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FASTWAHR ermittelt1812-1883

Die Brüder Grimm beschrieben das Schlaraffenland. Jahrzehnte später tauchten in Kassel tatsächlich Schlaraffen auf.

Kassel,

In einem alten Märchen wird von einem Land berichtet, in dem unglaubliche Dinge geschehen und die gewöhnliche Welt auf den Kopf gestellt wird. Gesammelt haben es ausgerechnet die Brüder Grimm, die viele Jahre in Kassel lebten. Jahrzehnte später gründeten Männer in derselben Stadt ein „Reych“ der Schlaraffen. Zufall? FASTWAHR hat eine verdächtig schöne Spur verfolgt.

FASTWAHR-Redaktion 6 Min. Lesezeit Satire
KI-Bild im Stil eines alten Stichs: Zwei Männer in Kleidung des 19. Jahrhunderts über einem aufgeschlagenen Märchenbuch, daneben ein Uhu, ein Banner mit der Aufschrift Chasalla, im Fenster eine Stadtansicht mit Schloss auf dem Berg, darüber eine Traumszene vom Schlaraffenland

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; die Personen, das Buch und die Stadtansicht sind erfunden und keine Porträts der Brüder Grimm.

KASSEL. Jacob und Wilhelm Grimm haben der Nachwelt einige Probleme hinterlassen. Kinder fürchten sich bis heute vor Wölfen, Hexen und Stiefmüttern, Erwachsene diskutieren darüber, welche Fassungen der Märchen eigentlich kindgerecht sind, und Germanisten beschäftigen sich beruflich mit Fragen, die ein normaler Mensch spätestens nach dem Satz „Es war einmal“ für geklärt hält. Bei einem ihrer Texte ergibt sich allerdings ein Problem ganz anderer Art, denn darin taucht ein Ort auf, dessen Name mehr als ein halbes Jahrhundert später in Kassel plötzlich eine erstaunliche zweite Karriere machen sollte.

Die Geschichte trägt in der Schreibweise der Grimms den Titel „Das Märchen vom Schlauraffenland“ und findet sich als Nummer 158 in den „Kinder- und Hausmärchen“. Wer bei einem Märchen mit diesem Titel gebratene Tauben erwartet, die freiwillig in offene Münder fliegen, sollte seine Erwartungen allerdings etwas korrigieren. Der Grimm-Text ist keine gemütliche Reisebeschreibung eines kulinarischen Paradieses, sondern eine wilde Ansammlung von Unmöglichkeiten. Dort pflügt ein Pflug ohne Ross und Rinder, ein Habicht schwimmt über den Rhein, Honig fließt aus dem Tal auf einen hohen Berg, und eine Schnecke erschlägt zwei wilde Löwen: Vorgänge, bei denen die Naturgesetze offenbar beschlossen haben, einen freien Tag einzulegen.

Das Prinzip ist uralt: Im Schlaraffenland gilt nicht, was normalerweise gilt. Die Welt wird umgedreht, Vernünftiges wird unsinnig und Unsinn plötzlich selbstverständlich. Wer versucht, darin eine zuverlässige Reisebeschreibung zu erkennen, sollte von einer Buchung zunächst absehen.

Für unsere Untersuchung ist allerdings weniger wichtig, was in diesem Land geschieht, sondern wer darüber berichtet.

Jacob und Wilhelm Grimm lebten und arbeiteten viele Jahre in Kassel. Hier entstanden entscheidende Teile ihres wissenschaftlichen und literarischen Werks, hier sammelten und bearbeiteten sie ihre berühmten Märchen. Kassel ist deshalb bis heute eng mit den Brüdern Grimm verbunden; die Stadt bezeichnet sich nicht ohne Grund als einen zentralen Ort ihres Lebens und Wirkens.

Und genau hier beginnt unsere Akte merkwürdig zu werden.

Denn Jahrzehnte nachdem die Grimms vom Schlaraffenland berichtet hatten, tauchten in Kassel Männer auf, die sich selbst Schlaraffen nannten.

Nicht irgendwo in Böhmen, nicht in einem abgelegenen Wirtshaus am anderen Ende Europas, sondern ausgerechnet in der Stadt der Brüder Grimm.

Die betreffende Gemeinschaft heißt Schlaraffia Chasalla. Ihr Name greift die historische Bezeichnung Kassels auf, während sie selbst zu jenem Bund gehört, der 1859 in Prag entstanden war und sich anschließend über zahlreiche Städte ausbreitete. Im Jahr 1883 erreichte diese Entwicklung Kassel. Dort entstand ein eigenes schlaraffisches Reych.

Für FASTWAHR war damit die Ausgangslage ausreichend verdächtig.

