FASTWAHR ermittelt1248-1881
Köln erklärte seinen Dom für fertig. Kurz darauf mussten die Handwerker wieder ran.
Köln,

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; Personen und Gerüst sind erfunden, keine historische Aufnahme der Nacharbeiten.
KÖLN. Wer 632 Jahre an einem Gebäude arbeitet, darf irgendwann den Wunsch verspüren, das Wort „fertig“ zu benutzen. In Köln war dieser Moment im Herbst 1880 gekommen, und man hatte allen Grund, ihn nicht still und heimlich verstreichen zu lassen. Seit 1248 wurde am Dom gebaut. Generationen von Steinmetzen, Baumeistern und Handwerkern waren gekommen und gegangen, politische Herrschaften verschwunden, Kriege geführt und Grenzen verschoben worden. Zwischendurch hatte die Baustelle für Jahrhunderte weitgehend geruht, bevor der Weiterbau 1842 wieder aufgenommen wurde. Nun ragten die beiden Türme mehr als 157 Meter über die Stadt, der Dom war bei seiner Vollendung sogar das höchste Bauwerk der Welt, und nach allem menschlichen Ermessen musste nur noch ein Schlusspunkt gesetzt werden.
Bei einem Bauwerk dieser Größe war selbst das komplizierter, als es klingt. Im Sommer 1880 wurden die gewaltigen Kreuzblumen auf die Turmspitzen gebracht. Die des Nordturms war im Juli fertig, die des Südturms folgte im August, allerdings mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Ein Schlussstein wurde zurückgehalten, weil man ihn für den symbolischen Abschluss des jahrhundertelangen Bauprojekts benötigte. Köln besaß damit etwas, wovon jeder Veranstaltungsplaner träumt – einen echten letzten Stein. Nun hätte man erwarten können, dass die Person, die ihn setzte, anschließend einen festen Platz in der Stadtgeschichte erhielt. Bei einem Bauprojekt von mehr als sechs Jahrhunderten möchte man schließlich wissen, wer am Ende das Licht ausgemacht hat.
Ganz so einfach war es nicht. Die Kreuzblume des Südturms stand bereits seit dem 14. August 1880, nur der Schlussstein fehlte noch, während die große Feier erst zwei Monate später stattfinden sollte. Ursprünglich hatte der Zentral-Dombau-Verein sogar den 15. August vorgesehen, passend zum Jahrestag der Grundsteinlegung von 1248. Kaiser Wilhelm I. ließ diesen Termin jedoch verstreichen und bestimmte schließlich den 15. Oktober, den Geburtstag seines verstorbenen Bruders Friedrich Wilhelm IV., zum Tag des Vollendungsfestes. Der Stein musste also warten, bis Politik und Terminkalender mit 632 Jahren Baugeschichte in Einklang gebracht worden waren.
Am 15. Oktober war es schließlich so weit. Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta kamen nach Köln, zahlreiche deutsche Fürsten begleiteten sie, eine Vollendungsurkunde wurde unterzeichnet, Reden wurden gehalten, Orden verliehen und das Ende des jahrhundertelangen Dombaus mit erheblichem nationalem Pathos gefeiert. Das Fest erstreckte sich über zwei Tage, ausgewählte Gäste nahmen am kaiserlichen Festbankett auf Schloss Brühl teil, und Köln durfte endlich verkünden, dass sein Dom vollendet sei. Nach allem, was eine ordnungsgemäße deutsche Feier ausmacht, war die Angelegenheit damit abgeschlossen.
