FASTWAHR ermittelt1901–2026
Mehr als 120 Jahre lang suchte Lübeck nach den echten Buddenbrooks. Eine Liste dreht die Sache plötzlich um.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Szene frei erfunden; keine historische Aufnahme.
LÜBECK. Thomas Mann hatte sich durchaus Mühe gegeben. Als Buddenbrooks. Verfall einer Familie 1901 erschien, hieß Lübeck im Roman nicht Lübeck, aus realen Menschen waren literarische Figuren geworden und die Geschichte einer angesehenen Kaufmannsfamilie war selbstverständlich ein Werk der Dichtung. Das Problem bestand lediglich darin, dass zahlreiche Lübecker diese feinen Unterschiede nicht für ausreichend hielten. Sie erkannten ihre Stadt, ihre Häuser und vor allem einander.
Bald kursierten sogenannte Schlüssellisten, mit deren Hilfe sich Romanfiguren vermeintlichen realen Vorbildern zuordnen ließen. Wer beim Lesen noch nicht wusste, welcher Lübecker Kaufmann, Verwandte oder Bekannte hinter einer Figur stecken könnte, bekam gewissermaßen eine Gebrauchsanweisung zur Hand. Thomas Mann hatte aus Wirklichkeit Literatur gemacht, und seine Heimatstadt machte sich umgehend daran, den Vorgang rückgängig zu machen.
Das sorgte nicht überall für Begeisterung. Mann selbst schrieb später über das „Aufsehen und böse Blut“, das sein Roman in Lübeck hervorgerufen hatte. Manche Bürger fühlten sich wenig schmeichelhaft getroffen, andere dürften vor allem erleichtert gewesen sein, auf den Listen nicht vorzukommen. Die Beschäftigung mit der Frage „Wer ist wer?“ entwickelte jedenfalls eine erstaunliche Ausdauer.
Vielleicht erklärt das, warum eine weitere Namensliste lange Zeit zunächst gar nicht besonders verdächtig wirkte.
Sie beginnt ähnlich. Auf ihr stehen Namen bekannter Persönlichkeiten, daneben jeweils eine zweite Bezeichnung. Wer mit der Geschichte der Buddenbrooks vertraut ist, könnte darin ohne Weiteres einen weiteren Versuch vermuten, Wirklichkeit und Literatur miteinander zu verbinden. Nur funktioniert die Liste nicht.
Bei Emanuel Geibel steht „Junius“. Bei Clara Schumann findet sich „Donna Clara“. Und Georg Kreisler erscheint als „Alpenglühen“.
Spätestens bei Kreisler wird die Sache schwierig. Der österreichische Komponist und Kabarettist wurde erst 1922 geboren, Thomas Manns Roman war zu diesem Zeitpunkt längst volljährig. Außerdem kommt keine der genannten Bezeichnungen in den Buddenbrooks vor. Auch mit Lübecker Kaufmannsfamilien lassen sie sich nur unter erheblicher Beanspruchung der Phantasie verbinden.
Die vermeintliche Schlüsselliste entschlüsselt also nichts. Sie verschlüsselt. Irgendjemand hat reale Menschen genommen und ihnen neue Namen gegeben.
Für eine Stadt, die sich jahrzehntelang damit beschäftigt hatte, hinter erfundenen Namen reale Menschen aufzuspüren, ist das eine bemerkenswerte Umkehrung des Verfahrens.
Die Spur führt zu einer Lübecker Gemeinschaft, deren Umgang mit Namen ohnehin ungewöhnlich ist. Ihre Mitglieder treffen sich in einer eigenen spielerischen Welt, in der die Bezeichnungen des normalen Lebens an Bedeutung verlieren. Berufliche Titel bleiben draußen, gesellschaftliche Stellung hilft wenig, und wer länger dazugehört, bekommt irgendwann sogar einen neuen Namen. Gedichtet und musiziert wird dort ebenfalls, Geschichten werden vorgetragen, Kunst spielt eine wichtige Rolle, und Humor gilt als besonders gelungen, wenn derjenige, über den gelacht wird, anschließend noch mitlachen kann.
Dass eine solche Gemeinschaft ausgerechnet in Lübeck auf die Idee kommen könnte, bekannten Persönlichkeiten neue Namen zu geben, erscheint deshalb nicht völlig überraschend. Sie heißt Schlaraffia Lubeca.
Die Lubeca wurde bereits 1883 gegründet und gehört zur Schlaraffia, deren Spiel Kunst, Freundschaft und Humor miteinander verbindet. Zu dieser Welt gehören eigene Begriffe, Rituale und Namen, die für Außenstehende zunächst ein wenig so wirken können, als habe jemand einen Ritterroman, ein Theaterstück und einen sehr langen geselligen Abend gleichzeitig organisiert.
