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Große Persönlichkeiten1450–1462

Eigentlich sollte niemand erfahren, was hinter dieser Tür geschah

Mainz,

Jahrelang arbeitete in Mainz eine kleine Gruppe an einem streng gehüteten Projekt. Dann kam es zum Streit, Beteiligte gingen getrennte Wege – und wenig später verbreitete sich das Geheimnis über halb Europa.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Drei Herren in Umhängen und schlaraffischen Helmen beugen sich mit einem Drucker über einen frischen Druckbogen; daneben Setzkästen, eine hölzerne Druckpresse und Papierstapel, im Fenster Kirchtürme am Fluss

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen, Drucke und Aufschriften frei erfunden.

Irgendwann um die Mitte des 15. Jahrhunderts muss Johannes Gutenberg erkannt haben, dass er nicht nur eine technische Idee hatte, sondern ein Geheimnis. In seiner Mainzer Werkstatt entstand ein Verfahren, das verändern konnte, wie Menschen Wissen verbreiteten. Statt Bücher mühsam Seite für Seite abzuschreiben, sollten Texte aus einzelnen metallenen Buchstaben zusammengesetzt, gedruckt, wieder auseinandergenommen und anschließend für völlig andere Texte erneut verwendet werden. Gutenberg verband dafür Metallguss, Satztechnik, eine geeignete Druckfarbe und eine Presse zu einem Produktionsverfahren, das Bücher erstmals in größerer Zahl mit weitgehend identischem Text herstellen konnte. Was heute selbstverständlich klingt, war eine Revolution – und eine, die ihr Erfinder zunächst keineswegs mit der Konkurrenz teilen wollte.

Die Entwicklung kostete allerdings Geld. Der Mainzer Geschäftsmann Johannes Fust stellte Gutenberg erhebliche Summen zur Verfügung, die Werkstatt wuchs, Fachleute wurden beschäftigt und schließlich entstand mit der 42-zeiligen Bibel ein Werk, das eindrucksvoll zeigte, wozu die neue Technik fähig war. Etwa 180 Exemplare dürften hergestellt worden sein. Gutenberg konnte damit etwas leisten, das zuvor kaum vorstellbar gewesen war: Zahlreiche Menschen konnten Bücher erhalten, in denen tatsächlich auf jeder Seite dieselben Wörter standen.

Für die Geschichtsschreibung ist das der Beginn des modernen Buchdrucks. Für FASTWAHR stellt sich eine viel banalere Frage: Warum war es im Mainz des 15. Jahrhunderts plötzlich so wichtig, dass mehrere Menschen wirklich denselben Text bekamen?

Eine Antwort liefert ein Dokument, das unsere Redaktion nach gründlicher Prüfung zweifelsfrei als nicht existent einstufen konnte. Es handelt sich angeblich um die Abschriften einer Einladung zu einer Zusammenkunft unbekannter Mainzer Herren. Sie sollten alle denselben Termin und dasselbe Programm enthalten. Tatsächlich beginnt die Veranstaltung in einem Exemplar um sieben Uhr und in einem anderen um acht. Auf einer Abschrift fehlt ein Programmpunkt, auf einer weiteren sind zwei hinzugekommen. Ein Schreiber hat eine längere Passage offenbar nicht entziffern können und stattdessen „wie üblich“ notiert. Unter dem gesamten Konvolut findet sich schließlich der verzweifelte Vermerk eines Verantwortlichen: „Bitte diesmal allen dasselbe geben.“

Gutenberg bekommt Besuch

Genau diese Unterlagen sollen einige ungewöhnlich gekleidete Herren eines Abends in Gutenbergs Werkstatt mitgebracht haben. Ihre langen Mäntel und eigentümlichen Kopfbedeckungen wären im Mainz des 15. Jahrhunderts durchaus aufgefallen, doch Gutenberg interessierte angeblich weniger die Kleidung als ihr Auftrag. Man benötige ungefähr zwanzig Exemplare eines Textes, erklärten die Besucher, und jedes Exemplar müsse wirklich dasselbe enthalten.

