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FASTWAHR ermittelt1823-1824

In Baden sollte ein Gruß um die Welt gehen. Dann wurde nach der Anwesenheitsliste gefragt.

Baden bei Wien,

Als Beethoven 1823 in Baden an seiner Neunten arbeitete, nahm eine musikalische Idee Gestalt an, die weit über den Konzertsaal hinausreichen sollte. Doch wer Millionen Menschen umarmen möchte, wirft auch organisatorische Fragen auf. Eine davon führt zu Mozart und einer erstaunlich gewissenhaften Kanzlei.

FASTWAHR-Redaktion 3 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Ein Schreiber prüft ein großes leeres Anwesenheitsbuch unter Porträts von Beethoven und Mozart; auf dem Schreibtisch liegt die Partitur der Neunten.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Das Bild zeigt eine erfundene Kanzleiszene mit Schreiber, leerem Anwesenheitsbuch und Komponistenporträts, keine historische Aufnahme oder belegte Begebenheit.

Im Sommer 1823 arbeitete Ludwig van Beethoven in Baden bei Wien an Teilen seiner Neunten Symphonie. Das Haus in der heutigen Rathausgasse 10 erinnert als Museum an seine Aufenthalte in der Kurstadt. Was dort entstand, gehörte zu einem Werk, das am 7. Mai 1824 im Wiener Kärntnertortheater uraufgeführt wurde und die Symphonie um menschliche Stimmen erweiterte. Im Finale ließ Beethoven Worte aus Friedrich Schillers Gedicht „An die Freude“ singen, darunter eine Aufforderung von beträchtlicher räumlicher Reichweite: „Seid umschlungen, Millionen!“

Für die Musikgeschichte ist das eine Vision menschlicher Verbundenheit. Für jemanden, der Einladungen verschickt und anschließend die Stühle zählt, ist es zunächst ein unvollständig formulierter Arbeitsauftrag. Wie viele Millionen waren gemeint, sollten sie gleichzeitig erscheinen, und durfte die Umarmung durch einen bevollmächtigten Vertreter erfolgen? In Baden, wo man große Gedanken durchaus neben kleinen Schreibtischen unterbringen konnte, beginnt an dieser Stelle die Spur einer Angelegenheit, die mit musikalischen Mitteln allein kaum zu erledigen war.

Die dazugehörige Prüfakte müsste ausgesprochen schmal gewesen sein, denn ihr wichtigster Gegenstand war eine fehlende Anlage. Beethoven hatte weder eine Teilnehmerliste noch eine Beschreibung des vorgesehenen Begrüßungsverfahrens beigefügt. Ein gewissenhafter Bearbeiter konnte daraus nur schließen, dass die Durchführung noch nicht bis in alle Einzelheiten bedacht worden war. Er empfahl deshalb einen Probelauf mit zwei Personen, wobei ausdrücklich festzuhalten sei, dass zwei Personen noch keine belastbare Hochrechnung auf die gesamte Menschheit erlaubten.

Als zweite Person kam Mozart in Betracht, weniger wegen einer nachgewiesenen Zuständigkeit für Umarmungen als wegen seiner Fähigkeit, sehr verschiedene Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Verfahren nahm nun eine Wendung, die in gewöhnlichen Behörden vermieden wird: Beide Komponisten waren längst verstorben, weshalb ihre persönliche Teilnahme durch ihre Werke ersetzt werden sollte. Daraus ergab sich allerdings die nächste Schwierigkeit. Werke lassen sich aufführen, aber nur mit erheblichem Aufwand dazu bewegen, eine Anwesenheitsliste zu unterschreiben.

Die Lösung war ein Ehrenstatus, der weder eine Unterschrift noch pünktliches Erscheinen verlangte. Bevor man ihn vergeben konnte, musste jedoch geklärt werden, ob musikalische Größe als Qualifikation genügte. Ein Gutachten verneinte dies vorsichtig und verlangte zusätzlich die Fähigkeit, Würde auszuhalten, ohne ihr vollständig zu erliegen. Bei Mozart sah man dafür reichlich Anschauungsmaterial; bei Beethoven empfahl man, den Humor nicht ausschließlich nach dem Gesichtsausdruck auf seinen Porträts zu beurteilen. Die Porträts erhielten daraufhin kein Stimmrecht.