Nur die Kreuzblumen auf den Türmen hielten sich offenbar nicht an das Protokoll. Aus der Entfernung wirkten ihre Blattkränze nach Ansicht von Kritikern zu kompakt und zu schwer, weshalb man sich entschloss, die gerade erst offiziell vollendeten Bauteile noch einmal zu bearbeiten. Im Winter 1880/81 entstanden in rund 150 Metern Höhe hölzerne Schutzgehäuse, die den Steinmetzen einen einigermaßen erträglichen Arbeitsplatz bieten sollten. Vierzig Männer machten sich dort oben daran, die bereits für fertig erklärten Turmspitzen nachzubessern; erst am 12. Februar 1881 waren diese Arbeiten abgeschlossen. Köln hatte damit eine Erfahrung gemacht, die Bauherren bis heute kennen: Die Feier ist vorbei, die Gäste sind zu Hause, auf den offiziellen Fotografien sieht alles wunderbar aus – und am nächsten Morgen stehen wieder Handwerker vor der Tür.
Für FASTWAHR wäre das bereits eine hinreichend schöne kölsche Geschichte gewesen, wenn uns bei der Recherche nicht noch etwas aufgefallen wäre. Denn während sich die Stadt auf den großen Moment ihrer Domvollendung vorbereitete, existierte dort bereits eine andere Gemeinschaft, die ebenfalls ausgesprochen großzügig mit Begriffen wie Burg, Rittertum, Würden und feierlichen Zeremonien umging. Ihre Mitglieder bauten zwar keine Kathedrale, dafür entwickelten sie ein Verfahren, bei dem erwachsene Männer neue Namen bekamen, verschiedene Stufen durchliefen und schließlich mit erheblichem Zeremoniell zu Rittern geschlagen wurden.
Die Gemeinschaft hieß Schlaraffia Colonia Agrippina (8) und war bereits 1878, also zwei Jahre vor der offiziellen Vollendung des Doms, in Köln gegründet worden. Sie gehörte damit zu den frühen Reychen der noch jungen Schlaraffia, die sich seit ihrer Entstehung 1859 von Prag aus in immer mehr Städte ausbreitete. Ausgerechnet im Köln des Jahres 1880 existierten also zwei Welten nebeneinander, in denen Titel, Würden, Zeremonien und große Gesten eine auffällige Rolle spielten – allerdings mit völlig unterschiedlichen Absichten.
Die Domvollendung war weit mehr als ein Fest der Architektur. Sie fand mitten im Kulturkampf zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche statt und wurde zugleich zu einer großen politischen und gesellschaftlichen Inszenierung. Kaiser, Fürsten und Honoratioren erschienen, Mitglieder des Zentral-Dombau-Vereins wurden öffentlich ausgezeichnet, Orden wurden verliehen und die gesellschaftliche Elite versammelte sich zum Festbankett. Bei den Schlaraffen dagegen waren solche Würden Teil einer bewusst künstlichen Welt. Auch dort gab es Titel, Orden, Ritter und feierliche Zeremonien, doch gerade damit wurde gespielt. Der gesellschaftliche Rang, den ein Mann draußen besaß, sollte innerhalb der Burg möglichst wenig bedeuten; wer sich selbst für besonders wichtig hielt, konnte sogar damit rechnen, dass seine Bedeutung im Laufe eines Abends auf ein gesünderes Maß zurückgeführt wurde.
FASTWAHR hat selbstverständlich geprüft, ob die Kölner Schlaraffen bei der Domvollendung vielleicht eine bislang übersehene Rolle spielten. Die Vorstellung wäre schließlich reizvoll: Während Kaiser und Fürsten unten auf den feierlichen Abschluss warteten, hätte sich ein Ritter der Colonia Agrippina unbemerkt auf den Südturm begeben und mit einem beherzten Hammerschlag 632 Jahre Baugeschichte beendet. Vielleicht hätte ein vergessener Protokolleintrag sogar vermerkt, dass „Rt. Steinbeißer gen Turm entsandt“ worden sei. Leider fand sich dafür nicht der geringste Hinweis. Die Colonia Agrippina hatte mit der Vollendung des Kölner Doms nach allem, was sich feststellen lässt, überhaupt nichts zu tun.
