FASTWAHR ermittelt1605–2001
Acht Jahre lang gruben sie weiter. Niemand hatte gesagt, wann sie aufhören sollten.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen und Szene frei erfunden.
Homberg (Efze). Wer heute auf die Hohenburg steigt, erlebt zunächst das, was man von einer Höhenburg erwartet: Mauern, Ruinen und einen weiten Blick über Nordhessen. Die Burg liegt auf einem Basaltkegel rund 376 Meter über dem Meeresspiegel. Ihre Geschichte reicht mehr als tausend Jahre zurück, sie war eine bedeutende Festung der thüringischen und später hessischen Landgrafen und wurde im Dreißigjährigen Krieg schwer zerstört.
Die eigentliche Sehenswürdigkeit befindet sich allerdings nicht über, sondern unter den Füßen der Besucher. Im ehemaligen Brunnenhaus öffnet sich ein Schacht, der 150 Meter senkrecht in den Berg führt. Wer heute bei einer Führung Wasser hineinfallen lässt, muss einige Sekunden warten, bevor es unten hörbar auftrifft. Die Stadt bezeichnet ihn als einen der tiefsten Burgbrunnen Europas; die Burgberggemeinde nennt ihn den weltweit tiefsten vollständig ausgemauerten Burgbrunnen, der in Basaltgestein gehauen wurde.
150 Meter. Das entspricht ungefähr der Höhe eines 45- bis 50-stöckigen Hochhauses. Nur nach unten.
Die Frage, die FASTWAHR deshalb beschäftigt, lautet nicht, wie tief der Homberger Burgbrunnen ist. Das ist ziemlich genau bekannt. Interessanter ist: Warum hat eigentlich niemand früher aufgehört?
Das Wasser lag ausgesprochen ungünstig
Anfang des 17. Jahrhunderts besaß die Hohenburg ein Problem, das für eine Festung gefährlicher werden konnte als eine schwache Mauer. Ihr Wasser musste aus Quellen am Fuß des Berges geholt und mit Eseln hinauftransportiert oder in Zisternen gesammelt werden. Im Alltag war das umständlich, während einer Belagerung konnte es lebensgefährlich werden. Eine Festung, deren Wasserversorgung außerhalb der eigenen Mauern lag, war auf Dauer nicht unabhängig.
Landgraf Moritz von Hessen entschied deshalb 1605, dass die Burg einen eigenen Brunnen bekommen sollte. Das Vorhaben war technisch gewaltig. Die Bergkuppe bestand aus einer mehr als 120 Meter mächtigen Basaltschicht; erst darunter folgten andere Gesteinsschichten. Bergleute aus dem Mansfeldischen wurden verpflichtet, sich durch diesen Berg zu arbeiten. Jeweils zwei Männer waren unten im Schacht tätig, Tag und Nacht in Sechs-Stunden-Schichten, während Haspelknechte das herausgebrochene Material nach oben beförderten.
Man begann zu graben. Nach zehn Metern kam kein Wasser. Nach zwanzig Metern ebenfalls nicht. Auch nach fünfzig Metern war der Berg nicht geneigt, seine Flüssigkeitsreserven freiwillig herauszugeben. Nach hundert Metern befand man sich längst in einem Bereich, in dem ein vernünftiger Mensch zumindest die Frage gestellt hätte, ob vielleicht die ursprüngliche Idee überprüft werden sollte.
Die Homberger gruben weiter. Und genau hier beginnt der Teil der Geschichte, für den unsere Redaktion keinerlei belastbare Quelle gefunden hat.
Ein verhängnisvoll knapp formulierter Auftrag
In einem angeblich kürzlich aufgetauchten Arbeitsvermerk soll die Anweisung für die beteiligten Bergleute gestanden haben: „Es ist abzuteufen, bis Wasser gefunden wird.“ Weitere Angaben fehlen. Keine Zieltiefe. Keine Kostenobergrenze. Kein Enddatum. Vor allem kein Satz darüber, was geschehen sollte, falls das Wasser erheblich tiefer lag als erwartet.
Nach Darstellung unserer nicht existierenden Quelle führte dies im Frühjahr 1606 zu einer ersten Besprechung auf der Burg. Ein Verantwortlicher soll gefragt haben, wie tief man inzwischen sei. Die Antwort lautete sinngemäß: sehr tief. „Und Wasser?“ Nein. „Dann weiter.“ Damit war die Sitzung beendet.
