FASTWAHR meldetQuellenlage: bedenklichZuverlässigkeit: 4 %Beweislage: ein BildSpuren von Tatsachen möglich

Neu entdeckt1859–1912

53 Jahre Vorlauf: Wurde die Okerburg für die Schlaraffen gebaut?

Braunschweig,

Jahrzehntelang galt die Geschichte des heutigen Hauses der Schlaraffia als weitgehend geklärt: Im 19. Jahrhundert befand sich dort die berühmte Erzgießerei Howaldt. In den Werkstätten entstanden bedeutende Monumente und sogar die Braunschweiger Quadriga. 1906 endete der Gießereibetrieb. Sechs Jahre später kaufte die Schlaraffia Brunsviga das Gebäude.

FASTWAHR-Redaktion 6 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Männer in Umhängen und Zipfelkappen auf Gerüsten und Leitern an einem burgartigen Steinbau mit Rundturm und hölzernem Turmaufsatz; im Vordergrund Steinblöcke, ein Bauplan und ein Pferdefuhrwerk, am Giebel ein Richtkranz

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen und Wappen frei erfunden.

FASTWAHR hat diese Darstellung überprüft. Dabei fiel eine Frage auf, die bislang erstaunlich selten gestellt wurde: Warum baut jemand eine Fabrik, die am Ende aussieht wie eine Burg – und warum kaufen anschließend ausgerechnet Schlaraffen dieses Gebäude?

Neue Bildfunde könnten darauf hindeuten, dass die offizielle Nutzung als Erzgießerei möglicherweise nur einen Teil der Geschichte erzählt. Die Schlaraffen wären demnach nicht 1912 in die Burg eingezogen.

Sie hätten 53 Jahre auf ihre Fertigstellung gewartet.

Alles beginnt 1859

Die Geschichte des Gebäudes führt zu einer der bedeutendsten Braunschweiger Künstlerfamilien des 19. Jahrhunderts. Der Bildhauer und Erzgießer Georg Ferdinand Howaldt errichtete 1859 an der Hochstraße eine Gießhalle. Dort entstanden in den folgenden Jahrzehnten große Kunst- und Monumentalgüsse. Die Stadt Braunschweig nennt unter anderem den Heinrichsbrunnen, verschiedene Reiterstandbilder und Arbeiten an der berühmten Braunschweiger Quadriga.

Das klingt zunächst vollkommen unverdächtig. Eine Gießerei benötigt eine Gießhalle. Ein Erzgießer benötigt Werkstätten. Und wer monumentale Kunstwerke produziert, benötigt viel Platz.

Die bisherige Forschung betrachtet die Angelegenheit deshalb als geklärt. FASTWAHR zunächst ebenfalls.

Dann haben wir uns das Gebäude angesehen.

Für eine Fabrik auffallend viel Burg

Der Gebäudekomplex wurde im Laufe der Jahrzehnte erweitert. Besonders der große Umbau von 1905 prägte das spätere Erscheinungsbild. Dabei entstand ein zweigeschossiger Bau mit ausgesprochen repräsentativem Charakter. Und mit burgartigen Elementen.

Die Architektur griff sogar Formen bedeutender Braunschweiger Bauwerke auf. In Beschreibungen der Okerburg werden insbesondere Bezüge zur Burg Dankwarderode und zum Braunschweiger Dom hervorgehoben. Für eine industrielle Produktionsstätte ist das zumindest ambitioniert.

Natürlich gibt es dafür eine einfache Erklärung: Man wollte eine repräsentative Gießerei. FASTWAHR akzeptiert diese Erklärung. Wir möchten lediglich festhalten, dass es ausgesprochen praktisch ist, eine spätere Schlaraffenburg bereits während ihrer industriellen Nutzung wie eine Burg aussehen zu lassen.

Das erspart Umbaukosten.

Dann tauchten die Männer mit den merkwürdigen Mützen auf

Besondere Aufmerksamkeit verdient eine bislang nicht bekannte Aufnahme aus dem Umfeld der Howaldtschen Werkstätten. Sie zeigt Handwerker bei Arbeiten am Gebäude. Gerüste sind zu erkennen. Baumaterial. Werkzeuge.

Und mehrere Männer, deren Kleidung für gewöhnliche Gießereiarbeiter ungewöhnlich erscheint. Lange Mäntel. Auffällige Kopfbedeckungen. Mindestens einer der Männer scheint überhaupt nicht zu arbeiten.

Letzteres ist für die Einordnung leider wenig hilfreich.

Die Männer ähneln in bemerkenswerter Weise späteren Schlaraffen. Eine eindeutige Identifizierung ist nicht möglich. Die bisherige Forschung geht deshalb davon aus, dass es sich um Mitarbeiter oder Besucher der Gießerei gehandelt haben könnte. FASTWAHR hält das für denkbar.

