Große Persönlichkeiten1806–1922
Als er Mühlhausen verließ, nahm er eine Zeichnung mit. Jahrzehnte später erkannte man die Idee in New York wieder.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen und Szene frei erfunden.
Mühlhausen. Wer im frühen 19. Jahrhundert in Mühlhausen aufwuchs, bekam eine wichtige städtebauliche Grundregel täglich vor Augen geführt: Eine ordentliche Stadt war von einer Mauer umgeben. Mühlhausen besaß davon reichlich. Mauern, Türme und Tore machten unmissverständlich klar, wo die Stadt aufhörte und der Rest der Welt begann.
Hier wurde am 12. Juni 1806 Johann August Röbling geboren. Schon früh zeigte sich seine Begabung für Mathematik und technische Fragen. Nach seiner Ausbildung in Erfurt studierte er an der Berliner Bauakademie unter anderem Architektur, Wasser- und Brückenbau. 1831 wanderte er gemeinsam mit seinem Bruder und weiteren Mühlhäusern nach Nordamerika aus. Aus Johann August Röbling wurde John A. Roebling – und aus dem jungen Thüringer schließlich einer der bekanntesten Brückenbauer seiner Zeit.
Sein berühmtestes Projekt kennt heute fast jeder: die Brooklyn Bridge über den East River. Röbling entwarf die gewaltige Hängebrücke zwischen Manhattan und Brooklyn, erlebte ihre Fertigstellung jedoch nicht mehr. Nach einem Unfall bei Vermessungsarbeiten starb er 1869 an Tetanus. Sein Sohn Washington führte das Projekt weiter, unterstützt von seiner Frau Emily. 1883 wurde die Brücke eröffnet.
So weit ist die Geschichte gut dokumentiert. Weniger bekannt ist, warum ein Mann aus einer thüringischen Stadt sein Berufsleben ausgerechnet damit verbrachte, Orte miteinander zu verbinden. FASTWAHR glaubt, die Antwort gefunden zu haben.
Das Problem lag direkt vor der Haustür
In einem kürzlich entdeckten Konvolut aus Röblings Jugend befindet sich eine Zeichnung, die zunächst wenig spektakulär wirkt. Zu sehen ist die Mühlhäuser Stadtmauer mit einem Tor. Davor steht eine kleine Gruppe von Männern, darunter ein junger Röbling. Drei seiner Begleiter tragen lange Mäntel und eigentümlich geformte Kopfbedeckungen, die für das Mühlhausen der 1820er-Jahre zumindest ungewöhnlich gewesen sein dürften.
Auf der Rückseite steht lediglich ein Satz: „Eine Mauer ist gut. Man kommt nur schlecht auf die andere Seite.“
Das klingt zunächst nicht nach einer ingenieurwissenschaftlichen Erkenntnis, die eines Tages den Brückenbau verändern sollte. Es beschreibt allerdings ein Problem, mit dem Röbling später beruflich erstaunlich häufig zu tun bekam.
Unsere Rekonstruktion beginnt an einem Nachmittag, an dem der junge Röbling mit seinen unbekannten Begleitern vor einem verschlossenen Stadttor gestanden haben soll. Warum es geschlossen war, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich haben wir auch diesen Teil erfunden. Entscheidend ist vielmehr die Diskussion, die sich daraus entwickelte. Einer der Männer soll sich gewundert haben, warum eine Stadt erhebliche Mittel in Mauern investiere, nur um anschließend an ausgewählten Stellen wieder Löcher hineinzubauen, damit Menschen hinein- und hinausgelangen könnten.
Röbling erklärte geduldig, genau dafür seien Tore da.
Sein Gesprächspartner fand das unnötig kompliziert. Wenn Menschen von einer Seite auf die andere wollten, brauche man schließlich keine Mauer mit Loch, sondern etwas, das beide Seiten miteinander verbinde.
Röbling soll daraufhin sein Skizzenbuch hervorgeholt haben. Damit war das Problem für die Herren erledigt. Für Röbling begann es möglicherweise gerade erst.
In Amerika fehlt plötzlich die Mauer
Als Röbling 1831 auswanderte, hatte er keineswegs vor, zum berühmtesten Brückenbauer Amerikas zu werden. Gemeinsam mit anderen deutschen Auswanderern gründete er in Pennsylvania die Siedlung Germania, die später Saxonburg hieß. Das landwirtschaftliche Leben befriedigte den ausgebildeten Ingenieur jedoch nicht dauerhaft. Er kehrte zu technischen Aufgaben zurück und beschäftigte sich bald mit Verkehrswegen, Kanälen und Transportanlagen. Dabei entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung leistungsfähiger Drahtseile – genau jener Technik, die später für seine großen Hängebrücken entscheidend werden sollte.