Und die rätselhafte Liste? Die ist gar nicht rätselhaft.
Die Lubeca führt Persönlichkeiten als Ehrenschlaraffen und versieht sie mit schlaraffischen Namen. Deshalb wird aus Emanuel Geibel „Junius“, aus Clara Schumann „Donna Clara“ und aus Georg Kreisler „Alpenglühen“.
Damit wäre unsere Recherche eigentlich beendet gewesen, hätte auf dieser Liste nicht noch ein weiterer Name gestanden. Thomas Mann. Ausgerechnet Thomas Mann.
Damit wird aus einer Lübecker Besonderheit plötzlich eine ziemlich hübsche literarische Retourkutsche. Denn kaum ein anderer Schriftsteller der Stadt hatte so eindrucksvoll demonstriert, was passieren kann, wenn man reale Menschen nimmt, Eigenschaften verändert, Namen austauscht und anschließend erklärt, das Ergebnis sei Literatur. Nun geschah dasselbe mit ihm.
Die Frage lautete nur, welchen Namen man einem Mann geben sollte, der selbst genügend berühmte Namen erfunden hatte.
Die Auswahl wäre beträchtlich gewesen. Tonio Kröger hätte sich angeboten. Der Zauberberg hätte später genügend Material geliefert, ebenso zahlreiche weitere Werke. Man hätte auf den Nobelpreis anspielen oder einen Namen wählen können, der Thomas Manns Verhältnis zu seiner Heimatstadt auf besonders kunstvolle Weise würdigte.
Die Lübecker Schlaraffen entschieden sich für eine wesentlich einfachere Lösung. Sie nannten ihn „Buddenbrook“.
Und genau an dieser Stelle musste FASTWAHR die eigene Recherche noch einmal überprüfen. Denn dieser Teil klingt verdächtig nach einer unserer Geschichten. Er ist aber wahr.
Die Schlaraffia Lubeca führt Thomas Mann tatsächlich als Ehrenschlaraffen „Buddenbrook“. Damit schließt sich ein Kreis, für dessen Konstruktion ein Satiriker vermutlich kritisiert worden wäre, weil die Pointe ein wenig zu perfekt geraten sei.
Thomas Mann hatte reale Lübecker genommen, ihre Namen verändert und sie in eine erfundene Familie geschickt. Die Lübecker brauchten etwas länger für die Antwort. Sie nahmen Thomas Mann, veränderten seinen Namen – und schickten ihn zurück in seine eigene Familie.
Dass dies als bewusste Reaktion auf die damaligen Schlüssellisten gedacht war, lässt sich natürlich nicht behaupten. Aber die Vorstellung besitzt einen gewissen Reiz. Während Generationen von Literaturwissenschaftlern untersuchten, wie viel Wirklichkeit in den Buddenbrooks steckt, hatten einige Lübecker das Verfahren längst umgedreht.
Sie untersuchten nicht mehr, wer hinter Buddenbrook steckt. Sie machten Thomas Mann zu einem.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Thomas Mann · Buddenbrooks · Buddenbrookhaus · Emanuel Geibel
- Wahr: Thomas Mann wurde 1875 in Lübeck geboren; „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ erschien 1901. In Lübeck kursierten Schlüssellisten, die Romanfiguren realen Vorbildern zuordneten. Mann schrieb 1905 („Bilse und ich“), das Buch mache in Lübeck „Aufsehen und böses Blut“.
- Wahr: Die Schlaraffia Lubeca (57) wurde 1883 gegründet und führt als Ehrenschlaraffen Emanuel Geibel („Junius“), Clara Schumann („Donna Clara“), Georg Kreisler („Alpenglühen“) – und Thomas Mann als „Buddenbrook“.
- Erfunden: die geheimnisvolle zusätzliche Schlüsselliste und dass diese Namen je mit der Suche nach den Vorbildern der Buddenbrooks verwechselt wurden.
- KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.
Historische Zuverlässigkeit: 55 %FASTWAHR-Faktor: 45 %
Fast erfunden. Buddenbrook ist echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Lubeca (57) sippt in der Winterung freitags um 19:30 Uhr in Lübeck. Termine findet ihr auf der Seite des Reyches.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Lubeca (57): Ehrenschlaraffen schlaraffia-lubeca.de
- Schlaraffia Lubeca: Startseite und Sippungen schlaraffia-lubeca.de
Hintergrund
- Buddenbrookhaus Lübeck: Der Roman „Buddenbrooks“ buddenbrookhaus.de
- Wikipedia: Buddenbrooks de.wikipedia.org
- Wikipedia: Thomas Mann de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


