Große Persönlichkeiten1902-1994
Dieser Essener wurde mit 41 noch einmal Schüler. Seine Heimatstadt kannte das Prinzip längst.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene, kein Standbild aus dem Film; Personen und Klassenzimmer sind erfunden.
ESSEN. Eigentlich beginnt die Geschichte mit einem jener Abende, an denen Männer zusammensitzen und irgendwann zwangsläufig von ihrer Schulzeit erzählen. Die Lehrer werden mit jedem weiteren Jahr strenger, die Streiche besser und die eigenen Leistungen vermutlich etwas beeindruckender, als sie seinerzeit im Zeugnis gestanden haben. Nur einer der Anwesenden kann bei all dem nicht mitreden: Dr. Johannes Pfeiffer, erfolgreicher Schriftsteller und damit ein Mann, bei dem man annehmen dürfte, dass eine fehlende Schulerinnerung keine ernsthafte Lücke mehr im Lebenslauf darstellt.
Pfeiffer hatte Privatunterricht. Während die anderen von Lehrern, Klassenkameraden und Schulstreichen erzählen, fehlt ihm genau jene Erfahrung, die an diesem Abend plötzlich wichtiger erscheint als alles, was er später im Leben erreicht hat. Ein vernünftiger Mensch hätte das bedauert, sich noch ein Glas eingeschenkt und das Thema gewechselt. Pfeiffer entscheidet sich für die kompliziertere Lösung: Er will noch einmal zur Schule gehen, diesmal allerdings nicht als erfolgreicher erwachsener Schriftsteller, sondern als Schüler.
So beginnt jene Geschichte, die durch Heinz Rühmann und die „Feuerzangenbowle“ zu einem der bekanntesten deutschen Filmstoffe geworden ist. Rühmann verwandelt den erwachsenen Dr. Johannes Pfeiffer in einen Schüler, setzt ihm eine Mütze auf, lässt ihn zwischen Jugendlichen Platz nehmen und schafft damit eine Figur, die Generationen von Zuschauern davon überzeugt hat, dass ein erwachsener Mann durchaus noch einmal zur Schule gehen kann, sofern er nur genügend Selbstvertrauen besitzt und seinen Namen mit der notwendigen Genauigkeit erklärt.
Pfeiffer. Mit drei f.
Für FASTWAHR führt diese Geschichte nach Essen, denn dort wurde Heinz Rühmann am 7. März 1902 geboren. Als er am 3. Oktober 1994 starb, gehörte er längst zu den bekanntesten deutschen Schauspielern. Der Jahrestag wäre deshalb eigentlich Anlass genug, an ihn und seine berühmteste Rolle zu erinnern. Bei unserer Recherche fiel allerdings auf, dass die Grundidee der „Feuerzangenbowle“ in seiner Geburtsstadt erstaunlich vertraut wirkt: Ein erwachsener Mann legt für einige Stunden seine gewöhnliche gesellschaftliche Rolle ab, gibt sich einen anderen Namen, setzt eine ungewöhnliche Kopfbedeckung auf und betritt eine künstliche Welt, deren Regeln nur funktionieren, weil alle Beteiligten bereit sind, sie für diesen Zeitraum ernst zu nehmen.
In Essen praktizierten Männer dieses Verfahren bereits lange bevor Rühmann als Pfeiffer eine Schulbank bestieg.
Sie wurden allerdings keine Schüler.
Die Spur führt zu einer Gemeinschaft, deren Mitglieder aus ihrem gewöhnlichen Leben kamen und hinter einer Tür plötzlich nach völlig anderen Maßstäben miteinander umgingen. Da konnte draußen ein Arzt, Unternehmer, Beamter, Handwerker oder Akademiker stehen; drinnen verlor diese Einordnung erheblich an Bedeutung. Selbst der Name, mit dem jemand morgens noch angesprochen worden war, musste nicht derjenige sein, unter dem man ihn am Abend kannte. Hinzu kamen eigentümliche Begriffe, ungewöhnliche Gewänder und eine Welt, die mit erheblichem Aufwand so tat, als befände sie sich nicht mitten im Ruhrgebiet, sondern irgendwo zwischen Mittelalter, Theater und gepflegtem Unsinn.
Damit sind wir bei der Schlaraffia Assindia (50), dem ältesten Schlaraffenreych des Ruhrgebiets.
Wer dort erstmals zu Gast ist, dürfte nach einiger Zeit durchaus Parallelen zu Pfeiffers Rückkehr auf die Schulbank entdecken. Auch bei Schlaraffia genügt es nämlich nicht, im gewöhnlichen Leben längst erwachsen und möglicherweise ausgesprochen erfolgreich zu sein. Wer Gefallen an dem Spiel findet und dazugehören möchte, beginnt innerhalb dieser künstlichen Welt noch einmal von vorn. Aus einem Gast kann ein Prüfling werden, später ein Knappe und anschließend ein Junker, bevor irgendwann der Ritterschlag folgt. Ein Mann kann deshalb tagsüber ein Unternehmen führen, eine Behörde leiten oder über jahrzehntelange Berufserfahrung verfügen und am Abend feststellen, dass ihm all dies beim Aufstieg ins schlaraffische Rittertum keinen nennenswerten Vorsprung verschafft.
Johannes Pfeiffer hätte dieses Prinzip vermutlich verstanden. Auch er legt seine tatsächliche gesellschaftliche Stellung nicht deshalb ab, weil sie verschwunden wäre, sondern weil sie innerhalb des Spiels stört. Der erfolgreiche Schriftsteller muss zum Schüler werden, damit die Geschichte funktioniert. Niemand im Kino glaubt deshalb, Heinz Rühmann sei tatsächlich wieder schulpflichtig geworden, genauso wenig wie ein Besucher der Assindia annehmen dürfte, dass sich in Essen eine bislang unentdeckte mittelalterliche Ritterschaft erhalten hat.
