FASTWAHR ermittelt1855–2026
Erst als jemand das Blatt umdrehte, begann das eigentliche Problem

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen, Szene und Aufschriften frei erfunden.
Kirchheim unter Teck/Lenningen. Papier gehörte Ende des 19. Jahrhunderts längst zum Alltag. Zeitungen, Bücher, Geschäftspapiere und zunehmend auch aufwendig illustrierte Druckwerke sorgten für eine wachsende Nachfrage. Im Lenninger Tal, nur wenige Kilometer von Kirchheim unter Teck entfernt, beschäftigte sich die Papierfabrik Scheufelen schon seit Jahrzehnten mit der Frage, wie sich Papier verbessern ließ. Carl Scheufelen hatte dort 1855 eine Papiermühle übernommen und daraus einen industriellen Betrieb entwickelt. 1892 übernahmen seine Söhne Adolf und Heinrich die Fabrik – und genau in diesem Jahr gelang dort eine bemerkenswerte Neuerung.
Auf einer selbst konstruierten Streichmaschine stellte Scheufelen erstmals in Europa zweiseitig gestrichenes Kunstdruckpapier her. Dabei erhielt das Papier eine Beschichtung aus Pigmenten und Bindemitteln, wodurch sich insbesondere das damals neue Rasterdruckverfahren erheblich besser nutzen ließ. Hochwertige Bilder konnten plötzlich in einer Qualität gedruckt werden, die auf gewöhnlichem Papier kaum erreichbar war.
Warum allerdings unbedingt beide Seiten behandelt werden mussten, erschien der Geschichtsschreibung bislang so selbstverständlich, dass sie sich mit dieser Frage kaum beschäftigt hat. FASTWAHR hält das für einen Fehler.
Denn nach Unterlagen, die uns nicht vorliegen, begann die entscheidende Entwicklung keineswegs in der technischen Abteilung der Papierfabrik. Sie begann mit einer Reklamation.
Ein Schlaraffe aus dem württembergischen Raum soll 1892 mehrere Bögen besonders hochwertigen Papiers für eine künstlerische Arbeit bestellt haben. Um welche Arbeit es sich handelte, ist nicht überliefert. Denkbar wären eine Zeichnung, ein Vortrag oder eine Kombination aus beidem. Sicher ist nach unserer Quellenlage lediglich, dass der Verfasser mehr zu Papier bringen wollte, als ursprünglich geplant.
Er schrieb und zeichnete, bis die Seite voll war. Dann drehte er das Blatt um. Und war unzufrieden.
Die Vorderseite eignete sich hervorragend für seine Arbeit. Die Rückseite dagegen besaß nicht dieselben Eigenschaften. Für einen Menschen, der ein Blatt Papier lediglich als Träger einer Rechnung betrachtete, wäre die Sache damit erledigt gewesen. Für jemanden, der darauf etwas gestalten wollte, begann sie erst.
Wenig später soll bei Scheufelen eine ungewöhnlich kurze Beanstandung eingegangen sein: „Vorderseite ausgezeichnet. Rückseite unbrauchbar.“
Die Papierfabrik habe darauf zunächst ebenso knapp reagiert. Bei der beanstandeten Seite handele es sich schließlich um die Rückseite. Damit hätte der Vorgang abgeschlossen sein können.
Der Kunde stellte jedoch eine weitere Frage: „Warum?“
In Lenningen muss man sich diesen Moment nach FASTWAHR-Recherchen als eine jener Situationen vorstellen, in denen eine vollkommen vernünftige Antwort plötzlich nicht mehr ganz so vernünftig klingt. Papier hatte eine Vorderseite und eine Rückseite, weil Dinge nun einmal Vorder- und Rückseiten besitzen. Niemand verlangte von der Rückseite eines Gemäldes, ebenfalls ein Gemälde zu sein.
Der unbekannte Schlaraffe sah das anders. Ein Blatt Papier besitze zwei Seiten. Wenn beide vorhanden seien, müsse man auch beide für Kunst verwenden können. Außerdem habe er, so wird ihm zugeschrieben, beim Kauf keine Ermäßigung dafür erhalten, dass lediglich fünfzig Prozent des Produktes seinen Ansprüchen genügten.
Ob dieser letzte Hinweis die Künstler oder die Kaufleute bei Scheufelen überzeugte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das Ergebnis ist dagegen bekannt.
