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FASTWAHR ermittelt1831-1881

In Ansbach tauchten 1881 Männer mit neuen Namen auf. Ausgerechnet hier.

Ansbach,

Kaum eine deutsche Stadt ist so eng mit der Geschichte eines Mannes verbunden, dessen Herkunft bis heute Rätsel aufgibt. Fast fünfzig Jahre später entstand dort eine Gemeinschaft, in der erwachsene Männer freiwillig ihre gewöhnlichen Namen gegen andere eintauschten. FASTWAHR wollte wissen, ob die Ansbacher aus der Sache mit Kaspar Hauser möglicherweise die falschen Schlüsse gezogen hatten.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-Bild im Stil eines alten Fotos: ein junger Mann sitzt auf einer Steinbank vor einem Kaspar-Hauser-Denkmal, daneben gehen Schlaraffen mit Federhelmen in ein Haus mit dem Schild Schlaraffia Onoldia (31) Ansbach

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; Personen, Denkmal und Schild sind erfunden.

ANSBACH. Als Kaspar Hauser im Dezember 1831 nach Ansbach kam, hatte er bereits eine beachtliche Karriere als ungelöstes Rätsel hinter sich. Drei Jahre zuvor war der junge Mann in Nürnberg aufgetaucht, konnte über seine Herkunft kaum Auskunft geben und löste damit eine Diskussion aus, die auch fast zwei Jahrhunderte später nicht vollständig beendet ist. Wer war dieser Mann, woher kam er, und warum wusste anscheinend niemand so recht, wohin er gehörte?

In Ansbach bekam Hauser immerhin etwas, das einem gewöhnlichen Leben näherkam. Er wohnte in der Stadt, arbeitete als Schreiber beim Appellationsgericht und bewegte sich in einem Umfeld, das versuchte, aus dem geheimnisvollen Findling einen jungen Mann mit Alltag zu machen. Die Stadtgeschichte verzeichnet seine Ansbacher Jahre von 1831 bis 1833 bis heute ausdrücklich.

Das Ende machte alles nur rätselhafter. Im Dezember 1833 kam Hauser mit einer schweren Stichverletzung aus dem Hofgarten zurück und starb wenige Tage später. Seitdem beschäftigt seine Geschichte Historiker, Mediziner, Schriftsteller, Genetiker und Menschen, die grundsätzlich davon ausgehen, dass hinter einem ungelösten Rätsel mindestens eine europäische Dynastie stecken muss.

Ansbach hat sich daran gewöhnt.

Wer heute durch die Stadt geht, begegnet Kaspar Hauser an mehreren Stellen. Sein Wohn- und Sterbehaus ist gekennzeichnet, ebenso sein Grab; im Hofgarten erinnert ein Gedenkstein an ihn, und seit 2007 sitzt am Montgelasplatz sogar eine von Jaume Plensa geschaffene Figur, die einen Baum umfasst. Die Stadt widmet dem „Kind Europas“ Festspiele, Führungen und Ausstellungen. Selbst nach neuen DNA-Untersuchungen spricht Ansbach ausdrücklich davon, dass der Mythos weiterlebt.

Man könnte deshalb meinen, die Ansbacher hätten nach 1833 genug von Männern gehabt, bei denen Name, Herkunft und Identität erklärungsbedürftig waren.

Das Gegenteil scheint der Fall gewesen zu sein.

Am 11. Oktober 1881, nicht einmal fünfzig Jahre nach Hausers Tod, entstand in der Stadt eine Gemeinschaft, deren Mitglieder ein bemerkenswertes Verfahren entwickelten. Ein Mann konnte dort durchaus mit einem völlig normalen bürgerlichen Namen erscheinen. Wenn er allerdings länger blieb, begann dieser Name irgendwann an Bedeutung zu verlieren.

Stattdessen bekam er einen anderen.

Und diesmal geschah das freiwillig.

FASTWAHR ist bei der Untersuchung dieses Vorgangs zunächst davon ausgegangen, dass eine Stadt mit der Vorgeschichte Ansbachs entsprechende Identitätswechsel zumindest mit einer gewissen Skepsis betrachten würde. Schließlich hatte man jahrzehntelang versucht herauszufinden, wer ein junger Mann wirklich gewesen war. Nun kamen erwachsene Herren auf die Idee, ihre eindeutig geklärte Identität für einige Stunden beiseitezulegen und sich Namen zuzulegen, die weder das Standesamt noch der Arbeitgeber kannte.

Damit nicht genug. Auch Berufe und gesellschaftliche Stellungen verloren plötzlich an Bedeutung. Wer draußen Kaufmann, Beamter, Arzt, Handwerker oder Unternehmer war, konnte drinnen in einer völlig anderen Rolle auftreten. Die Herren verwendeten eine eigene Sprache, erklärten ihren Versammlungsort zur Burg und entwickelten eine Welt, in der selbst die gewöhnliche Zeitrechnung nicht mehr zuverlässig weiterhalf.

Man hätte meinen können, Ansbach würde einschreiten.

Stattdessen besteht die Gemeinschaft bis heute.

Sie heißt Schlaraffia Onoldia (31).

Ihr dokumentierter Gründungstag ist tatsächlich der 11. Oktober 1881. Als Mutterreyche sollen Norimberga und Turicensis gewirkt haben; Ansbach wird auch heute vom Verband Allschlaraffia als Sitz der Onoldia geführt.

Damit besitzt die Stadt zwei bemerkenswert unterschiedliche Geschichten über Identität.