Der Reiz entsteht gerade daraus, dass alle wissen, was gespielt wird.
FASTWAHR hat selbstverständlich trotzdem geprüft, ob hinter dieser auffälligen Parallele mehr stecken könnte. Schließlich wäre es eine wunderbare Geschichte, wenn ausgerechnet der in Essen geborene Rühmann irgendwann bei den dortigen Schlaraffen gesessen, deren Spiel kennengelernt und Jahre später daraus die Idee für seinen Pfeiffer entwickelt hätte. Wir hätten dann nur noch eine vergessene Gästeliste, einen Ritternamen oder wenigstens eine verdächtige Fotografie benötigt, und dieser Artikel hätte eine erheblich sensationellere Wendung genommen.
Wir haben nichts davon gefunden.
Es gibt keinen belastbaren Hinweis darauf, dass Heinz Rühmann Mitglied der Assindia oder überhaupt Schlaraffe war. Ebenso wenig lässt sich belegen, dass seine Darstellung des Johannes Pfeiffer irgendeinen Bezug zum schlaraffischen Spiel hatte. Gerade deshalb lohnt sich der Vergleich, denn die Ähnlichkeit entsteht nicht durch eine heimliche Verbindung, sondern durch eine gemeinsame Idee, die wesentlich älter ist als beide Geschichten: Erwachsene Menschen können mit großem Vergnügen eine Rolle annehmen, obwohl jeder Beteiligte weiß, dass sie nicht wirklich diese Rolle sind.
Bei der Schlaraffia kommt noch etwas hinzu, das Pfeiffers Schulversuch erstaunlich nahekommt. Die 1859 in Prag entstandene Gemeinschaft verstand ihr Spiel von Anfang an auch als Persiflage auf gesellschaftliche Hierarchien, Titel und übertriebene Wichtigkeit. Was draußen Eindruck macht, hilft innerhalb der Burg nur begrenzt. Ein akademischer Titel verbessert keine schlechte Fechsung, eine hohe berufliche Position macht einen mittelmäßigen Witz nicht lustiger, und wer gewohnt ist, dass andere Menschen seiner Stellung wegen besonders aufmerksam zuhören, kann innerhalb des Spiels erleben, dass dort andere Regeln gelten.
Auch Pfeiffer macht genau diese Erfahrung. Als Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer verfügt er über gesellschaftliches Ansehen und einen akademischen Titel. Als Schüler Pfeiffer interessiert das niemanden mehr. Plötzlich sitzt er wieder zwischen anderen, muss sich an Regeln halten, Lehrer ertragen und seine Position in einer Gemeinschaft neu finden. Dass er dabei erheblich mehr Unruhe verursacht als ein durchschnittlicher schlaraffischer Knappe, gehört vermutlich zu den Gründen, warum die Geschichte bis heute funktioniert.
Vielleicht liegt darin die schönste Verbindung zwischen Heinz Rühmann und den Essener Schlaraffen. Nicht darin, dass Rühmann einer von ihnen gewesen wäre – dafür gibt es keinen Beleg –, sondern darin, dass seine berühmteste Rolle etwas vorführt, das Menschen bei Schlaraffia seit Generationen freiwillig tun. Für einige Stunden lassen sie einen Teil dessen draußen, was ihr gewöhnliches Leben bestimmt, nehmen einen anderen Namen an und betreten eine Welt, die nur deshalb funktioniert, weil niemand den Fehler macht, sie mit der Wirklichkeit zu verwechseln.
Pfeiffer brauchte dafür eine Schülermütze.
In Essen verwendet man bis heute etwas mehr Ritterlichkeit.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Heinz Rühmann · Die Feuerzangenbowle (1944) · Essen · Schlaraffia Assindia (50)
- Wahr: Heinz Rühmann wurde am 7. März 1902 in Essen geboren und starb am 3. Oktober 1994.
- Wahr: In der „Feuerzangenbowle“ (gedreht 1943, Premiere am 28. Januar 1944) spielt Rühmann den erfolgreichen Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer, der wegen seines Privatunterrichts nie eine Schule besucht hat und sich deshalb als Schüler in ein Gymnasium einschleicht. Bei den Dreharbeiten war Rühmann 41 Jahre alt.
- Wahr: Die Schlaraffia Assindia (50) in Essen ist das älteste Schlaraffenreych des Ruhrgebiets. Schlaraffen tragen im Spiel eigene Namen, und wer dazugehören möchte, durchläuft die Stufen Prüfling, Knappe und Junker bis zum Ritterschlag.
- Erfunden: jede Verbindung zwischen Rühmann, seiner Rolle und der Assindia. Rühmann war nach allem, was bekannt ist, kein Schlaraffe.
- KI-generiert: das Bild. Es ist weder eine historische Aufnahme noch ein Filmstandbild.
Historische Zuverlässigkeit: 60 %FASTWAHR-Faktor: 40 %
Fast erfunden. Das Spielen ist echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Die Assindia (50) ist das älteste Schlaraffenreych des Ruhrgebiets und sippt in der Winterung montags in der Ruhrlandburg im Kolpinghaus Essen. Gäste sind willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Assindia (50), Essen schlaraffia-assindia.de
- Verband Allschlaraffia: Schlaraffen in Ihrer Nähe allschlaraffia.org
Hintergrund
- Wikipedia: Heinz Rühmann de.wikipedia.org
- Wikipedia: Die Feuerzangenbowle (1944) de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