Gutenberg soll zunächst die naheliegende Lösung vorgeschlagen haben: Man könne den Text zwanzigmal abschreiben lassen. Daraufhin breiteten die Herren ihre bisherigen zwanzig Abschriften vor ihm aus. Mehr musste nicht gesagt werden.

Die tatsächliche technische Lösung Gutenbergs war natürlich ungleich anspruchsvoller. Sein entscheidender Fortschritt bestand darin, Schrift in wiederverwendbare Bestandteile zu zerlegen. Einzelne Lettern konnten zu Wörtern und Zeilen zusammengesetzt, eingefärbt und auf Papier oder Pergament übertragen werden. War der Druck abgeschlossen, zerlegte man den Satz wieder und verwendete dieselben Buchstaben für das nächste Werk. Gutenberg erfand damit nicht einfach eine Maschine, sondern ein ganzes Produktionssystem.

Für die Verbreitung von Wissen war das epochal. Für unsere angeblichen Mainzer Auftraggeber hatte es zunächst einen überschaubareren Vorteil: Wenn auf dem gesetzten Blatt Dienstag stand, stand anschließend auf allen zwanzig Exemplaren Dienstag.

Dass Gutenberg diese neue Technik ausgerechnet für eine Bibel verwendete und nicht für Veranstaltungsprogramme, dürfte zu einer gewissen Enttäuschung geführt haben. Zwischen etwa 1452 und 1455 entstand die berühmte 42-zeilige Bibel mit 1.282 Seiten. Gutenberg orientierte sich dabei bewusst an der Ästhetik hochwertiger Handschriften; Initialen und Schmuck konnten weiterhin von Hand ergänzt werden, sodass die gedruckten Bücher trotz identischen Grundtextes individuelle Kunstwerke blieben.

Unsere unbekannten Herren sollen davon nur mäßig begeistert gewesen sein. Sie hatten Gutenberg schließlich gerade deshalb aufgesucht, weil sie genug von individuellen Fassungen desselben Textes hatten. Bei einer Bibel, räumten sie ein, könne man eine Ausnahme machen.

Aus dem Geheimnis wird ein Problem

Gutenberg hatte gute Gründe, die Einzelheiten seiner Arbeit nicht öffentlich zu machen. Seine Technik war wirtschaftlich wertvoll, die Entwicklung teuer und die Werkstatt hoch spezialisiert. Doch ausgerechnet die Finanzierung brachte das Projekt in Schwierigkeiten. Johannes Fust verlangte sein investiertes Geld zurück. Der Konflikt endete 1455 vor Gericht; das sogenannte Helmaspergersche Notariatsinstrument ist bis heute eine der wichtigsten Quellen für diesen Streit. Danach trennten sich die Wege. Fust arbeitete mit Gutenbergs früherem Mitarbeiter Peter Schöffer weiter und veröffentlichte 1457 den berühmten Mainzer Psalter.

Damit war das Wissen nicht mehr auf Gutenbergs Werkstatt beschränkt. Wenige Jahre später beschleunigte ein Ereignis diese Entwicklung auf dramatische Weise. 1462 wurde Mainz im Zuge der Mainzer Stiftsfehde erobert. Einwohner mussten die Stadt verlassen, darunter auch Menschen aus dem Umfeld des Druckgewerbes. Drucker und ihr Wissen gelangten in andere Städte, neue Werkstätten entstanden und innerhalb weniger Jahrzehnte breitete sich die neue Technik über Europa aus.

Das besitzt eine gewisse historische Ironie. Eine Technik, deren Entwicklung zunächst möglichst geheim bleiben sollte, wurde zu einem der wirksamsten Instrumente zur Verbreitung von Informationen überhaupt. Gutenberg hatte eine Methode geschaffen, mit der sich Wissen vervielfältigen ließ – und bald ließ sich auch das Wissen über diese Methode nicht mehr aufhalten.

Unsere angeblichen Auftraggeber hätten das vermutlich begrüßt. Endlich konnten Einladungen, Programme, Verlautbarungen und andere wichtige Schriftstücke in beliebiger Zahl hergestellt werden, ohne dass jeder Abschreiber eine persönliche Neufassung daraus machte.