Damit besaß Röbling plötzlich ein technisches Mittel, mit dem sich seine angebliche Mühlhäuser Grundfrage in wesentlich größerem Maßstab beantworten ließ. In Thüringen hatten Mauern Menschen voneinander getrennt und Tore sie wieder zusammengeführt. In Amerika erledigten Flüsse dieselbe Arbeit ganz ohne Maurer. Röbling begann, Brücken darüber zu bauen.
Die Projekte wurden größer, die Spannweiten länger und die Konstruktionen kühner. Schließlich rückte eine Aufgabe ins Blickfeld, die selbst für Röbling gewaltig war: Eine dauerhafte Verbindung sollte über den East River führen und Manhattan mit Brooklyn verbinden.
Aus dieser Planungsphase besitzt FASTWAHR eine zweite, ähnlich zweifelhafte Notiz. Röbling soll während einer Besprechung gefragt worden sein, wie er die Aufgabe grundsätzlich verstehe. Seine Antwort: „Zwei Städte. Dazwischen kommt man schlecht durch.“ Mehr habe man in Mühlhausen auch nicht wissen müssen.
Aus einer Mühlhäuser Idee wird ein Weltbauwerk
Die wirkliche Konstruktion der Brooklyn Bridge war selbstverständlich erheblich komplizierter. Gewaltige steinerne Türme, mächtige Verankerungen und ein System aus Stahlseilen ermöglichten eine Hauptspannweite von rund 486 Metern. Als die Brücke 1883 eröffnet wurde, galt sie als technisches Meisterwerk. Röbling selbst konnte diesen Triumph nicht mehr erleben. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Washington die Leitung des Projekts; auch Emily Warren Roebling spielte bei seiner Vollendung eine bedeutende Rolle.
Damit war aus dem Sohn eines Mühlhäuser Tabakhändlers endgültig einer der berühmtesten Ingenieure Amerikas geworden. Seine Heimatstadt hat ihn bis heute nicht vergessen. In Mühlhausen erinnern unter anderem die Röblingstraße und weitere Gedenkorte an den Mann, dessen berühmtestes Bauwerk mehr als 6.000 Kilometer entfernt steht.
Nur die drei merkwürdigen Herren aus seiner angeblichen Jugendzeichnung waren verschwunden. Zumindest vorläufig.
Fast hundert Jahre später tauchen die Ritter wieder auf
Im Jahr 1922 entstand in Mühlhausen die Molhusia (224), ein Reych der Schlaraffia. Damit gab es ausgerechnet in Röblings Geburtsstadt plötzlich Männer, deren eigentümliche Gewänder eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Personen auf unserer angeblichen Zeichnung aus den 1820er-Jahren aufweisen. Das wäre für FASTWAHR als Beweis durchaus ausreichend. Leider widerspricht die Zeitrechnung.
Röbling war bereits seit 53 Jahren tot, als die Molhusia gegründet wurde. Und Schlaraffia selbst entstand überhaupt erst 1859 in Prag. Die Männer auf der Zeichnung können also unmöglich Schlaraffen gewesen sein.
Unsere historische Abteilung hat darauf hingewiesen, dass dies gegen die Echtheit des Dokuments spricht. Die Redaktion hat den Hinweis zur Kenntnis genommen.
Die Geschichte der Molhusia verlief zudem weniger heiter als unsere Erfindung. Nach dem Verbot der Schlaraffia in der Zeit des Nationalsozialismus gehörten Mühlhäuser Schlaraffen nach dem Krieg noch einmal zu den Thüringer Freunden, die ihre Tradition wieder aufleben lassen wollten. 1950 war die Molhusia bei der „Auferstehungssippung der Thüringer Reyche“ in Weimar vertreten, und ihre Sassen ritten noch in den 1960er-Jahren bei benachbarten Reychen ein. Unter den Bedingungen der DDR konnte die Molhusia jedoch nicht dauerhaft weiterbestehen. Das Reych erlosch.
Die Molhusia (224) existiert heute nicht mehr. Ihre Geschichte ist dennoch nicht verschwunden. Die Gedenkseite schlaraffia-muehlhausen.de erinnert heute an das frühere Mühlhäuser Reych und bewahrt seine Geschichte.
Die Brücke reicht weiter als gedacht
An dieser Stelle hätte FASTWAHR die Akte eigentlich schließen können. Ein berühmter Mühlhäuser wandert nach Amerika aus, baut dort Brücken und Jahrzehnte nach seinem Tod entsteht in seiner Heimatstadt ein Schlaraffenreych. Ein Zusammenhang besteht nicht.
