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FASTWAHR ermittelt1853–1883

Am 2. Oktober begann in Berlin eine Nacht in Venedig. Nur Wien war damit nicht ganz zufrieden.

Berlin,

Eine Wiener Operette, die in Venedig spielt und in Berlin auf die Bühne kommt: Schon die Entstehungsgeschichte von Johann Strauss’ Werk verlangt dem Orientierungssinn einiges ab. Eine Spur führt jedoch zu einem Prager Musiker, der Strauss kannte – und zu einer Gemeinschaft, für die es vollkommen normal war, dass Orte, Namen und Wirklichkeit nicht immer genau zusammenpassten.

FASTWAHR-Redaktion 4 Min. Lesezeit Satire
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KI-Bild im Stil eines alten Fotos: Herren mit Zylinder vor einem Plakat „Eine Nacht in Venedig von Johann Strauss“, daneben ein Maskierter im Brokatmantel und ein Gondoliere mit Gondel vor dem Theater

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; Plakat und Theaterfassade sind erfunden.

BERLIN/WIEN/PRAG. Wer am Abend des 2. Oktober 1883 in Berlin eine Eintrittskarte für das Theater löste, konnte anschließend eine Nacht in Venedig verbringen, ohne Deutschland zu verlassen. Jedenfalls behauptet es die Tageschronik: Für diesen Tag verzeichnet sie die Uraufführung der gleichnamigen Operette von Johann Strauss.

Ganz so eindeutig ist selbst dieses Datum nicht. Die kritische Strauss-Überlieferung und mehrere Werkverzeichnisse setzen die Berliner Premiere auf den 3. Oktober 1883; andere Chroniken nennen den 2. Oktober. Sicher ist dagegen: Ausgerechnet eine ausgesprochen wienerische Operette des Wiener Walzerkönigs über eine Nacht in Venedig wurde zuerst in Berlin gespielt. Die Wiener Erstaufführung folgte erst am 9. Oktober.

Schon damit wäre die Geographie ausreichend durcheinandergebracht. FASTWAHR hat trotzdem weitergesucht.

Die Spur führt zunächst nicht nach Wien und auch nicht nach Venedig, sondern nach Prag. Dort hatte sich 1859 eine Gruppe von Schauspielern, Sängern, Musikern und einigen weiteren Herren zusammengefunden, aus der die Schlaraffia hervorging. Unter den Urschlaraffen befand sich ein Mann namens Eduard Bachmann, schlaraffisch später „Jagu mit der rothen Cravatte“. Bachmann war Oboist, wurde Tenor – und hatte tatsächlich in der Kapelle Johann Strauss’ gespielt. 1853 gehörte er zu dessen Musikern. Später wurde er der erste Schatzmeister der Praga.

Damit befand sich im engsten Kreis der frühen Schlaraffia ausgerechnet ein Mann, der Strauss’ musikalische Welt aus eigener Erfahrung kannte.

Bachmann starb allerdings bereits 1880, drei Jahre bevor Eine Nacht in Venedig auf die Bühne kam. Für eine unmittelbare Beteiligung an der Operette scheidet er damit bedauerlicherweise aus. Für FASTWAHR wäre die Sache an dieser Stelle normalerweise erledigt.

Normalerweise.

Denn in den schlaraffischen Archiven soll sich nach unseren selbstverständlich höchst zweifelhaften Erkenntnissen eine Bemerkung erhalten haben, die Bachmann Jahre zuvor einem Musikerkollegen gegenüber gemacht haben könnte:

„Der Ort einer Handlung ist nicht zwingend der Ort, an dem sie stattfindet.“

Ein Satz, der für das Theater vollkommen vernünftig klingt. Im Umfeld der Schlaraffia bekam er allerdings eine erstaunliche Eigendynamik.

Denn dort hatte man längst begonnen, die Geographie nach eigenen Regeln zu behandeln. Ein gewöhnliches Vereinslokal konnte zur „Burg“ werden. Eine Stadt beherbergte ein „Reych“. Wer durch die Tür kam, trat nicht ein, sondern ritt ein. Aus erwachsenen Männern wurden Ritter mit Namen, die in keinem Melderegister standen. Und über allem schwebte ein Uhu, der zoologisch betrachtet mit dem tatsächlichen Ablauf der Veranstaltung ebenfalls nur eingeschränkt zu tun hatte.

