Verhalten bei der ursprünglichen Bauplanung nicht untersucht worden war. Zunächst fiel das kaum auf.
Die Männer kamen abends, verschwanden im Turm und gingen einige Stunden später wieder nach Hause. Was genau währenddessen hinter dem gewaltigen Mauerwerk geschah, musste Außenstehenden zwangsläufig etwas rätselhaft erscheinen. Aus dem Inneren waren gelegentlich Musik, Reden und Gelächter zu vernehmen. Besucher berichteten von ungewöhnlichen Namen, einer eigenen Sprache und Kleidungsstücken, die im normalen Friedberger Straßenbild durchaus Aufmerksamkeit erregt hätten.
Bei einer rein bautechnischen Betrachtung hätte trotzdem wenig Anlass zur Sorge bestanden. Mauern von mehr als fünf Metern Stärke hatten über Jahrhunderte bewiesen, dass sie einiges aushielten.
Dann stellte sich heraus, dass sie undicht waren. Nicht baulich. Das Problem war der Inhalt.
Denn was innerhalb des Dicken Turms entstand, blieb keineswegs zuverlässig dort. Geschichten wurden weitererzählt, Lieder mitgenommen, Gedichte gelangten nach draußen und selbst besonders fragwürdige Wortspiele ließen sich durch das historische Mauerwerk nicht dauerhaft zurückhalten. Besucher betraten den Turm ohne erkennbare Symptome und verließen ihn später mitunter gut gelaunt. Für ein ehemaliges Bollwerk ist das ein bemerkenswerter Befund.
Eine Untersuchung durch FASTWAHR kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass beim Dicken Turm spätestens seit 1927 von einer schleichenden Veränderung des Sicherheitskonzeptes gesprochen werden muss. Gegen Geschosse besitzt das Bauwerk konstruktionsbedingt erhebliche Reserven. Für Musik fehlen dagegen belastbare Schutzwerte. Die Durchlässigkeit mittelalterlicher Mauern für Gedichte wurde bislang überhaupt nicht normiert, und bei kräftigem Gelächter muss mit einer Ausbreitung über Türen, Treppen und andere unvermeidbare Öffnungen gerechnet werden.
Besonders problematisch ist jedoch, dass die Verursacher das Gebäude regelmäßig selbst verlassen. Und damit führt die Untersuchung zu jener Gemeinschaft, die hinter der ungewöhnlichen Nutzung steckt. Es sind die Schlaraffen.
Der Dicke Turm ist seit 1927 die Burg des Friedberger Schlaraffenreyches Nauinheimbia Wettereiba aurea (247). Schlaraffia ist ein Spiel, in dem Kunst, Freundschaft und Humor zusammengehören und die gewöhnliche Welt für einige Stunden draußen bleiben soll. Man trägt besondere Gewänder, benutzt spielerisch eine eigene Sprache, gibt sich Ritternamen, musiziert, erzählt, dichtet und nimmt weder sich selbst noch das, was draußen wichtig erscheint, übermäßig ernst.
Plötzlich wirkt der Dicke Turm für diesen Zweck geradezu erstaunlich passend. Seine dicken Mauern schaffen eine ziemlich deutliche Grenze zwischen draußen und drinnen. Wer sie passiert, lässt den Alltag für eine Weile zurück und betritt eine Welt, die nach eigenen Regeln funktioniert.
Nur in umgekehrter Richtung funktioniert diese Trennung nicht zuverlässig. Denn Kunst, Freundschaft und Humor lassen sich zwar innerhalb meterdicker Mauern hervorragend pflegen. Dort einschließen lassen sie sich nicht.
Das dürfte um 1500 niemand vorausgesehen haben. Damals sollte der Turm seine Umgebung militärisch sichern. Heute müsste man bei konsequenter Fortführung dieses Gedankens eher untersuchen, ob die Umgebung vor dem geschützt werden muss, was aus dem Turm herausgetragen wird.
Nach fast hundert Jahren liegen genügend Erfahrungswerte für eine erste Bewertung vor. Der Versuch ist gescheitert. Der Turm ist undicht. Humor tritt regelmäßig aus.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass der entscheidende Nutzungswechsel ausgerechnet auf einen Mann zurückgeht, der das Bauwerk wissenschaftlich untersuchte. Armin Gruber kam 1926 zum Vermessen in die Friedberger Reichsburg und erkannte dabei, dass der Dicke Turm ein idealer Ort für die Schlaraffen sein könnte. Bereits ein Jahr später wurde daraus Wirklichkeit.
Das ist genau jene Stelle der Geschichte, an der FASTWAHR normalerweise etwas erfinden müsste. Diesmal war die Wirklichkeit schneller.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Dicker Turm (Friedberg) · Burg Friedberg · Friedberg (Hessen) · Schlaraffia Nauinheimbia Wettereiba aurea (247)
- Wahr: Der Dicke Turm entstand um 1500 als Geschützbollwerk der Friedberger Reichsburg – Mauern über fünf Meter stark, ein Kuppelgewölbe von rund zehn Metern. Die Straßenführung von 1840/41 trennte ihn von den übrigen Wehranlagen; heute ist er Kulturdenkmal des Landes Hessen.
- Wahr: Nach der Chronik des Reyches vermaß der Architekturstudent Armin Gruber 1926 für seine Dissertation die Reichsburg und entdeckte dabei den Turm als Burg für die Schlaraffia Nauinheimbia Wettereiba aurea (247). Seit 1927 wird dort gesippt (die reychseigenen Unterlagen nennen teils auch 1926).
- Erfunden: die Sicherheitsuntersuchung, sämtliche Gutachten zur Durchlässigkeit historischer Mauern für Gedichte und der Humor als Baumangel.
- KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.
Historische Zuverlässigkeit: 40 %FASTWAHR-Faktor: 60 %
Fast erfunden. Die Mauern halten noch. Der Humor ist trotzdem entkommen.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Nauinheimbia Wettereiba aurea (247) sippt in der Winterung mittwochs um 20 Uhr im Dicken Turm in Friedberg. Gäste sind willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Friedberg: Der Dicke Turm schlaraffia-friedberg.de
- Schlaraffia Friedberg: Geschichte schlaraffia-friedberg.de
Hintergrund
- Nauinheimbia (247): Wir über uns nauinheimbia.de
- Wetterauer Zeitung: Ritterleben im Dicken Turm wetterauer-zeitung.de
- Wikipedia: Burg Friedberg de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