Auf der einen Seite zwei der berühmtesten Bewohner Kassels, die ein „Märchen vom Schlaraffenland“ überliefern. Auf der anderen Seite einige Jahrzehnte später Männer derselben Stadt, die plötzlich Schlaraffen heißen, ihren Versammlungsort zur Burg erklären und eine Welt betreten, in der gewöhnliche Bezeichnungen vorsätzlich durch andere ersetzt werden.

Man muss kein erfahrener Ermittler sein, um zumindest einen Blick in die Akten werfen zu wollen.

Unsere erste Vermutung lautete deshalb, dass die Kasseler Schlaraffen möglicherweise gar nicht ausschließlich einer aus Prag kommenden Tradition folgten. Vielleicht hatte jemand bei der Gründung der Chasalla in einer Kasseler Bibliothek den Grimm-Band aufgeschlagen, das Wort „Schlaraffenland“ entdeckt und beschlossen, dass die Stadt für eine entsprechende Gemeinschaft historisch geradezu prädestiniert sei.

Das hätte einiges erklärt.

Denn auch bei Schlaraffia wird die gewöhnliche Welt auf den Kopf gestellt. Männer mit vollkommen brauchbaren bürgerlichen Namen legen sich andere Namen zu. Ein Vereinslokal wird zur Burg, eine Sitzung zur Sippung und aus einem neuen Mitglied kann irgendwann ein Knappe, Junker und schließlich Ritter werden. Selbst die Sprache verändert sich. Geld wird zu Mammon, Bier zu Quell, Wein zu Lethe und das gewöhnliche Jahr erhält eine eigene schlaraffische Zeitrechnung.

Wer ohne Vorbereitung hineingerät, könnte deshalb durchaus zu dem Schluss kommen, die Brüder Grimm hätten nicht nur Märchen gesammelt, sondern versehentlich eine Gebrauchsanweisung hinterlassen.

Hinzu kommt eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Welten funktionieren nur, solange man bereit ist, sich auf ihre Regeln einzulassen. Niemand liest „Rotkäppchen“ und verlangt anschließend eine zoologische Untersuchung darüber, ob ein Wolf tatsächlich eine Großmutter im Ganzen verschlucken kann. Ebenso wenig erwartet ein Schlaraffe, dass die Burg im Grundbuch als mittelalterliche Wehranlage eingetragen ist. Die Freude entsteht gerade daraus, dass alle Beteiligten wissen, dass die Wirklichkeit für eine Weile anders behandelt wird.

Unsere Theorie wurde dadurch leider immer schöner.

Und schöne Theorien sind für FASTWAHR grundsätzlich gefährlich.

Deshalb haben wir weitergesucht.

Dabei zeigte sich zunächst, dass die Spur nach Prag tatsächlich stärker ist als unsere Kasseler Märchenhypothese. Schlaraffia entstand dort am 10. Oktober 1859 aus einer Gemeinschaft von Künstlern, Schauspielern und Musikern. Von Prag aus verbreitete sich das Spiel in andere Städte und schließlich auch nach Deutschland. Die Kasseler Chasalla steht in dieser schlaraffischen Entwicklung und ist keine unabhängige Erfindung, die aus einem Grimm-Märchen hervorging.

Damit war ein erster Teil unserer schönen Theorie bereits erledigt.

Der zweite hielt noch einige Minuten länger.

Denn vielleicht hatten wenigstens die Brüder Grimm den Begriff „Schlaraffenland“ erfunden und damit unwissentlich den Namen für jene Männer geliefert, die später in Prag und Kassel auftauchten.

Auch das wäre eine ausgezeichnete Geschichte gewesen.

Leider ist sie ebenfalls falsch.

Das Schlaraffenland ist erheblich älter als die Brüder Grimm. Vorstellungen eines paradiesischen Landes des Überflusses, in dem Arbeit überflüssig ist und Essen beinahe von selbst kommt, reichen weit ins Mittelalter zurück. Im Deutschen findet sich der Stoff lange vor Jacob und Wilhelm Grimm. Besonders bekannt wurde er durch Hans Sachs, der bereits im 16. Jahrhundert ein Gedicht vom Schlaraffenland schrieb. Die Grimms haben das Land also nicht erfunden. Sie haben einen wesentlich älteren Stoff in ihre Sammlung aufgenommen.

Unsere vermeintlich sensationelle Kasseler Verbindung schrumpfte damit erheblich.

Übrig blieb zunächst nur ein Zufall.

Doch gerade dieser Zufall ist eigentlich viel interessanter als die erfundene Verschwörung. In Kassel begegnen sich nämlich zwei Traditionen, die unabhängig voneinander mit demselben alten Gedanken spielen: der Lust daran, die gewöhnliche Welt für einen Augenblick außer Kraft zu setzen.