Bei Kaspar Hauser versuchten Menschen herauszufinden, welchen Namen und welche Herkunft ein Mann wirklich hatte.

Bei den Schlaraffen weiß man das alles – und gibt ihm trotzdem einen anderen Namen.

FASTWAHR wollte selbstverständlich wissen, ob zwischen beiden Vorgängen ein Zusammenhang besteht. Die zeitliche Distanz von 48 Jahren erschien dafür zunächst etwas groß, doch die Versuchsanordnung war einfach zu verlockend: Ausgerechnet in jener Stadt, in der die ungeklärte Identität Kaspar Hausers jahrzehntelang diskutiert wurde, entsteht ein Bund, in dem Identität bewusst zum Spielmaterial wird.

Unsere Suche nach einem entsprechenden Gründungsprotokoll verlief allerdings enttäuschend.

Wir fanden keinen Hinweis darauf, dass sich die Gründer der Onoldia am 11. Oktober 1881 zusammensetzten und beschlossen, das Kaspar-Hauser-Problem nun endlich von der anderen Seite anzugehen. Ebenso wenig existiert ein uns bekanntes Schreiben der Stadtverwaltung, in dem darum gebeten wird, künftig bei neu auftauchenden Männern wenigstens die wirklichen Namen vorher zu notieren.

Schade eigentlich.

Denn ein weiterer Punkt hätte den Verdacht durchaus verstärken können.

Auch bei Schlaraffia muss ein Neuankömmling zunächst herausfinden, was um ihn herum eigentlich geschieht. Die Männer sprechen von Sippungen und Fechsungen, von Einritten und Burgen, von Knappen, Junkern und Rittern. Wer zum ersten Mal dabei ist, besitzt deshalb einen erheblichen Informationsrückstand gegenüber den anderen.

Im Unterschied zu Kaspar Hauser lässt sich dieses Problem allerdings meist innerhalb eines Abends lösen.

Und niemand muss dafür 200 Jahre lang DNA-Proben untersuchen.

Vielleicht liegt genau darin der schönste Unterschied zwischen den beiden Ansbacher Geschichten. Kaspar Hausers Identität wurde ihm zum Schicksal, weil andere Menschen unbedingt wissen wollten, wer er gewesen war. Die schlaraffische Identität funktioniert genau umgekehrt. Jeder weiß, wer der Mann im gewöhnlichen Leben ist; innerhalb des Spiels wird diese Information lediglich für einige Stunden weniger wichtig.

Der neue Name soll nichts verbergen. Er soll eine andere Seite sichtbar machen.

Das ist ein wesentlicher Unterschied, denn Schlaraffia lebt gerade nicht davon, dass jemand seine wirkliche Biografie geheim hält. Sie schafft vielmehr einen Raum, in dem Beruf, Titel und gesellschaftliche Stellung nicht darüber entscheiden sollen, welchen Wert jemand in der Gemeinschaft besitzt. Entscheidend ist, was er selbst zum Spiel aus Kunst, Freundschaft und Humor beiträgt.

Kaspar Hauser hätte dieses Prinzip vermutlich interessant gefunden.

Ein Mensch kommt irgendwo an, und die erste Frage lautet nicht: Woher stammt er wirklich?

Sondern zunächst einmal:

Was bringt er mit?

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so überraschend, dass diese Geschichte ausgerechnet in Ansbach spielt. Die Stadt beschäftigt sich seit beinahe zwei Jahrhunderten mit einem Menschen, dessen Vergangenheit niemand eindeutig erklären konnte. Gleichzeitig treffen sich dort seit 1881 Männer in einer Gemeinschaft, für die Herkunft und profane Stellung bewusst nicht das Wichtigste sind.

Kaspar Hauser bekam in Ansbach nie die eindeutige Antwort auf die Frage, wer er war.

Die Schlaraffen der Onoldia stellen seit 145 Jahren eine andere Frage.

Wer möchtest du hier sein?

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Kaspar Hauser · Ansbach · Jaume Plensa · Schlaraffia Onoldia (31)

  • Wahr: Kaspar Hauser tauchte 1828 in Nürnberg auf und lebte ab Dezember 1831 in Ansbach. Er arbeitete als Schreiber beim Appellationsgericht, wurde im Dezember 1833 im Hofgarten mit einer Stichwunde verletzt und starb am 17. Dezember 1833 in seiner Wohnung in der Pfarrstraße 18. Seine Herkunft ist bis heute umstritten.
  • Wahr: Ansbach erinnert an ihn mit Wohnhaus, Grab, Gedenkstein im Hofgarten, Festspielen und seit Mai 2007 mit „Kaspars Baum“ von Jaume Plensa am Montgelasplatz.
  • Wahr: Die Schlaraffia Onoldia (31) wurde am 11. Oktober 1881 gegründet und sippt heute in der Schalksburg in Ansbach.
  • Nicht belegt: dass Norimberga und Turicensis ihre Mutterreyche waren.
  • Erfunden: jeder Zusammenhang zwischen Kaspar Hauser und der Onoldia, das Gründungsprotokoll und das Schreiben der Stadtverwaltung.
  • KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.

Historische Zuverlässigkeit: 45 %FASTWAHR-Faktor: 55 %

Fast erfunden. Das Ansbacher Rätsel ist echt.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Die Onoldia (31) sippt seit 1881 in Ansbach, heute dienstags in der Schalksburg. Gäste sind willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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