1892 nahm die Papierfabrik eine selbst gebaute Streichmaschine in Betrieb und produzierte erstmals in Europa zweiseitig gestrichenes Kunstdruckpapier. Das neue Verfahren wurde zum Erfolg und prägte die weitere Entwicklung des Unternehmens. Drei Jahre später trug die Firma bereits den Namen „Erste Deutsche Kunstdruck Papierfabrik Carl Scheufelen“.
Damit hätte die Angelegenheit für mehr als 130 Jahre als erledigt gelten können. Dann kam der 16. September 2026.
Ausgerechnet die Schlaraffia Under Teck (333) in Kirchheim unter Teck kündigte für diesen Abend einen öffentlichen Vortrag über Papier an. Dipl.-Ing. Kurt Hiller sollte in der Stiftsscheuer erklären, wie sich die Papierherstellung von ihren historischen Anfängen bis zur modernen Industrie entwickelt hat, welche Rohstoffe benötigt werden, welche Rolle Zellstoff und Altpapier spielen und mit welcher Geschwindigkeit heutige Papiermaschinen arbeiten.
Für einen gewöhnlichen Veranstaltungsbesucher ist das ein interessanter technikgeschichtlicher Vortragsabend. Für FASTWAHR ist es nach 134 Jahren die erste Gelegenheit, einige Fragen zu stellen.
Denn zwischen Kirchheim und Lenningen liegen nur wenige Kilometer. Genau dort wurde 1892 jenes Papier hergestellt, bei dem erstmals in Europa beide Seiten gestrichen wurden. Und nun beschäftigen sich ausgerechnet Schlaraffen dieser Region öffentlich und ausgesprochen detailliert mit der Geschichte der Papierherstellung.
Selbstverständlich kann das Zufall sein. Die Redaktion möchte lediglich wissen, ob beim Vortrag auch die Rückseite behandelt wird.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Papierfabrik Scheufelen · Kunstdruckpapier · Adolf Scheufelen · Lenningen
- Wahr: Carl Scheufelen übernahm 1855 eine Papiermühle in Oberlenningen und baute sie zu einer Papierfabrik aus. 1892 übernahmen seine Söhne Adolf (Technik) und Heinrich (Kaufmännisches) die Leitung; einzelne Quellen nennen dafür schon 1888.
- Wahr: 1892 stellte Scheufelen auf einer selbst gebauten Streichmaschine als erste Fabrik in Europa zweiseitig gestrichenes Kunstdruckpapier her. Der Strich aus Pigmenten und Bindemitteln kam dem damals neuen Rasterdruck sehr entgegen. Ab 1895 hieß die Firma „Erste Deutsche Kunstdruck Papierfabrik Carl Scheufelen“.
- Wahr: Zum 100-jährigen Jubiläum des Kunstdruckpapiers richtete das Unternehmen 1992 im Schlössle Oberlenningen ein Museum für Papier- und Buchkunst ein. Die Papierproduktion in Oberlenningen endete 2021.
- Wahr: Die Schlaraffia Under Teck (333) sippt in Kirchheim unter Teck und veranstaltet öffentliche Vortragsabende in der Stiftsscheuer, darunter nach Ankündigung am 16. September 2026 einen Vortrag über Papier mit Dipl.-Ing. Kurt Hiller. Mit dem Kunstdruckpapier von 1892 hat das Reych nichts zu tun.
- Erfunden: der unbekannte Schlaraffe, seine Bestellung, die Reklamation „Vorderseite ausgezeichnet. Rückseite unbrauchbar.“ und die Nachfrage „Warum?“.
- KI-generiert: das Bild. Pläne, Schild und Personen im Bild sind erfunden.
Historische Zuverlässigkeit: 20 %FASTWAHR-Faktor: 80 %
Fast erfunden. Die zweite Seite ist echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – Under Teck (333) sippt in der Winterung montags in der Sibyllenburg in Kirchheim unter Teck, Max-Eyth-Straße 33. Das Programm mit offenen Abenden steht auf der Seite des Reyches.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Under Teck (333), Kirchheim unter Teck under-teck.de
Hintergrund
- Under Teck: Sippungsfolge under-teck.de
- Wirtschaftsförderung Region Stuttgart: Die 1855 gegründete Papierfabrik Scheufelen fertigte als erste Fabrik in Europa Kunstdruckpapier wrs.region-stuttgart.de
- Wikipedia: Papierfabrik Scheufelen de.wikipedia.org
- Deutsche Biographie: Scheufelen, Adolf deutsche-biographie.de
- Teckbote: Die Geschichte der Papierfabrik Scheufelen teckbote.de
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


