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FASTWAHR ermittelt1869–1880

Am 1. Oktober verschwand plötzlich der Umschlag. Das schuf ein völlig neues Problem.

Wien,

Eine österreichische Erfindung sollte Nachrichten kürzer und billiger machen. Sie wurde innerhalb kürzester Zeit zum Erfolg. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Plötzlich konnte jeder mitlesen. Einige Jahre später tauchte in Wien eine Gemeinschaft auf, deren Mitglieder für dieses Problem eine bemerkenswert einfache Lösung besaßen.

FASTWAHR-Redaktion 3 Min. Lesezeit Satire
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KI-Bild im Stil eines alten Fotos: Ein k.k. Postbeamter kratzt sich vor dem Postamt am Kopf über eine Karte „Lulu! Einritt zur Glock 8 in der Burg“; hinter ihm lächelt ein Schlaraffe

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; keine historische Aufnahme.

WIEN. Am 1. Oktober 1869 begann in Österreich etwas, das heute kaum noch revolutionär wirkt. Die Post führte die sogenannte Correspondenzkarte ein. Wer einem Bekannten lediglich mitteilen wollte, wann er ankam, wo man sich treffen sollte oder dass sich ein Besuch um einen Tag verschob, musste dafür nicht länger Briefpapier beschreiben, es falten, in einen Umschlag stecken und verschließen. Eine Karte genügte.

Genau diesen 1. Oktober 1869 verzeichnet auch die Tageschronik als Einführung der österreichischen Korrespondenzkarte.

Die Erfindung traf einen Nerv. Endlich ließ sich eine kurze Nachricht auch kurz verschicken. Allerdings hatte die Vereinfachung einen Preis, der spätestens dann auffiel, wenn die Karte durch mehrere Hände ging: Sie hatte keinen Umschlag.

Was der Absender schrieb, konnte der Postbeamte lesen. Der Briefträger ebenfalls. Und wenn die Karte nach der Zustellung auf dem Tisch liegen blieb, war auch der übrige Haushalt über die Ankunftszeit von Tante Erna erstaunlich gut informiert.

Damit hatte die österreichische Post innerhalb eines einzigen Tages ein Problem beseitigt und ein neues geschaffen. Die Nachricht war schneller und billiger unterwegs, dafür aber ungefähr so vertraulich wie ein Gespräch im Kaffeehaus.

Wie man mit diesem Nachteil umgehen sollte, darüber schweigen die bekannten Quellen weitgehend. FASTWAHR ist deshalb einer Spur nachgegangen, die erst elf Jahre später beginnt.

Am 2. Dezember 1880 entstand in Wien eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich ebenfalls mit Kommunikation beschäftigten, allerdings auf ihre ganz eigene Weise. Sie trafen sich nicht einfach zu Vereinsabenden, sondern zu „Sippungen“. Ihr Versammlungsraum hieß „Burg“, Besucher kamen nicht herein, sondern ritten ein, und wer etwas vortrug, konnte eine „Fechsung“ darbieten. Selbst für Zustimmung genügte mit „Lulu“ ein Wort, dessen Bedeutung einem zufälligen Zuhörer nicht unbedingt beim ersten Versuch zugänglich war.

Die Gemeinschaft hieß Schlaraffia Vindobona (24). Sie war das erste Wiener Reych der 1859 in Prag entstandenen Schlaraffia. Dass ihre Gründung auf den 2. Dezember 1880 fällt und unter anderem durch nach Wien gekommene Schlaraffen vorbereitet wurde, ist historisch dokumentiert.

Was anschließend geschah, ist dagegen erheblich schlechter belegt.

FASTWAHR geht davon aus, dass irgendwann in den frühen Jahren der Vindobona eine Correspondenzkarte bei einem Wiener Postbeamten gelandet sein muss, deren Inhalt ungefähr folgendermaßen aussah:

„Lulu! Einritt zur Glock 8 in der Burg. Fechsung erwünscht. Uhu.“

Der Beamte konnte jedes Wort lesen.

Das half ihm nur nicht weiter.