Damit könnte FASTWAHR die Akte schließen. Wäre da nicht eine erheblich spätere Entwicklung in Mainz.

Einige Jahrhunderte später

In Mainz entstand schließlich tatsächlich ein Schlaraffenreych, die Moguntia (45). Sie sippt seit 1882 – und nennt ihre Burg ausgerechnet „Gutenberg-Burg“. Mit Johannes Gutenberg persönlich kann sie selbstverständlich nichts zu tun gehabt haben. Die Schlaraffia wurde erst 1859 in Prag gegründet; zwischen Gutenbergs Werkstatt und den Mainzer Schlaraffen liegen mehrere Jahrhunderte. Unsere merkwürdig gekleideten Besucher sind deshalb ebenso erfunden wie ihre misslungenen Abschriften.

Trotzdem besitzt die Geschichte eine unangenehme innere Logik. Denn kaum eine Gemeinschaft weiß den Wert reproduzierbarer Schriftstücke besser zu würdigen als eine, deren Vereinsleben Einladungen, Sippungsfolgen, Verlautbarungen, Ritterpässe, Protokolle, Festschriften und zahlreiche weitere Dokumente hervorbringt. Gutenberg löste also bereits im 15. Jahrhundert ein Problem, von dem die Moguntia erst sehr viel später profitieren konnte. Allerdings nur zur Hälfte.

Denn seine Erfindung sorgte zwar dafür, dass zwanzig Menschen zwanzig identische Exemplare eines Textes erhalten konnten. Sie sorgte nicht dafür, dass diese zwanzig Menschen den Text anschließend auch lasen.

So soll es trotz der neuen Technik schon beim nächsten Treffen zu Schwierigkeiten gekommen sein. Ein Teilnehmer erschien am falschen Tag, zwei eine Stunde zu früh und ein weiterer erklärte glaubhaft, von dem Termin überhaupt nichts gewusst zu haben. Kurz vor Beginn soll schließlich jemand gefragt haben, wann die Veranstaltung eigentlich anfange.

An diesem letzten Problem arbeiten Kommunikationswissenschaft und Veranstaltungskalender bis heute.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Johannes Gutenberg · Gutenberg-Bibel · Johannes Fust · Peter Schöffer

  • Wahr: Johannes Gutenberg entwickelte in Mainz den Buchdruck mit beweglichen Metalllettern zu einem Produktionssystem aus Letternguss, Satz, Druckfarbe und Presse.
  • Wahr: Die 42-zeilige Bibel (B42) entstand etwa 1452 bis 1454/55 in rund 180 Exemplaren, etwa 150 auf Papier und 30 auf Pergament, mit rund 1.282 Seiten. Initialen und Schmuck wurden von Hand ergänzt.
  • Wahr: Finanziert hatte Johannes Fust; der Streit um sein Geld endete 1455 vor Gericht, festgehalten im Helmaspergerschen Notariatsinstrument. Fust druckte danach mit Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer und brachte 1457 den Mainzer Psalter heraus.
  • Wahr: Im Oktober 1462 wurde Mainz in der Mainzer Stiftsfehde erobert, Hunderte Bürger wurden vertrieben. Danach verbreitete sich der Buchdruck rasch in anderen Städten Europas.
  • Wahr: In Mainz sippt seit 1882 die Schlaraffia Moguntia (45) – auf ihrer „Gutenberg-Burg“ im Heiliggeist.
  • Erfunden: die Schlaraffen in Gutenbergs Werkstatt, die zwanzig voneinander abweichenden Einladungen und der Druck als Antwort auf falsch abgeschriebene Termine.
  • KI-generiert: das Bild.

Historische Zuverlässigkeit: 15 %FASTWAHR-Faktor: 85 %

Fast erfunden. Die Druckerpresse ist echt.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Moguntia (45) sippt seit 1882 in Mainz, von Oktober bis April donnerstags auf ihrer Gutenberg-Burg. Gäste sind nach kurzer Kontaktaufnahme willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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