FASTWAHR ermittelt1657-1882
In Magdeburg gab es Ritter, von denen heute kaum noch jemand etwas weiß

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; kein Porträt Otto von Guerickes, Versuchsaufbau und Stadtansicht sind erfunden.
MAGDEBURG. Diese Recherche begann mit einer Lücke. Für den 9. Oktober suchten wir nach einem historischen Ereignis in Magdeburg und stießen dabei auf Männer, die dort einst offenbar so selbstverständlich zu Hause waren, dass niemand damit rechnete, sie eines Tages erklären zu müssen. Sie hatten eigene Namen, trafen sich regelmäßig in einer Burg und bezeichneten ihre Gemeinschaft als Reych. Es gab Knappen, Junker und Ritter, dazu Zeremonien, Regeln und eine Sprache, die außerhalb ihrer Zusammenkünfte nur bedingt alltagstauglich gewesen sein dürfte. Das Merkwürdige daran ist nicht, dass es diese Gesellschaft einmal gab. Merkwürdig ist, dass man heute in Magdeburg kaum noch etwas von ihr bemerkt.
Wer nach verschwundenen Dingen in dieser Stadt sucht, landet zwangsläufig bei einem Mann, der mit dem Verschwinden wissenschaftliche Berühmtheit erlangte. Otto von Guericke, 1602 in Magdeburg geboren und später Bürgermeister der Stadt, beschäftigte sich im 17. Jahrhundert mit einer Frage, die damals keineswegs banal war: Kann es einen Raum geben, in dem praktisch nichts ist? Die Vorstellung vom horror vacui, der angeblichen Abneigung der Natur gegen die Leere, war noch keineswegs erledigt. Guericke baute Pumpen, experimentierte mit Gefäßen und Luftdruck und entwickelte daraus jene Versuche, die seinen Namen bis heute in Physikbüchern halten.
Die berühmteste Demonstration bestand aus zwei kupfernen Halbkugeln. Wurde die Luft aus ihrem Inneren entfernt, presste der äußere Luftdruck sie derart fest zusammen, dass selbst Pferde erhebliche Schwierigkeiten bekamen, sie wieder zu trennen. Die historische Überlieferung ist dabei übrigens kurioser als die verkürzte Schulbuchgeschichte. Guericke zeigte 1654 beim Reichstag in Regensburg zwar spektakuläre Vakuumexperimente, die großen Pferdeversuche mit den später weltberühmten Magdeburger Halbkugeln folgten jedoch erst danach. Die Otto-von-Guericke-Gesellschaft verweist auf erste erfolgreiche Versuche mit Pferden im Jahr 1657 in Magdeburg.
Damit hatte ein Magdeburger etwas höchst Ungewöhnliches geschafft: Er machte das Unsichtbare sichtbar, indem er zeigte, was geschieht, wenn etwas fehlt.
Genau deshalb wurde unsere andere Magdeburger Lücke interessant.
Denn mehr als 200 Jahre später tauchen in den historischen Spuren der Stadt plötzlich Ritter auf. Nicht jene gepanzerten Herren, die man in einer mittelalterlichen Stadtgeschichte erwarten könnte, sondern Männer des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie waren Kaufleute, Beamte, Ärzte, Handwerker, Künstler oder Angehörige anderer Berufe, gingen tagsüber einem vollkommen gewöhnlichen Leben nach und verwandelten sich abends offenbar in Personen mit Namen, die in keinem amtlichen Melderegister zu erwarten waren. Sie trafen sich nicht zu Sitzungen, sondern zu Sippungen, ihr Versammlungsraum hieß Burg, und über allem stand ausgerechnet ein Uhu.
Wer jetzt vermutet, Magdeburg habe 1882 ein kommunales Programm zur Wiederansiedlung ausgestorbener Ritter aufgelegt, liegt zwar falsch, aber nicht völlig außerhalb dessen, was unsere Quellen zunächst vermuten lassen könnten. Im Oktober 1882 entstand in Magdeburg tatsächlich eine neue Gemeinschaft. Ihre Mitglieder bauten keine mittelalterliche Herrschaft auf und beanspruchten auch keine Gebiete zwischen Elbe und Domplatz. Ihr „Reych“ existierte ausschließlich innerhalb eines Spiels.
Damit sind wir bei der Schlaraffia Magdeburgia.
Sie gehörte zur Schlaraffia, jener 1859 in Prag entstandenen Gemeinschaft, die sich in den folgenden Jahrzehnten über zahlreiche Städte verbreitete. Das Prinzip war ebenso einfach wie erklärungsbedürftig: Männer ließen für einige Stunden einen Teil ihrer normalen Welt vor der Tür. Beruflicher Rang und gesellschaftliche Stellung sollten innerhalb der Gemeinschaft möglichst wenig bedeuten, Politik und Religion blieben draußen. Stattdessen schuf man eine bewusst überzeichnete Ritterwelt, in der Kunst, Freundschaft und Humor den Abend bestimmten.
Gerade deshalb sind die Ritternamen wichtig. Ein solcher Name sollte nicht darüber informieren, welchen Rang jemand im wirklichen Leben besaß. Er schuf eine neue Figur. Aus dem angesehenen Herrn Doktor, dem Unternehmer, Beamten oder Handwerker wurde innerhalb der Burg ein Ritter, dessen Name häufig eine persönliche Eigenart liebevoll auf die Spitze trieb. Wer draußen gewohnt war, dass andere bei der Nennung seines Titels ehrfürchtig nickten, konnte drinnen feststellen, dass ein gelungenes Gedicht oder eine gute Pointe wesentlich mehr Eindruck machte.
