Große Persönlichkeiten1859–1937
22 Jahre lang trug er diesen Namen. Dann gründete er ein Reych, wo es ihn wirklich gab.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen und Szene frei erfunden; die Drei Gleichen stehen in Wirklichkeit weiter auseinander.
Gotha. Als Albert Eilers im Jahr 1881 gemeinsam mit fünf Angehörigen des Gothaer Theaters ein neues Schlaraffenreych gründete, lag die eigentliche Geburtsstunde der Schlaraffia bereits mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Eilers war zu diesem Zeitpunkt längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der 1830 geborene Opernsänger, Bassist, Dichter und Komponist hatte zum engsten Kreis jener Prager Künstler gehört, aus deren Zusammenkünften 1859 die Schlaraffia hervorgegangen war. Als die noch junge Gemeinschaft wenige Monate nach ihren ersten Treffen bereits auseinanderzubrechen drohte, gehörte Eilers zu denen, die sie zusammenhielten. Er schrieb und komponierte für den jungen Bund, wirkte an dessen Entwicklung mit und wurde zu einer der prägenden Figuren jener frühen Jahre.
Wie die anderen Schlaraffen legte auch Eilers im Spiel seine profane Identität nicht vollständig ab, sondern ergänzte sie um eine zweite. In der schlaraffischen Welt war er Ritter Graf Gleichen der Lindenmüller. Ein solcher Name war nichts Ungewöhnliches. Ritternamen gehörten von Anfang an zum Spiel mit der mittelalterlich anmutenden Gegenwelt, in der aus Schauspielern, Musikern, Kaufleuten oder Beamten für einige Stunden Ritter wurden. Sie spielten mit Eigenschaften, Berufen, Wortwitz und Anspielungen und entwickelten häufig erst im Laufe der Zeit ihre ganz eigene Bedeutung.
Bei Albert Eilers sollte diese Bedeutung allerdings eine bemerkenswerte geografische Wendung nehmen. Denn wenige Jahre nachdem er in Prag zum Grafen Gleichen geworden war, führte ihn sein beruflicher Weg 1865 an das Hoftheater von Coburg und Gotha. Dort wirkte er im Umfeld des Gothaer Theaters und gründete am 4. Februar 1881 gemeinsam mit fünf Theaterangehörigen die Kyborgia, aus deren weiterer Entwicklung schlaraffisches Leben in Coburg und Gotha hervorging.
Das allein wäre eine hübsche Episode aus der Ausbreitungsgeschichte der Schlaraffia. Ein Urschlaraffe verlässt Prag, kommt an ein anderes Theater und trägt die Idee weiter. Nur hieß dieser Urschlaraffe ausgerechnet Graf Gleichen. Und wenige Kilometer vor Gotha lag seit Jahrhunderten die Burg Gleichen.
Ein Name bekommt plötzlich eine Landschaft
Wer Gotha in Richtung Arnstadt verlässt, trifft auf eine Landschaft, die von drei markanten Burgbergen geprägt wird. Heute kennt man sie gemeinsam als die Drei Gleichen: die Mühlburg, die Veste Wachsenburg und die Burg Gleichen bei Wandersleben. Letztere ist diejenige, die dem Namen historisch zugrunde liegt. Die Burg wird bereits im 11. Jahrhundert erwähnt; seit dem 12. Jahrhundert war sie mit den Grafen von Tonna verbunden, die sich später nach ihrem Besitz Grafen von Gleichen nannten. Erst wesentlich später wurde der Name „Drei Gleichen“ auf das gesamte Burgenensemble übertragen.
Eilers musste diese Landschaft also nicht erst entdecken, damit sie existierte. Sie war lange vor ihm da. Interessant ist vielmehr die umgekehrte Reihenfolge: Der Mann kam bereits als Graf Gleichen nach Gotha und fand dort eine Burg, ein Grafengeschlecht und eine ganze regionale Überlieferung vor, die seinen seit Jahren getragenen Ritternamen plötzlich wie eine Ortsangabe erscheinen ließen.