Im Grimm’schen Schlaraffenland geschieht das durch unmögliche Bilder und absurde Umkehrungen. Bei den Schlaraffen geschieht es durch ein gemeinsames Spiel, das den Alltag bewusst vor der Tür lässt. Berufliche Stellung, Titel und gesellschaftlicher Rang sollen innerhalb der Burg nicht bestimmen, wer wichtig ist. Politik und Religion bleiben draußen. Stattdessen zählen Humor, Freundschaft, Kunst und das, was jemand selbst zum gemeinsamen Abend beiträgt.

Das ist kein Schlaraffenland, in dem gebratene Tauben durch die Luft fliegen.

Schon aus versicherungsrechtlichen Gründen dürfte das von Vorteil sein.

Trotzdem hätte vermutlich gerade ein Märchensammler Freude an dieser Welt gehabt. Ein erwachsener Mann betritt einen Raum, lässt seinen gewöhnlichen Namen zumindest spielerisch zurück und wird Teil eines erfundenen Ritterreiches. Alle Anwesenden wissen, dass es dieses Reich außerhalb des Spiels nicht gibt, und behandeln es für einige Stunden trotzdem so, als wäre es vollkommen selbstverständlich.

Die Grimms hätten das Prinzip gekannt.

Märchen funktionieren genauso.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Verbindung zwischen Kassels berühmtesten Geschichtensammlern und den Männern der Chasalla. Nicht darin, dass Jacob oder Wilhelm Grimm heimlich den Bauplan für Schlaraffia hinterließen, sondern darin, dass beide Welten von einer menschlichen Fähigkeit leben, die wesentlich älter ist als Grimm, Schlaraffia und vermutlich auch Kassel selbst.

Menschen können gemeinsam etwas erfinden und für eine Weile darin leben.

Der entscheidende Unterschied liegt nur in der Rückkehr.

Aus einem Märchen kommt man gewöhnlich zurück, indem man das Buch zuklappt.

Bei der Chasalla reicht es, die Burg zu verlassen.

Danach werden aus Rittern wieder Männer mit ganz normalen Namen, aus dem Reych wird Kassel und aus der schlaraffischen Welt wieder jene Wirklichkeit, in der Honig bedauerlicherweise nicht bergauf fließt und gebratene Tauben weiterhin erhebliche Eigeninitiative verlangen.

Dass ausgerechnet in Kassel beides aufeinandertrifft, bleibt trotzdem eine jener historischen Pointen, die man kaum besser hätte erfinden können.

Die Brüder Grimm sammelten dort Geschichten aus einer Welt, in der das Unmögliche selbstverständlich wird.

Einige Jahrzehnte später begannen Männer derselben Stadt, sich regelmäßig in einer Welt zu treffen, in der das ebenfalls funktioniert.

Nur nennen sie es nicht Märchen.

Sie nennen es Schlaraffia.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Brüder Grimm · Kinder- und Hausmärchen · Schlaraffenland · Kassel

  • Wahr: Jacob und Wilhelm Grimm lebten und arbeiteten viele Jahre in Kassel. In ihren „Kinder- und Hausmärchen“ steht als Nummer 158 „Das Märchen vom Schlauraffenland“. Es ist ein Lügenmärchen: Ein Pflug ackert ohne Ross und Rinder, ein Habicht schwimmt über den Rhein, eine Schnecke erschlägt zwei Löwen. Gebratene Tauben kommen darin nicht vor.
  • Wahr: Das Schlaraffenland ist viel älter als die Grimms. Hans Sachs schrieb schon 1530 sein Gedicht „Das Schlaraffenland“.
  • Wahr: Die Schlaraffia entstand am 10. Oktober 1859 in Prag. Die Chasalla (51) in Kassel wurde im Herbst 1883 gegründet; nach eigener Darstellung trafen sich am 26. September 1883 die ersten Männer. In der Schlaraffensprache heißt Bier Quell und Wein Lethe.
  • Nicht belegt: Ein Zusammenhang zwischen dem Grimm-Märchen und der Gründung der Chasalla. Nichts deutet darauf hin, dass die Kasseler Schlaraffen ihr Reych wegen KHM 158 gründeten.
  • Erfunden: Die Vermutung, jemand habe bei der Gründung den Grimm-Band aufgeschlagen und Kassel deshalb für prädestiniert gehalten.
  • KI-generiert: Das Bild ist eine frei gestaltete KI-Szene und keine historische Darstellung.

Historische Zuverlässigkeit: 65 %FASTWAHR-Faktor: 35 %

Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.

Die Brüder Grimm brachten das Schlaraffenland in Kassel aufs Papier. Die Schlaraffen kamen später selbst.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Die Chasalla (51) sippt seit 1883 in Kassel, freitags um 20 Uhr in ihrer Burg an der Sandershäuser Straße 59.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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