Kurz gesagt: Die Schlaraffen hatten ein Verfahren entwickelt, mit dem ein Ort gleichzeitig dort liegen konnte, wo er tatsächlich lag – und irgendwo ganz anders.

Als Johann Strauss 1883 eine Operette komponierte, die in Venedig spielte, aber in Berlin uraufgeführt wurde, soll deshalb in schlaraffischen Kreisen keinerlei Verwunderung aufgekommen sein. Während andere noch überlegten, warum ein Wiener Komponist sein venezianisches Werk ausgerechnet in Berlin präsentierte, war die Angelegenheit dort angeblich nach wenigen Minuten geklärt.

Wenn ein Wirtshaus eine Burg sein kann, kann Berlin für drei Stunden auch Venedig sein.

Problematisch wurde die Sache erst, als Wien davon erfuhr.

Denn inzwischen gab es dort längst ein eigenes schlaraffisches Reych. Die Vindobona (24) war 1880 entstanden. Für ihre Sassen musste der Gedanke, dass Berlin nun nicht nur Berlin, sondern vorübergehend auch noch Venedig sein sollte, zumindest erklärungsbedürftig wirken. Schließlich verfügte Wien selbst über ausreichend Theater, Musik und Schlaraffen, um geographische Unordnung ohne fremde Hilfe zu erzeugen.

FASTWAHR rekonstruiert deshalb für den Herbst 1883 eine bislang unbekannte Wiener Debatte. Gegenstand soll weniger die Qualität der Strauss’schen Musik gewesen sein als die Frage, ob eine „Nacht in Venedig“, die in Berlin stattfindet und von einem Wiener komponiert wurde, nach schlaraffischem Verständnis möglicherweise wenigstens teilweise zu Wien gerechnet werden müsse.

Ein Ergebnis dieser Beratungen ist nicht überliefert.

Die Geschichte selbst nahm dagegen eine überraschend reale Wendung. Nur wenige Tage nach Berlin kam die Operette tatsächlich nach Wien. Am 9. Oktober 1883 wurde sie im Theater an der Wien gespielt.

Damit war die Ordnung zumindest teilweise wiederhergestellt: Wien hatte seine Wiener Operette zurück.

Venedig blieb weiterhin unbeteiligt.

Aus heutiger Sicht erscheint gerade das beinahe folgerichtig. Johann Strauss schrieb Musik für eine Welt der Masken, Rollenwechsel und Verwechslungen. Die frühe Schlaraffia war gleichzeitig stark von Theaterleuten und Musikern geprägt; unter ihren Gründern finden sich Sänger, Schauspieler, Kapellmeister und eben jener Eduard Bachmann, der Jahre zuvor selbst in Strauss’ Kapelle gespielt hatte.

Vielleicht verstanden die Schlaraffen deshalb schneller als andere, dass man nicht immer dort sein muss, wo man gerade ist.

Man muss nur überzeugend genug so tun.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Eine Nacht in Venedig · Johann Strauss (Sohn) · Eduard Bachmann · Theater an der Wien

  • Wahr: Johann Strauss’ Operette „Eine Nacht in Venedig“ wurde 1883 in Berlin uraufgeführt, im Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater – als einzige seiner Operetten außerhalb Wiens. Werkverzeichnisse nennen den 3. Oktober, andere Chroniken den 2. Oktober. Die Wiener Erstaufführung folgte am 9. Oktober 1883 im Theater an der Wien.
  • Wahr: Eduard Bachmann (1831–1880), Oboist und später Tenor, spielte 1853 in der Kapelle Johann Strauss’. 1859 gehörte er als „Jagu mit der rothen Cravatte“ zu den 23 Gründern der Schlaraffia in Prag und wurde der erste Schatzmeister der Praga.
  • Wahr: Die Schlaraffia Vindobona (24) entstand 1880 in Wien.
  • Erfunden: Bachmanns Ausspruch über den Ort einer Handlung, die schlaraffische Debatte über Berlin und Venedig und alle Bemühungen der Vindobona um die geographische Zuständigkeit der Operette.
  • KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.

Historische Zuverlässigkeit: 40 %FASTWAHR-Faktor: 60 %

Fast erfunden. Berlin ist echt. Wien auch. Nur Venedig war an diesem Abend ganz woanders.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – ihre Wiege stand 1859 in Prag. Heute sippen in Wien die Vindobona (24) und in Berlin die Berolina (2). Gäste sind willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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