Wie Eilers selbst auf diese Koinzidenz reagierte, ist nicht überliefert. Für FASTWAHR ist das bedauerlich, denn kaum eine Szene ließe sich schöner vorstellen als der Moment, in dem ein Prager Urschlaraffe erstmals von Gotha aus auf den Burgberg blickt und erfährt, wie die Ruine heißt. Unsere historische Rekonstruktion muss deshalb an dieser Stelle zwangsläufig etwas weiter gehen als die Quellen.
Danach soll Eilers eines Tages gemeinsam mit einigen Theaterkollegen die Gegend besucht haben. Einer der Begleiter habe auf die Ruine gezeigt und beiläufig den Namen „Burg Gleichen“ erwähnt. Eilers, der diesen Namen seit mehr als zwanzig Jahren selbst führte, soll daraufhin zunächst geschwiegen haben. Ob ihn die Existenz seiner vermeintlichen Stammburg überraschte oder ob er lediglich darüber nachdachte, weshalb ihm in Prag niemand von seinem thüringischen Grundbesitz erzählt hatte, lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Gesichert ist lediglich, dass der Besuch so nie stattgefunden haben muss. Für die weitere Geschichte wäre er allerdings ausgesprochen praktisch gewesen.
Ein Graf mit einer schwierigen Familiengeschichte
Noch interessanter dürfte für Eilers die Sage gewesen sein, die mit dem Namen Gleichen verbunden ist. Der sogenannte zweibeweibte Graf von Gleichen gehört zu den bekanntesten Gestalten der regionalen Überlieferung. Der Legende zufolge geriet der Graf während eines Kreuzzuges in Gefangenschaft. Eine Sultanstochter verliebte sich in ihn, ermöglichte ihm die Flucht und folgte ihm nach Europa. Dort ergab sich ein Problem, das mittelalterliche Heimkehrer nicht bei jeder Reise zu lösen hatten: Auf der Burg wartete bereits die Ehefrau des Grafen. Die Sage löst den Konflikt mit päpstlicher Zustimmung zu einem gemeinsamen Leben des Grafen mit beiden Frauen; später wurde sogar eine Grabplatte im Erfurter Dom mit der Erzählung in Verbindung gebracht.
Für einen Mann, der sich in Prag einen humorvollen Ritternamen zugelegt hatte, muss die Entdeckung, dass sein historischer Namensvetter vor allem wegen einer ungewöhnlichen Ehegeschichte bekannt war, zumindest Gesprächsstoff geboten haben. Einen Anlass, den Namen wieder abzulegen, sah Eilers jedenfalls nicht. Graf Gleichen der Lindenmüller blieb seine schlaraffische Identität.
FASTWAHR hält es sogar für denkbar, dass Eilers die Situation genau andersherum betrachtete. Vielleicht war nicht sein Rittername erklärungsbedürftig, sondern die Tatsache, dass in unmittelbarer Nähe der passenden Burg noch kein Schlaraffenreych existierte. Dafür gibt es keinerlei Beleg. Aber Eilers tat 1881 ausgerechnet etwas, das ausgezeichnet zu dieser Theorie passt. Er gründete eines.
Am 4. Februar 1881 beginnt der zweite Teil der Geschichte
Gemeinsam mit fünf Angehörigen des Gothaer Theaters rief Eilers die Kyborgia ins Leben. Das war kein isolierter Zufall, sondern entsprach durchaus der frühen Ausbreitung der Schlaraffia: Theaterleute, Sänger und Künstler spielten dabei eine wichtige Rolle, und persönliche Verbindungen zwischen den Städten trugen den schlaraffischen Gedanken weiter. Aus der Kyborgia entwickelten sich später eigenständige schlaraffische Gemeinschaften in Coburg und Gotha.
Dass einer der maßgeblichen Gründer dabei Graf Gleichen hieß und wenige Kilometer entfernt die Burg Gleichen stand, scheint in den überlieferten Gründungsunterlagen keine besondere Rolle gespielt zu haben. Genau dieser Umstand hat unsere Redaktion misstrauisch gemacht.
