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Große Persönlichkeiten1898–2026

Einmal im Jahr bekommt Wilhelm Busch Besuch von Rittern

Mechtshausen / Hildesheim,

In einem kleinen Dorf am Harz liegt Wilhelm Busch seit 1908 begraben. Meistens hat er dort seine Ruhe. Doch einmal im Jahr marschieren Männer in Ritterrüstungen zu seinem Grab, eine Kanone wird abgefeuert und anschließend wird um eine Kette gekämpft. Mit Gedichten. Eine Geschichte, die verdächtig erfunden klingt.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Zeichnung: Schlaraffen mit Federhelmen, Uhu-Banner und Fanfare legen einen Kranz am Grabstein von Wilhelm Busch nieder, auf dem ein Rabe sitzt; ein Ritter liest von einem Blatt vor

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Szene frei erfunden; Bild für das Seitenformat seitlich erweitert.

Wer in Mechtshausen jemanden sucht, der seit mehr als hundert Jahren tot ist, hat es vergleichsweise einfach.

Man geht am ehemaligen Pfarrhaus vorbei, folgt ein Stück den Spuren eines alten Herrn, der hier einst gern spazieren ging, und gelangt schließlich auf den Friedhof.

Dort liegt Wilhelm Busch. Seit 1908.

Das ist insofern bemerkenswert, als Busch vermutlich selbst genügend Einfälle gehabt hätte, was nach seinem Tod mit ihm geschehen könnte. Max und Moritz wurden bekanntlich zermahlen und von Enten verspeist. Hans Huckebein endete nach einer folgenschweren Begegnung mit Alkohol an einem Strick. Im Vergleich dazu war ein ordentliches Grab auf einem niedersächsischen Dorffriedhof geradezu ein Happy End.

Und dort wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Wäre da nicht dieser eine Tag im Jahr. Dann kommen die Ritter.

Zuerst hört man sie

Es beginnt, so wird erzählt, nicht unbedingt mit einem besonders unauffälligen Geräusch.

Fanfaren erklingen. Eine Kanone wird abgefeuert.

Und schließlich setzt sich ein Zug von Männern in Bewegung, deren Kleidung beim unvorbereiteten Beobachter gewisse Zweifel daran aufkommen lassen könnte, ob er auf dem Weg nach Mechtshausen möglicherweise falsch abgebogen und versehentlich im Mittelalter gelandet ist.

Die Männer tragen farbenprächtige Rüstungen und Helme. Unter ihnen sind Ritter, Junker und Knappen.

Ihr Ziel ist kein Burgtor. Ihr Ziel ist das Grab von Wilhelm Busch.

Dort angekommen, halten sie eine Ansprache. Sie gedenken des Toten. Sie legen einen Kranz nieder.

Und sie nennen den Mann, vor dessen Grab sie stehen, nicht Wilhelm Busch. Sie nennen ihn: Hans Huckebeyn.

Spätestens an dieser Stelle hätte Busch die Geschichte vermutlich gefallen. Denn sie wird noch merkwürdiger.

Der Rabe ist an allem schuld

Hans Huckebein war bekanntlich kein Ritter. Er war ein Rabe.

Und auch charakterlich war er nur eingeschränkt geeignet, als Vorbild für eine ehrenwerte Gesellschaft zu dienen.

Buschs „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“ beißt, zerrt, ärgert, zerstört und trinkt schließlich Alkohol. Danach nimmt die Geschichte eine Entwicklung, die heutigen Kinderbuchverlagen vermutlich mehrere Sitzungen mit der pädagogischen Fachabteilung bescheren würde.

Aber dieser Rabe gab Wilhelm Busch einen zweiten Namen. Denn Busch wurde Ehrenschlaraffe.

Die Schlaraffia Hildesia aus Hildesheim führt ihn als ihren Ehrenschlaraffen Hans Huckebeyn.

Und damit kommen wir zu jenen Herren, die einmal im Jahr an seinem Grab stehen.

Sie gehören zu einer Gemeinschaft, in der erwachsene Männer freiwillig Ritterhelme tragen, sich merkwürdige Namen geben, ihre Zusammenkünfte „Sippungen“ nennen und ein Spiel pflegen, in dem Kunst, Freundschaft und Humor wichtiger sind als die Frage, ob das alles für Außenstehende einen vernünftigen Eindruck macht.

Mit anderen Worten: Wilhelm Busch hätte vermutlich verstanden, worum es geht.

Ob er bei der Namenswahl allerdings persönlich gefragt wurde, ist nicht überliefert. Das könnte daran liegen, dass Tote bei solchen Dingen erfahrungsgemäß schwer erreichbar sind.

Dann beginnt das Turnier

Nun könnte man meinen, der jährliche Besuch am Grab sei der Höhepunkt. Ist er nicht.

Nach der Gedenkfeier ziehen die Ritter wieder ab. Denn jetzt muss gekämpft werden.

Allerdings hat sich seit den klassischen Ritterturnieren einiges verändert. Pferde spielen keine entscheidende Rolle mehr. Lanzen ebenfalls nicht. Auch die Aussicht, vom Gegner aus dem Sattel gestoßen und anschließend von einem nervösen Schlachtross überrannt zu werden, ist erfreulich gering.

Die Waffen sind Gedichte.

Beim Huckebeyn-Ritt folgt auf das Gedenken an Busch ein literarisches Turnier. Die Teilnehmer messen sich mit eigenen Beiträgen und mit jenem Werkzeug, mit dem Wilhelm Busch vermutlich erheblich gefährlicher war als die meisten Ritter mit einem Schwert: mit Worten.