Für eine Stadt Otto von Guerickes ist das fast zu passend, um es nicht zu missbrauchen.
Denn auch hier wurde etwas entfernt.
Nicht die Luft.
Sondern ein Teil der Wichtigkeit.
Wir waren kurz versucht, daraus die Behauptung zu entwickeln, die Magdeburger Schlaraffen hätten Guerickes Vakuumprinzip gesellschaftlich weiterentwickelt. Man nehme einen Raum, entferne Politik, Berufstitel und den Ernst des Alltags, verschließe anschließend die Tür und beobachte, was übrig bleibt. Als Versuchsanordnung wäre das hervorragend. Als historische Aussage ist es völliger Unsinn.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Otto von Guericke etwas mit Schlaraffia zu tun hatte, was schon deshalb schwierig gewesen wäre, weil er 173 Jahre vor ihrer Gründung starb. Ebenso wenig finden wir einen Beleg dafür, dass die Magdeburgia wegen der berühmten Vakuumexperimente so hieß, gegründet wurde oder ihre Abende als naturwissenschaftliche Versuchsreihe verstand.
Die wirkliche Geschichte besitzt allerdings einen Schluss, den wir uns nicht hätten ausdenken müssen.
Die Magdeburgia gibt es heute nicht mehr.
Die Männer verschwanden natürlich nicht auf geheimnisvolle Weise aus der Stadt. Das Reych erlosch. Seine schlaraffische Welt, in der aus einem gewöhnlichen Raum eine Burg und aus gewöhnlichen Magdeburgern Ritter wurden, lässt sich heute nicht mehr betreten. Wer nach der Magdeburgia sucht, findet Vergangenheit.
Und damit schließt sich die Geschichte auf eine Weise, die Guericke vermutlich gefallen hätte.
Denn das Verschwinden einer Sache bedeutet nicht, dass ihre Wirkung ebenfalls verschwunden ist.
Schlaraffia existiert weiterhin. In anderen Städten öffnen sich noch immer Türen, hinter denen erwachsene Männer ihre normalen Namen gegen Ritternamen tauschen, einen Uhu verehren, Gedichte und Geschichten vortragen, musizieren, Unsinn mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit betreiben und den Alltag für einige Stunden draußen lassen.
Man muss dafür heute auch keine historischen Vereinsregister durchsuchen. Wer wissen möchte, wo sich das nächste dieser merkwürdigen Reyche befindet, kann auf istunsegal.de nachsehen und den nächstgelegenen Ort finden.
Das ist möglicherweise die einzige vernünftige Fortsetzung dieser Recherche.
Denn die Magdeburger Ritter selbst können wir nicht mehr besuchen.
Ihre Artgenossen schon.
Und falls jemand dort zum ersten Mal eine Burg betritt und sich nach einer Stunde fragt, ob die Herren eigentlich alle vollkommen normal sind, sollte er mit seinem Urteil warten.
Otto von Guericke brauchte schließlich auch mehrere Experimente, bis das mit dem Nichts richtig funktionierte.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Otto von Guericke · Magdeburger Halbkugeln · Magdeburg · Schlaraffia Magdeburgia (47, erloschen)
- Wahr: Otto von Guericke wurde 1602 in Magdeburg geboren, war Bürgermeister der Stadt und gehört zu den Pionieren der Vakuumtechnik. Er starb 1686. Die Magdeburger Halbkugeln bestanden aus Kupfer; nach dem Abpumpen der Luft presste der äußere Luftdruck sie so fest zusammen, dass Pferdegespanne sie kaum trennen konnten.
- Wahr: 1654 zeigte Guericke auf dem Reichstag in Regensburg Vakuumversuche. Der erste große Pferdeversuch mit den Halbkugeln fand wahrscheinlich 1657 in Magdeburg statt.
- Wahr: Die Schlaraffia Magdeburgia (47) wurde im Oktober 1882 in Magdeburg gegründet und 1883 als Reych anerkannt. In der NS-Zeit löste sie sich auf und erwachte danach nicht wieder.
- Erfunden: Dass die Magdeburger Schlaraffen Guerickes Vakuumprinzip gesellschaftlich weiterentwickelt hätten. Es gab weder ein schlaraffisches Vakuumverfahren noch den Versuch, durch Entfernen von Amt, Würden und Alltag einen Ritter zu erzeugen.
- KI-generiert: Das Bild ist eine frei gestaltete KI-Szene und kein Porträt Otto von Guerickes.
Historische Zuverlässigkeit: 70 %FASTWAHR-Faktor: 30 %
Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.
Die Magdeburgia ist verschwunden. Die Schlaraffen nicht. Wo man heute noch welche findet, steht auf istunsegal.de.
Die Magdeburgia gibt es nicht mehr, die Schlaraffen schon. Wo heute das nächste Reych sippt, steht auf istunsegal.de.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Erloschene Reyche: 047 Magdeburgia, Chronik erloschene-reyche.info
- istunsegal.de: Schlaraffen in der Nähe istunsegal.de
Hintergrund
- NZZ Folio: Pferde gegen Luftdruck nzz.ch
- Spektrum Lexikon der Physik: Magdeburger Halbkugeln spektrum.de
- Wikipedia: Otto von Guericke de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