Denn eine von FASTWAHR entdeckte und außerhalb unserer Phantasie bislang vollkommen unbekannte Notiz Eilers’ deutet auf eine andere Motivation hin. Unter einer groben Skizze des Gothaer Umlandes soll lediglich gestanden haben: „Die Burg ist schon vorhanden. Es fehlen nur noch die Ritter.“
Damit erhielte die Gothaer Gründungsgeschichte eine bemerkenswerte neue Logik. Eilers hätte nicht einfach eine schlaraffische Idee aus Prag nach Thüringen gebracht, sondern einen seit 1859 bestehenden administrativen Missstand beseitigt: Ein Graf Gleichen war vorhanden, eine Burg Gleichen ebenfalls – nur zwischen beiden fehlte die passende Ritterschaft.
Für einen Mann des Theaters wäre das zudem eine dramaturgisch saubere Lösung gewesen. Man führt zunächst die Hauptfigur ein, stellt ihr im zweiten Akt die passende Kulisse zur Verfügung und kümmert sich anschließend um das Ensemble. Nur das Finale ließ ungewöhnlich lange auf sich warten.
Ein Plan mit sehr langer Laufzeit
Die erste Gothaer Schlaraffengeschichte verlief keineswegs geradlinig. Die Gotaha erlebte erfolgreiche Jahre, verlor später an Kraft und wurde schließlich gestrichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in Gotha erneut schlaraffisches Leben, bevor die politische Entwicklung in Deutschland auch diesem ein Ende setzte. Nach 1933 geriet Schlaraffia zunehmend unter Druck; 1937 war das öffentliche schlaraffische Leben in Deutschland beendet. Die regionale Geschichte, an der Eilers 1881 mitgeschrieben hatte, wurde dadurch für Jahrzehnte unterbrochen.
Albert Eilers selbst konnte nicht mehr erleben, wie sich diese Geschichte fortsetzte. Er starb 1896. Sein schlaraffischer Name blieb jedoch erhalten, denn als einer der Urschlaraffen gehört Graf Gleichen der Lindenmüller bis heute zur frühen Überlieferung des Bundes.
Auch die Burg verschwand nicht. Sie stand weiterhin zwischen Gotha und Arnstadt, gemeinsam mit ihren beiden Nachbarburgen, und der Name der Drei Gleichen wurde längst zur Bezeichnung einer ganzen Landschaft.
Damit waren fast alle Bestandteile von Eilers’ angeblichem Plan noch vorhanden. Es fehlte lediglich wieder das Reych. Und genau hier bekommt eine Geschichte, die 1859 in Prag begonnen hatte, ihren bemerkenswerten letzten Akt.
Heute gibt es in der Region Arnstadt/Gotha tatsächlich ein Schlaraffenreych. Es trägt die Nummer 432 und heißt: Zu den drey Gleichen. Das Reych knüpft an die schlaraffischen Traditionen beider Städte an und hat seinen Namen von jenem Burgenensemble übernommen, zu dem auch die Burg Gleichen gehört.
Zwischen Eilers’ Ritternamen und der Namensgebung des heutigen Reyches besteht damit keine belegte direkte Verbindung. Niemand kann seriös behaupten, Albert Eilers habe 1881 einen Plan entworfen, der Generationen später in einem Reych namens Zu den drey Gleichen enden sollte.
Man kann die tatsächliche Abfolge der Ereignisse allerdings nebeneinanderlegen. Dann beginnt die Sache merkwürdig auszusehen.
Ein Zufall braucht manchmal etwas Geduld
Albert Eilers wird 1859 in Prag zu Graf Gleichen der Lindenmüller. Sechs Jahre später kommt er nach Gotha, also ausgerechnet in jene Stadt, vor deren Toren die reale Burg Gleichen steht. Dort gründet er 1881 tatsächlich ein Schlaraffenreych und trägt damit die Prager Idee in die Region. Jahrzehnte nach seinem Tod entsteht schließlich ein Reych, das Arnstadt und Gotha miteinander verbindet und sich Zu den drey Gleichen nennt.