Im folgenden Jahr wiederholte sich das Gespräch. Der Schacht war inzwischen noch tiefer, das Unternehmen noch teurer und das Wasser weiterhin nicht auffindbar. Wieder lautete die Entscheidung: „Dann weiter.“
FASTWAHR besitzt Hinweise darauf, dass zu diesem Zeitpunkt erstmals einige Herren in ungewöhnlich langen Mänteln an den Beratungen teilgenommen haben sollen. Ihre auffälligen Kopfbedeckungen sind auf einer angeblichen Zeichnung nur undeutlich erkennbar. Einer von ihnen soll jedoch eine Haltung vertreten haben, die das gesamte Projekt nachhaltig beeinflusste: Ein Brunnen ohne Wasser sei schließlich nur ein Loch.
Dieser Einwand war sachlich kaum zu widerlegen. Also wurde weitergegraben.
Aus dem Brunnen wird eine Grundsatzfrage
Mit jedem Meter wurde ein Abbruch schwieriger. Nicht technisch – psychologisch. Wer zehn Meter tief gegraben hat und nichts findet, kann noch vergleichsweise leicht aufhören. Wer hundert Meter tief gegraben und dafür bereits beträchtliche Summen ausgegeben hat, muss dagegen erklären, weshalb die vergangenen Jahre vergeblich gewesen sein sollen.
Bei 120 Metern war der Brunnen deshalb längst kein gewöhnliches Bauprojekt mehr. Er war zu einer Frage der persönlichen Ehre geworden.
Unsere unbekannten Berater sollen diese Entwicklung früh erkannt und einen bis heute in Großprojekten verwendbaren Grundsatz formuliert haben: „Je länger man erfolglos gräbt, desto näher muss das Ziel sein.“
Geologisch ist dieser Satz wertlos. Haushaltspolitisch besitzt er eine erstaunliche Lebensdauer.
Die Arbeiten gingen weiter. Basalt wurde gebrochen, Gestein nach oben geschafft und der Schacht aufwendig gesichert. Insgesamt verwendete man 352 Steinringe sowie ungefähr 4.000 Sand- und Tuffsteine zur Befestigung. Acht Jahre nach Beginn des Unternehmens geschah schließlich das, worauf Homberg gewartet hatte.
In 150 Metern Tiefe stießen die Bergleute auf Wasser. Damit war bewiesen, dass die ursprüngliche Anweisung vollkommen korrekt gewesen war. Man musste tatsächlich nur lange genug weitergraben.
25.000 Gulden später
Der Brunnenbau dauerte von 1605 bis 1613 und kostete nach den überlieferten Angaben etwa 25.000 Gulden – für die damalige Zeit eine enorme Summe. Der fertige Schacht wurde mit 546 Schuh Tiefe angegeben. Damit verfügte die Hohenburg endlich über eine eigene Wasserversorgung innerhalb ihrer Befestigung.
Ausgerechnet die spätere Geschichte zeigt allerdings, dass auch außergewöhnliche technische Lösungen nicht jedes militärische Problem lösen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Homberg 1636 von kaiserlichen Truppen besetzt. Die Hohenburg widerstand zunächst einer Belagerung. Als die Angreifer jedoch erfuhren, dass auf der Burg Wassermangel herrschte, kehrten sie zurück. Am 3. August 1636 fiel die Festung.
FASTWAHR hat diese Passage mehrfach gelesen. Man hatte acht Jahre lang 150 Meter tief in Basalt gegraben, 25.000 Gulden ausgegeben und einen der tiefsten Burgbrunnen Europas gebaut. Und nur gut zwei Jahrzehnte später spielte bei der Einnahme der Burg ausgerechnet Wassermangel eine Rolle.
An dieser Stelle hätte unsere Redaktion gerne einen Kommentar der ursprünglichen Brunnenkommission eingeholt. Sie war leider nicht mehr erreichbar.
Danach verschwand sogar der Brunnen
Die Hohenburg wurde im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges schwer beschädigt und 1648 endgültig zurückerobert. Danach verlor die Anlage ihre militärische Bedeutung und verfiel. Auch der gewaltige Brunnen verschwand unter Schutt und Erdreich. Über Jahrhunderte war von dem technischen Meisterwerk kaum noch etwas zu sehen.
Erst im 20. Jahrhundert begannen Homberger Bürger, die Reste der Burg wieder freizulegen. Ab 1936 wurde auch der Brunnenrand entdeckt. Jahrzehnte später nahm die Burgberggemeinde ein Projekt in Angriff, das eine gewisse historische Konsequenz besaß: Nachdem die Vorfahren acht Jahre gebraucht hatten, um den Schacht leer zu graben, wollten ihre Nachfahren nun den inzwischen verfüllten Schacht wieder leer räumen. 1997 begannen die Arbeiten. Der Brunnenspezialist Dr. Rainer Nier-Glück fuhr nach Angaben der Burgberggemeinde 1.566-mal in den Schacht hinab. Vier Jahre später, am 20. Juli 2001, war der Brunnen vollständig ausgeräumt.