Die zeitliche Nachbarschaft bleibt trotzdem hübsch, denn während auf dem Domhügel Kaiser, Fürsten und Würdenträger die Vollendung eines nationalen Monuments feierten, trafen sich in derselben Stadt Männer, die gesellschaftlichen Rang für einige Stunden bewusst draußen ließen und stattdessen ihre eigene Ritterwelt bauten. Ob sie am 15. Oktober 1880 ebenfalls auf die Domtürme blickten, wissen wir nicht. Falls sie es taten, hätten sie möglicherweise einen entscheidenden Vorteil gegenüber den offiziellen Gästen gehabt: Schlaraffen wissen, dass eine große Zeremonie keineswegs bedeuten muss, dass anschließend wirklich alles vorbei ist. Nach einer Sippung kommt schließlich auch die nächste.
Beim Kölner Dom war es nicht anders. Der letzte Stein war gesetzt, die Vollendungsurkunde unterschrieben, der Kaiser wieder abgereist und das Bauwerk offiziell fertig, während wenige Monate später vierzig Steinmetze hoch oben an den Türmen weiterarbeiteten. Selbst damit endete die Geschichte bekanntlich nicht, denn der Dom besitzt bis heute eine eigene Dombauhütte, die das gewaltige Bauwerk erhält, restauriert und repariert. Das berühmte kölsche Bonmot, wonach die Welt untergehe, sobald der Dom irgendwann tatsächlich fertig sei, bekommt vor diesem Hintergrund eine gewisse historische Berechtigung.
Am 15. Oktober 1880 hat Köln es schließlich schon einmal versucht.
Das Ergebnis kennen wir.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Kölner Dom · Kreuzblumen des Kölner Domes · Wilhelm I. · Köln
- Wahr: Der Kölner Dom wurde am 15. und 16. Oktober 1880 nach 632 Jahren Baugeschichte (1248 bis 1880) als vollendet gefeiert, in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta. Der Zentral-Dombau-Verein hatte den 15. August geplant; der Kaiser wählte den Geburtstag seines verstorbenen Bruders Friedrich Wilhelm IV. Es gab ein kaiserliches Festbankett auf Schloss Brühl und Ordensverleihungen an Vorstandsmitglieder des Dombau-Vereins. Mit über 157 Metern war der Dom damals das höchste Bauwerk der Welt.
- Wahr: Die Kreuzblume des Nordturms wurde am 23. Juli 1880 aufgesetzt, die des Südturms am 14. August 1880, ohne Schlussstein; dieser wurde beim Fest gesetzt. Weil die Kreuzblumen als zu klotzig kritisiert wurden, arbeiteten 40 Steinmetze im Winter 1880/81 in Schutzgehäusen bis zum 12. Februar 1881 an den Blattkränzen.
- Wahr: Die Schlaraffia Colonia Agrippina (8) wurde am 30. Oktober 1878 in Köln gegründet.
- Erfunden: jede Beteiligung der Kölner Schlaraffen am letzten Stein, Rt. Steinbeißer und das schlaraffische Sonderkommando auf dem Südturm.
- KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.
Historische Zuverlässigkeit: 75 %FASTWAHR-Faktor: 25 %
Fast erfunden. Die ewige Baustelle ist echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Die Colonia Agrippina (8) sippt seit 1878 in Köln, in der Winterung freitags. Gäste sind willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Colonia Agrippina (8), Köln schlaraffia-colonia.de
- Verband Allschlaraffia: Reyche in Deutschland allschlaraffia.org
Hintergrund
- Wikipedia: Kreuzblumen des Kölner Domes de.wikipedia.org
- Stadtimpressionen Köln: Die Vollendung des Kölner Doms 1880 stadtimpressionen-koeln.de
- Rheinische Geschichte (LVR): Der Kölner Zentral-Dombauverein im 19. Jahrhundert rheinische-geschichte.lvr.de
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