Jeder einzelne Teil dieser Abfolge lässt sich historisch erklären. Zusammengenommen wirkt sie trotzdem wie eine jener Geschichten, bei denen man unwillkürlich nach einem Zusammenhang sucht, obwohl die Quellen keinen liefern. Genau dort beginnt FASTWAHR.
Vielleicht war Albert Eilers’ Weg nach Gotha schlicht das Ergebnis seiner Theaterlaufbahn. Vielleicht war sein Rittername Graf Gleichen nur ein Wortspiel, das zufällig hervorragend zu seinem späteren Wirkungsort passte. Vielleicht hat er die Burg Gleichen besucht und darüber gelacht, vielleicht hat er sie kaum beachtet. Und selbstverständlich konnte er nicht wissen, dass viele Generationen später ein Schlaraffenreych der Region ausgerechnet den Namen Zu den drey Gleichen tragen würde.
Unsere alternative Erklärung ist weniger wahrscheinlich, aber erheblich befriedigender: Graf Gleichen war nicht zufällig nach Gotha gekommen. Er brauchte nur 145 Jahre, bis der Name seines Projektes vollständig auf dem Schild stand.
Für einen Mann des Theaters wäre selbst das nicht ungewöhnlich. Ein gutes Finale darf schließlich vorbereitet werden.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Albert Eilers · Burg Gleichen · Drei Gleichen · Grafen von Gleichen
- Wahr: Albert Eilers (1830–1896), Opernbassist, Dichter und Komponist, gehörte 1859 zum Prager Gründerkreis der Schlaraffia und hieß dort Ritter Graf Gleichen der Lindenmüller. In der Krise der jungen Gemeinschaft 1859 gilt er als einer, der sie zusammenhielt; viele frühe Schlaraffenlieder stammen von ihm.
- Wahr: Ab 1865 sang er am Hoftheater von Coburg und Gotha (bis 1882, danach Darmstadt). 1876 war er bei den ersten Bayreuther Festspielen der Fasolt im „Rheingold“.
- Wahr: Am 4. Februar 1881 gründete er mit fünf Theaterangehörigen die Kyborgia; 1882 trennten sich die Reyche Coburg (27) und Gotha (28). Die Gotaha wurde 1895 gestrichen, eine zweite Gotaha entstand 1904; 1937 wurde die Schlaraffia in Deutschland verboten.
- Wahr: Die Burg Gleichen bei Wandersleben wird 1034 erstmals genannt, war Sitz der Grafen von Tonna, die sich später Grafen von Gleichen nannten, und bildet mit Mühlburg und Veste Wachsenburg die Drei Gleichen. Mit ihr verbunden ist die Sage vom zweibeweibten Grafen, zu der eine Grabplatte im Erfurter Dom gehört.
- Wahr: Das Reych Zu den drey Gleichen (432) verbindet heute die schlaraffischen Traditionen von Arnstadt und Gotha.
- Erfunden: Eilers’ Besuch auf der Burg, seine Reaktion auf den Namen, die Notiz „Die Burg ist schon vorhanden. Es fehlen nur noch die Ritter.“ und ein Plan, der 145 Jahre später aufgeht.
- KI-generiert: das Bild.
Historische Zuverlässigkeit: 26 %FASTWAHR-Faktor: 74 %
Fast erfunden. Graf Gleichen war wirklich da.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – das Reych Zu den drey Gleichen (432) sippt jeden 1. und 3. Montag im Monat um 19:30 Uhr in der Gaststätte Schellhorn in Arnstadt. Gäste sind jederzeit herzlich willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Arnstadt und Gotha – Zu den drey Gleichen (432) dreygleichen.de
- Schlaraffia Berolina: Rt Graf Gleichen schlaraffia-berolina.de
- Wikipedia: Schlaraffia de.wikipedia.org
Hintergrund
- Zu den drey Gleichen: Geschichte von Kyborgia und Gotaha dreygleichen.de
- Wikipedia: Albert Eilers (Sänger, 1830) de.wikipedia.org
- Wikipedia: Burg Gleichen de.wikipedia.org
- Wikipedia: Drei Gleichen de.wikipedia.org
- Wikipedia: Grafen von Gleichen de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