Allerdings verfügten die Besucher für einen gewöhnlichen Vormittag in einer Metallwerkstatt über bemerkenswert viel Ornat.

Die perfekte Tarnung

Nehmen wir für einen Augenblick an, die Schlaraffen hätten tatsächlich schon früh Interesse an dem Gebäude gehabt. Dann wäre eine Erzgießerei als Tarnbetrieb nahezu ideal gewesen.

In einer solchen Werkstatt sind ungewöhnliche Gegenstände vollkommen normal. Helme? Kunstguss. Schilde? Kunstguss. Wappen? Kunstguss. Merkwürdige Vögel? Dekorative Plastik. Ritterfiguren? Denkmal. Große Mengen Metall? Gießerei. Nächtliches Hämmern? Dringender Auftrag.

Niemand hätte Verdacht geschöpft. Selbst die Anfertigung eines überdimensionalen Uhus hätte sich vermutlich mit den Worten „Auftragsarbeit“ ausreichend erklären lassen.

Besonders unauffällig: vier riesige Pferde

Die Howaldtsche Werkstatt hatte zudem einen Auftrag, der jeden möglichen Verdacht zuverlässig überdeckte. Hier entstand die erste Braunschweiger Quadriga für das Residenzschloss. Vier gewaltige Pferde, darüber die Wagenlenkerin Brunonia.

Die ursprüngliche Planung sah einen Bronzeguss vor. Wegen Größe, Gewicht und Kosten wurde die Quadriga schließlich in einer anderen Technik hergestellt: getriebene Kupferplatten über einem Metallgerüst. Ein monumentales Projekt.

Für FASTWAHR erklärt das einiges. Wer öffentlich vier riesige Pferde baut, kann praktisch alles andere gleichzeitig herstellen.

Ein Besucher, der in einer Ecke einen merkwürdigen Helm entdeckt, wird kaum fragen: „Warum liegt dort ein Ritterhelm?“

Er wird auf die vier monumentalen Pferde zeigen und fragen: „Was um Himmels willen macht ihr da?“

Die Quadriga war damit möglicherweise eines der wirkungsvollsten Ablenkungsmanöver der Braunschweiger Architekturgeschichte.

Vermutlich unbeabsichtigt.

Dann erscheint die Brunsviga

Nun wird die zeitliche Abfolge interessant. Denn die Schlaraffen kamen keineswegs erst 1912 nach Braunschweig. Die Schlaraffia Brunsviga wurde bereits 1872 gegründet.

Damit existierte in Braunschweig jahrzehntelang folgende Situation: Auf der einen Seite: eine Schlaraffia ohne die spätere Okerburg. Auf der anderen Seite: eine Erzgießerei, deren Gebäude zunehmend wie eine Burg aussah.

Beide befanden sich in derselben Stadt. Nach bisherigem Forschungsstand bestand zunächst kein Zusammenhang.

Auch Zufälle kommen vor.

1905 wird die Burg fertig

Dann folgt eine zeitliche Abfolge, die FASTWAHR besondere Aufmerksamkeit widmet. 1905 wurde der Gebäudekomplex noch einmal erheblich erweitert. Nun erhielt er wesentliche Teile seines markanten Erscheinungsbildes. Ein Jahr später, 1906, endete der Gießereibetrieb.

Das bedeutet: Das Gebäude war jahrzehntelang gewachsen. Es war erweitert worden. Es besaß schließlich einen ausgesprochen burgartigen Charakter. Und unmittelbar danach wurde die ursprüngliche Nutzung aufgegeben.

Die konventionelle Geschichtsschreibung bezeichnet dies als wirtschaftliche Entwicklung. FASTWAHR hat eine alternative Arbeitshypothese geprüft:

Die Burg war fertig. Die Gießerei wurde nicht mehr benötigt.

Aber die Schlaraffen warten

Gegen diese Theorie spricht zunächst ein gewichtiges Argument. Die Brunsviga zog nicht 1906 ein. Sie wartete noch sechs Jahre.

Erst 1912 kaufte die Schlaraffia Brunsviga den ehemaligen Gießereikomplex und baute ihn für ihre Zwecke um. Seitdem ist das Gebäude mit der Geschichte des Reyches verbunden.

FASTWAHR hält die sechsjährige Verzögerung jedoch nicht zwingend für entlastend. Im Gegenteil. Ein unmittelbarer Übergang wäre auffällig gewesen.

1905: Fertigstellung wesentlicher Teile der Burg. 1906: Gießerei stellt Betrieb ein. 1907: Schlaraffen ziehen ein.

Das hätte Fragen aufgeworfen. Sechs Jahre Abstand dagegen wirken vollkommen unverfänglich.

Eine angemessene Abkühlphase.

1912 geschieht dann das völlig Unerwartete

Nach Jahrzehnten industrieller Nutzung wird der Gebäudekomplex verkauft. Und wer kauft ihn? Keine Maschinenfabrik. Keine Metallwarenfirma. Kein Bildhauer. Keine andere Gießerei.