FASTWAHR erkennt darin eine bemerkenswerte Homberger Konsequenz. Wenn dort einmal beschlossen wird, dass ein Loch frei sein soll, besitzt diese Entscheidung eine Gültigkeitsdauer von mehreren Jahrhunderten.
Dann erscheinen die merkwürdigen Herren wieder
Für unsere Geschichte wäre das bereits ein zufriedenstellendes Ende. Ein Brunnen, acht Jahre Bauzeit, 150 Meter Tiefe, 25.000 Gulden Kosten, später zugeschüttet und Jahrhunderte danach wieder ausgegraben – mehr kann man von einem historischen Bauprojekt kaum verlangen.
Doch in Homberg existiert heute tatsächlich ein Schlaraffenreych. Sein Name: Zur Hohenburg (430).
Natürlich hat dieses Reych mit dem Brunnenbau des frühen 17. Jahrhunderts nichts zu tun. Die Schlaraffia wurde erst 1859 in Prag gegründet. Die angeblichen Herren mit den eigentümlichen Kopfbedeckungen auf unseren erfundenen Bauzeichnungen können deshalb keine Schlaraffen gewesen sein.
Trotzdem ist die Namenswahl bemerkenswert. Von allen Dingen, nach denen man sich in Homberg benennen könnte, wählte man ausgerechnet jene Burg, auf der Menschen acht Jahre lang unbeirrt in die Tiefe gruben, weil irgendwann Wasser kommen musste. Eine Tätigkeit, für die Beharrlichkeit, Optimismus und eine gewisse Freude an vollkommen unverhältnismäßigem Aufwand erforderlich waren.
Wir behaupten ausdrücklich keinen Zusammenhang. Wir stellen lediglich fest, dass die geistige Grundhaltung nicht völlig fremd wirkt.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Hohenburg (Homberg) · Homberg (Efze) · Moritz (Hessen-Kassel) · Burgbrunnen
- Wahr: Die Hohenburg liegt auf einem Basaltkegel rund 376 Meter über dem Meeresspiegel über Homberg (Efze). Ihr Burgbrunnen ist rund 150 Meter (546 Schuh) tief und zählt zu den tiefsten Burgbrunnen Europas.
- Wahr: Landgraf Moritz von Hessen ließ ihn 1605 bis 1613 anlegen. Bergleute aus dem Mansfeldischen arbeiteten sich zu zweit in Sechs-Stunden-Schichten durch über 120 Meter Basalt; befestigt wurde der Schacht mit 352 Steinringen und rund 4.000 Sand- und Tuffsteinen. Die Kosten werden mit 25.000 Gulden angegeben (Wikipedia nennt Taler).
- Wahr: 1636 hielt die Burg einer ersten Belagerung durch kaiserliche Truppen stand. Als die Angreifer vom Wassermangel erfuhren, kehrten sie zurück und nahmen sie am 3. August 1636 ein. Laut Wikipedia soll zuvor eine Frau in den Brunnenschacht gestürzt und das Wasser dadurch unbrauchbar geworden sein.
- Wahr: 1648 wurde die Burg für Hessen zurückerobert, danach verfiel sie und der Brunnen wurde verschüttet. Ab 1936 legten Homberger Bürger die Burg frei; 1997 bis 2001 wurde der Brunnen ausgeräumt, laut Burgberggemeinde mit 1.566 Einfahrten. Am 20. Juli 2001 war die Wassersohle erreicht.
- Wahr: In Homberg (Efze) sippt die Schlaraffia Zur Hohenburg (430).
- Erfunden: die Arbeitsanweisung „bis Wasser gefunden wird“, die jährlichen Sitzungen mit „Dann weiter.“ und die Herren mit den auffälligen Kopfbedeckungen.
- KI-generiert: das Bild.
Historische Zuverlässigkeit: 22 %FASTWAHR-Faktor: 78 %
Fast erfunden. Die 150 Meter sind echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – das Reych Zur Hohenburg (430) sippt in Homberg (Efze) im Rathauskeller, in der Winterung alle zwei Wochen mittwochs ab 19:30 Uhr. Gäste sind herzlich willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Zur Hohenburg (430), Homberg (Efze) schlaraffia-homberg.de
- Zur Hohenburg: Sippungen und Gastbesuch schlaraffia-homberg.de
Hintergrund
- Burgberggemeinde Homberg: Der Brunnen auf der Hohenburg burgberggemeinde-homberg.de
- Burgberggemeinde Homberg: Geschichte der Hohenburg burgberggemeinde-homberg.de
- Stadt Homberg (Efze): Die Hohenburg homberg-efze.de
- Wikipedia: Hohenburg (Homberg) de.wikipedia.org
- Wikipedia: Moritz (Hessen-Kassel) de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