Das ist keine nachträglich erfundene Pointe.

2015 fand bereits der 96. Huckebeynritt statt. Zeitgenössische Berichte schildern Fanfarenklänge, Salutschüsse aus der Reychskanone, den gemeinsamen Zug zum Grab, eine Gedenkansprache und die Kranzniederlegung. Anschließend trafen sich die Schlaraffen zum literarischen Wettstreit.

Dem Sieger winkte dabei ein Titel, den man auf einer gewöhnlichen Visitenkarte eher selten findet: „Edler von Mechtshausen“. Außerdem durfte er für ein Jahr die Hans-Huckebeyn-Kette tragen.

Spätestens jetzt wird es schwierig, diese Geschichte noch durch Erfindungen wesentlich schlaraffischer zu machen. Wir versuchen es trotzdem.

Das Gedicht, das alles auslöste

Unter den Schlaraffen hält sich nämlich eine Geschichte über den Ursprung des literarischen Turniers.

Demnach soll bei einem der frühen Besuche ein Ritter unmittelbar vor Buschs Grab ein selbstverfasstes Gedicht vorgetragen haben.

Es soll lang gewesen sein. Sehr lang.

Vor allem aber soll es schlecht gewesen sein. Außerordentlich schlecht.

Nach der dritten Strophe habe ein anwesender Ritter nervös auf den Grabstein geschaut. Nach der fünften sei aus Richtung des Grabes ein leises Geräusch zu hören gewesen. Nach der siebten habe schließlich jemand geflüstert: „Freunde, hört auf. Sonst steht er wieder auf.“

Daraufhin habe man beschlossen, dichterische Beiträge künftig vorher in einem Turnier gegeneinander antreten zu lassen. Nur der beste solle gewinnen. Wilhelm Busch habe schließlich schon zu Lebzeiten genug ertragen müssen.

Eine schöne Geschichte. Leider stimmt kein Wort davon. Zumindest konnten wir keinen Beleg dafür finden.

Aber vielleicht hätte Busch gerade deshalb seine Freude daran gehabt.

Der Mann, der hier seine Ruhe suchte

Der wirkliche Wilhelm Busch kam 1898 nach Mechtshausen. Er war 66 Jahre alt und zog in das Pfarrhaus seines Neffen Otto Nöldeke. Dort bewohnte er zwei Zimmer mit Blick in Richtung Heber. Das Dorf war klein, die Landschaft ruhig, und Busch suchte eher die Natur als die Gesellschaft.

Die Mechtshäuser sahen ihn häufiger bei seinen Spaziergängen durch die Feldmark oder auf seiner Lieblingsbank am Waldrand als mitten im Dorf.

Zehn Jahre verbrachte er hier.

Am 9. Januar 1908 starb Wilhelm Busch in Mechtshausen und wurde auf dem Friedhof des Ortes beigesetzt. Seine ehemaligen Wohnräume sind heute Teil des Wilhelm-Busch-Hauses.

Ausgerechnet der Mann, der sich im Alter in ein kleines Dorf zurückgezogen hatte, bekommt also mehr als ein Jahrhundert später regelmäßig Besuch von Männern aus dem „Uhuversum“.

Vielleicht ist das die schönste Pointe der ganzen Geschichte.

Denn Wilhelm Busch schrieb über menschliche Eitelkeiten, Missgeschicke und die wunderbare Fähigkeit des Menschen, sich selbst wichtiger zu nehmen, als es die Welt unbedingt verlangt.

Und dann stehen an seinem Grab Ritter. Sie blasen Fanfaren. Sie feuern eine Kanone. Sie legen einen Kranz nieder. Und anschließend tragen sie Gedichte vor.

Man kann natürlich behaupten, das sei alles ein bisschen verrückt. Nur sollte man mit diesem Urteil vorsichtig sein. Denn vermutlich hätte Hans Huckebein dazu auch noch etwas zu sagen.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Wilhelm Busch · Hans Huckebein, der Unglücksrabe · Wilhelm-Busch-Haus Mechtshausen · Mechtshausen

  • Wahr: Wilhelm Busch zog 1898 zu seinem Neffen, Pfarrer Otto Nöldeke, ins Pfarrhaus Mechtshausen, bewohnte dort zwei Zimmer mit Blick zum Heber und starb am 9. Januar 1908; er liegt auf dem Friedhof des Ortes begraben. Das Pfarrhaus ist heute das Wilhelm-Busch-Haus.
  • Wahr: Die Schlaraffia Hildesia (190) aus Hildesheim führt Busch als Ehrenschlaraffen „Hans Huckebeyn“ und zieht jedes Jahr zum Huckebeynritt an sein Grab – beim 96. Ritt 2015 mit Fanfaren, Salutschüssen aus der Reychskanone, Ansprache und Kranz.
  • Wahr: Im anschließenden Huckebeyn-Turney wird mit eigenen Beiträgen gewetteifert; der Sieger trägt ein Jahr lang die Hans-Huckebeyn-Kette und den Titel „Edler von Mechtshausen“.
  • Erfunden: das fürchterlich schlechte Gedicht am Grab und dass es zur Einführung des Turniers führte.
  • KI-generiert: das Bild. Für das Seitenformat wurde es seitlich um Papierfläche erweitert.

Historische Zuverlässigkeit: 30 %FASTWAHR-Faktor: 70 %

Fast erfunden. Die Ritter am Grab sind echt.

Die Ritter aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Hildesia (190) sippt in der Winterung montags um 20 Uhr in Hildesheim. Termine und den nächsten Huckebeynritt findet ihr auf der Seite des Reyches.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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