Die Schlaraffen.

Das Gebäude wird zur Okerburg und zum Haus der Brunsviga. Damit ist ein bemerkenswerter Vorgang abgeschlossen.

1859 beginnt Howaldt mit einer Gießhalle. Das Gebäude wächst. Es wird immer repräsentativer. Es bekommt burgartige Architektur. Die Gießerei schließt. Sechs Jahre geschieht scheinbar nichts.

Dann kommt eine Vereinigung, deren Mitglieder sich als Ritter verstehen und ihre Versammlungsorte Burgen nennen. Und kauft: die Burg.

Die traditionelle Geschichtsschreibung sieht darin einen Immobilienerwerb. FASTWAHR ebenfalls.

Einen ausgesprochen gut vorbereiteten Immobilienerwerb.

Ein Detail macht die Sache besonders verdächtig

Es wäre vielleicht weniger auffällig, wenn die Schlaraffen nach dem Kauf umfangreiche Arbeiten benötigt hätten, um aus einer nüchternen Industriehalle überhaupt erst eine Burg zu machen. Aber genau das ist der Punkt. Der Bau besaß bereits seinen besonderen Charakter.

Natürlich wurde er von der Brunsviga für die schlaraffische Nutzung angepasst und ausgestaltet. Den markanten Turm setzten die Schlaraffen sogar erst nach dem Zweiten Weltkrieg selbst obendrauf, nachempfunden dem Turm der Burg Dankwarderode. Wer eine fast fertige Burg kauft, legt eben auch selbst noch Hand an.

Doch das Grundproblem – aus einer Fabrik etwas Burgähnliches zu machen – hatte bereits jemand anderes gelöst. Jahrzehnte vorher.

FASTWAHR fragte deshalb einen nicht näher genannten Sachverständigen, wie wahrscheinlich es sei, dass eine Vereinigung zufällig ein Gebäude findet, das erstaunlich gut zu ihrer eigenen Begriffswelt passt. Seine Antwort: „Nicht besonders wahrscheinlich.“

Auf unsere Frage, ob dies eine geheime Planung seit 1859 beweise, antwortete er: „Natürlich nicht.“

Damit war das Interview beendet.

Howaldt schweigt

Eine Stellungnahme Georg Ferdinand Howaldts konnte FASTWAHR nicht mehr einholen. Der Erzgießer starb 1883. Auch in den bekannten Unterlagen findet sich bislang kein belastbarer Hinweis darauf, dass Howaldt beim Bau seiner Gießhalle eine spätere Nutzung durch die Schlaraffia vorgesehen hatte.

Das ist für unsere Theorie problematisch. Andererseits wäre eine geheime Planung, die ausführlich in öffentlich zugänglichen Unterlagen dokumentiert wurde, auch eine ausgesprochen schlechte geheime Planung.

Die Ermittlungen dauern daher an.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Braunschweig · Georg Ferdinand Howaldt · Quadriga (Braunschweig) · Heinrichsbrunnen

  • Wahr: Georg Ferdinand Howaldt (1802–1883) errichtete 1859 an der Braunschweiger Hochstraße eine Gießhalle. Sie bildet bis heute den nördlichen Teil der Okerburg.
  • Wahr: In der Howaldtschen Werkstatt entstanden unter anderem der Heinrichsbrunnen, Reiterstandbilder und die erste Braunschweiger Quadriga. Statt des geplanten Bronzegusses wurde sie aus getriebenen Kupferplatten auf einem Metallgerüst gefertigt, weil Bronze für den Schlossbau zu schwer und zu teuer gewesen wäre.
  • Wahr: 1905 entstand der zweigeschossige, burgartige Bau mit Elementen, wie man sie an der Burg Dankwarderode und am Braunschweiger Dom findet. 1906 endete der Gießereibetrieb.
  • Wahr: 1912 kaufte die Schlaraffia Brunsviga den Komplex und baute ihn um. Den Turm setzten die Schlaraffen laut Der Löwe erst beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg auf, als Nachbildung des Dankwarderode-Turms.
  • Erfunden: die Gießerei als jahrzehntelanger Tarnbetrieb für den Bau einer Schlaraffenburg.
  • Erfunden: die Schlaraffen auf historischen Baustellenaufnahmen und unser Sachverständiger.
  • KI-generiert: das Bild.

Historische Zuverlässigkeit: 13 %FASTWAHR-Faktor: 87 %

Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.

Fast erfunden. Das Gebäude allerdings steht noch. Baubeginn: 1859. Tarnbetrieb: nicht nachweisbar. Abkühlphase: sechs Jahre. Quadriga: nebenbei erledigt. Burgübernahme: erfolgreich.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Brunsviga (55) sippt bis heute in der Okerburg. Gäste sind willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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