Damit war, folgt man unserer Untersuchung, eine der großen Schwächen der offenen Postkarte beseitigt. Man musste eine Nachricht nämlich gar nicht verschlüsseln, wenn man sie in einer Sprache verfasste, bei der ein Außenstehender zwar sämtliche Wörter entziffern konnte, anschließend aber mehr Fragen hatte als vorher.

Für die Schlaraffen war das keine Geheimschrift. Die Begriffe gehörten und gehören zu ihrer spielerischen Welt. Auch heute beschreibt die Vindobona ihre Zusammenkünfte als Sippungen, die örtlichen Gemeinschaften heißen Reyche, Kunst und Humor gehören neben der Freundschaft zu den tragenden Säulen des Spiels.

Für einen Wiener Briefträger des ausgehenden 19. Jahrhunderts musste eine entsprechend beschriebene Correspondenzkarte jedoch wie eine frühe Form sprachlicher Verschlüsselung gewirkt haben.

Besonders praktisch war das Verfahren, weil keinerlei technische Hilfsmittel benötigt wurden. Es gab keinen Schlüssel, keine Chiffrierscheibe und keinen geheimen Code, der zwischen Absender und Empfänger ausgetauscht werden musste. Man schrieb einfach, dass ein Ritter zur Glock acht in eine Burg einreiten und dort möglicherweise etwas fechsen werde.

Die Karte blieb vollkommen offen.

Nur die Information hatte sich gewissermaßen versteckt.

Dass diese Methode in Wien nicht völlig ohne Entwicklungspotential geblieben sein kann, zeigt ein Blick auf die weitere Geschichte. Die Vindobona wuchs erheblich; nach dem Ersten Weltkrieg näherte sich ihre Mitgliederzahl zeitweise 600. Seit den 1920er-Jahren besitzt sie ihr Zuhause in der Währinger Straße 85.

Und bei einem Wiener Reych blieb es nicht. Heute existieren in Wien mehrere schlaraffische Gemeinschaften. Die Vindobona war lediglich die erste. Dass damit auch die Menge potentiell unverständlicher Postkarten zunahm, ist statistisch wahrscheinlich, historisch jedoch bislang nicht untersucht worden.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum die Postkarte und Schlaraffia so erstaunlich gut zusammenpassen. Die eine reduzierte eine Nachricht auf das Wesentliche. Die andere bewies, dass man selbst dieses Wesentliche anschließend noch so formulieren konnte, dass es außerhalb des eigenen Spiels wieder ausführlicher Erklärung bedurfte.

Die österreichische Post hatte 1869 den Umschlag abgeschafft.

Elf Jahre später kamen die Wiener Schlaraffen.

Einen neuen brauchten sie nicht.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Correspondenzkarte · Postkarte · Emanuel Herrmann · Wien

  • Wahr: Am 1. Oktober 1869 führte die österreichische Post die Correspondenzkarte ein – zum halben Briefporto und ohne Umschlag. Vorgeschlagen hatte sie Emanuel Herrmann. Bis Jahresende wurden über drei Millionen Stück verkauft.
  • Wahr: Die Schlaraffia Vindobona wurde am 2. Dezember 1880 als 24. Reych gegründet, nachdem weitere Schlaraffen nach Wien gezogen waren. Nach dem Ersten Weltkrieg zählte sie an die 600 Mitglieder; 1923 erwarb sie das Haus Währinger Straße 85, bis heute ihre Burg.
  • Wahr: Sippung, Burg, Einritt, Fechsung und „Lulu“ gehören zur Sprache des schlaraffischen Spiels.
  • Erfunden: der ratlose Postbeamte, die zitierte Karte und die Behauptung, die schlaraffische Sprache habe je offene Nachrichten geschützt.
  • KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.

Historische Zuverlässigkeit: 35 %FASTWAHR-Faktor: 65 %

Fast erfunden. Die Postkarte ist echt. Die merkwürdigen Wörter übrigens auch.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Vindobona (24) sippt in ihrer Burg in der Währinger Straße 85 in Wien. Gäste sind willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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