Dann fiel unserer Redaktion auf, wo Röblings berühmteste Brücke endet. In Brooklyn. Und nach Brooklyn benannt ist tatsächlich die Brooklynia (123). Das Reych wurde bereits 1894 gegründet; historische Unterlagen der Schlaraffia Brooklynia sind bis heute in deutschen Archiven erhalten.
Damit befinden sich an beiden Enden von Röblings Lebensgeschichte Schlaraffen: Auf der einen Seite Mühlhausen, seine Geburtsstadt und spätere Heimat der Molhusia. Auf der anderen Seite Brooklyn, Ziel seines berühmtesten Brückenprojekts und Namensgeber der Brooklynia.
Röbling selbst konnte von keiner dieser Verbindungen etwas wissen. Als er 1869 starb, war seine große Brücke noch nicht gebaut, die Brooklynia noch nicht gegründet und von der Molhusia noch weit und breit nichts zu sehen.
Aus Sicht der Geschichtswissenschaft handelt es sich damit um eine hübsche Koinzidenz. FASTWAHR kommt zu einem anderen Ergebnis:
Die Brooklyn Bridge ist länger als bisher angenommen. Sie beginnt eigentlich in Mühlhausen. Nur der mittlere Abschnitt ist bislang nicht gebaut worden.
Und wo sind die Schlaraffen heute?
Wer heute in Mühlhausen nach der Molhusia sucht, wird kein aktives Reych mehr finden. Geblieben sind ihre Geschichte und die Erinnerung an jene Mühlhäuser, die einst zu Schlaraffia gehörten.
Der heute nächstgelegene Schlaraffenverein befindet sich in Eisenach. Dort trifft sich das Feldlager Ysen-Aha regelmäßig und führt damit eine Tradition fort, die in Thüringen einst wesentlich weiter verbreitet war.
Von Mühlhausen nach Eisenach braucht man allerdings keine Hängebrücke. Das ist ein wenig schade. Röbling hätte sich vermutlich etwas einfallen lassen.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Johann August Röbling · Brooklyn Bridge · Mühlhausen/Thüringen · Washington Roebling
- Wahr: Johann August Röbling wurde am 12. Juni 1806 in Mühlhausen als Sohn eines Tabakhändlers geboren, studierte ab 1824 an der Berliner Bauakademie und wanderte 1831 mit seinem Bruder Karl nach Amerika aus, wo er die Siedlung Germania (später Saxonburg) mitgründete.
- Wahr: Ab 1841 entwickelte er in Saxonburg das Drahtseil weiter – Grundlage seiner Hängebrücken. Er entwarf die Brooklyn Bridge, verunglückte 1869 bei Vermessungsarbeiten und starb an Tetanus. Sohn Washington und Schwiegertochter Emily Warren Roebling vollendeten die Brücke; eröffnet 1883, Hauptspannweite rund 486 Meter.
- Wahr: Mühlhausen benannte 1883 eine Röblingstraße nach ihm; am Geburtshaus hängt seit 1876 eine Gedenktafel, seit 2007 steht eine Bronzestatue am Untermarkt.
- Wahr: Die Molhusia (224) wurde am 28. Januar 1922 gegründet, war 1950 bei der Auferstehungssippung der Thüringer Reyche in Weimar vertreten und ist inzwischen erloschen. Die Brooklynia (123) besteht seit 1894.
- Erfunden: die Jugendzeichnung vor dem Stadttor, die drei Begleiter und beide Notizen.
- KI-generiert: das Bild.
Historische Zuverlässigkeit: 19 %FASTWAHR-Faktor: 81 %
Fast erfunden. Die Brücke führt wirklich nach Brooklyn.
Die Molhusia gibt es nicht mehr – aber rund 40 Kilometer entfernt sippt das Feldlager Ysen-Aha in Eisenach am zweiten und vierten Montag im Monat um 19.30 Uhr. Gäste sind ohne Voranmeldung willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Mühlhausen – Gedenkseite der Molhusia (224) schlaraffia-muehlhausen.de
- Molhusia: Geschichte des Reyches schlaraffia-muehlhausen.de
- Schlaraffia Eisenach – Feldlager Ysen-Aha schlaraffia-eisenach.de
- Deutsche Digitale Bibliothek: Vademecum der Schlaraffia Brooklynia Nr. 123 deutsche-digitale-bibliothek.de
Hintergrund
- Wikipedia: John August Roebling de.wikipedia.org
- Wikipedia: Brooklyn Bridge de.wikipedia.org
- Wikipedia: Emily Warren Roebling de.wikipedia.org
- Stadt Mühlhausen: Persönlichkeiten muehlhausen.de
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