Erst hier wird verständlich, warum die Angelegenheit weder im Theater noch im Rathaus zu einem befriedigenden Abschluss kam. Die passende Adresse war Schlaraffia, jene der Kunst, Freundschaft und dem Humor verbundene Gemeinschaft, deren Geschichte 1859 in Prag begann. In Baden trägt ihr Reych den Namen Aquae Thermae und die Nummer 80. In unserer rekonstruierten, allerdings vollständig erfundenen Kanzlei dieses Reychs wurde aus dem musikalischen Weltenplan nun eine Frage der Ehrenmitgliedschaft: Wenn die beiden Herren schon nicht persönlich kommen konnten, sollten sie wenigstens als Ehrenschlaraffen gegenwärtig sein.

Damit änderte sich auch die Auslegung des großen Umarmungsauftrags. Die Millionen mussten nicht mehr in einen einzigen Raum passen, sondern durften nacheinander und an verschiedenen Orten durch Musik erreicht werden. Das war organisatorisch erheblich günstiger und hatte den zusätzlichen Vorteil, dass niemand die Garderobe für die gesamte Menschheit beaufsichtigen musste. Mozart wurde in dieser Erzählung als Sachverständiger für das heitere Zusammenleben verschiedener Stimmen herangezogen, Beethoven als Urheber einer Begrüßung, deren Reichweite selbst bei großzügiger Auslegung ungewöhnlich blieb.

Nur beim letzten Formular kam es noch einmal zu einer Verzögerung. Unter „Art des Beitrags“ hatte ein Schreiber die gesamte Neunte als Grußwort eingetragen, worauf ein anderer anmerkte, dass dies die übliche Dauer einer Begrüßung beträchtlich überschreite. Man einigte sich darauf, den Beitrag trotzdem zuzulassen, sofern anschließend niemand sämtliche Anwesenden einzeln willkommen heiße. So blieb von der großen bürokratischen Untersuchung am Ende eine durchaus brauchbare Erkenntnis: Eine Gemeinschaft kann Menschen verbinden, ohne vorher festzustellen, ob alle in denselben Saal passen.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Baden bei Wien · Beethovenhaus Baden · Ludwig van Beethoven · Wolfgang Amadeus Mozart

  • Wahr: Beethoven hielt sich mehrfach in Baden bei Wien auf und arbeitete dort 1823 an Teilen seiner Neunten Symphonie.
  • Wahr: Das Beethovenhaus in der Rathausgasse 10 erinnert als Museum an seine Aufenthalte.
  • Wahr: Die Neunte wurde am 7. Mai 1824 im Wiener Kärntnertortheater uraufgeführt.
  • Wahr: Im Finale werden Verse aus Friedrich Schillers An die Freude gesungen, darunter Seid umschlungen, Millionen!
  • Wahr: Schlaraffia wurde 1859 in Prag gegründet und pflegt Kunst, Freundschaft und Humor.
  • Wahr: Aquae Thermae trägt die Reychsnummer 80 und ist in Baden bei Wien ansässig.
  • Nicht belegt: Eine tatsächliche Ernennung Mozarts und Beethovens zu Ehrenschlaraffen von Aquae Thermae am 29. Oktober 2013 konnte nicht bestätigt werden.
  • Erfunden: Die schlaraffische Kanzlei mit ihrer Prüfakte und der fehlenden Teilnehmerliste.
  • Erfunden: Die Gutachten, der Umarmungsprobelauf und die Verwaltung einer Begrüßung der gesamten Menschheit.
  • Erfunden: Mozarts Rolle als Sachverständiger, das verweigerte Stimmrecht der Porträts und die Neunte als überlanges Grußwort.
  • Erfunden: Das geschilderte Ehrenverfahren und die abschließende Ablage der leeren Anwesenheitsliste.
  • KI-generiert: Das Titelbild ist eine KI-generierte Illustration der erfundenen Kanzleiszene.
  • KI-generiert: Der Text entstand mit KI-Unterstützung.

Historische Zuverlässigkeit: 15 %FASTWAHR-Faktor: 85 %

Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.

In der erfundenen Kanzlei blieb die Anwesenheitsliste schließlich leer. Man legte sie zu den Unterlagen mit dem Vermerk, die Menschheit sei musikalisch erreicht worden und müsse nicht zusätzlich unterschreiben.

Aquae Thermae (80) ist heute in Baden bei Wien zu finden; die Stadt nennt als Vereinsadresse Palffygasse 27, im ehemaligen Restaurant Schwanke. Die dort angegebene eigene Website war bei der Prüfung nicht abrufbar.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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