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Neu entdeckt1492-1895

Kolumbus suchte einen Weg nach Asien. Was später in Philadelphia ankam, war noch merkwürdiger.

Philadelphia,

Am 12. Oktober 1492 erreichte Christoph Kolumbus eine Insel auf der anderen Seite des Atlantiks und war überzeugt, dem Weg nach Asien entscheidend nähergekommen zu sein. Er irrte sich. Danach überquerten Millionen Menschen, Ideen, Sprachen und Gebräuche denselben Ozean. Einer davon führte schließlich nach Philadelphia, und dort wird bis heute Deutsch gesprochen, von Rittern erzählt und ein Uhu verehrt.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-Bild im Stil eines alten Stichs: Ein Seefahrer in Kleidung des 15. Jahrhunderts mit Fahne steht auf Uferfelsen vor Segelschiffen, im Hintergrund ein Backsteinbau mit Uhrturm im Stil der Independence Hall und jubelnde Menschen am Kai

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; kein Porträt von Kolumbus, die Verbindung von Landung und Philadelphia ist erfunden.

PHILADELPHIA. Am Morgen des 12. Oktober 1492 ging Christoph Kolumbus an Land. Wo genau er landete, beschäftigt Historiker bis heute; fest steht, dass es eine Insel der Bahamas war, die Kolumbus San Salvador nannte. Hinter ihm lagen Wochen auf dem Atlantik, vor ihm eine Welt, von deren tatsächlichen Ausmaßen er keine Vorstellung hatte. Kolumbus war überzeugt, auf seiner Fahrt nach Westen einen Zugang zu Asien gefunden zu haben. Dass zwischen Europa und seinem eigentlichen Ziel ein ganzer Doppelkontinent lag, gehörte nicht zum Reiseplan.

Es war einer der folgenreichsten Navigationsfehler der Geschichte. Die europäische Expansion, die darauf folgte, brachte Eroberung, Gewalt, Krankheiten, Versklavung und die Zerstörung indigener Gesellschaften mit sich. Gleichzeitig begann ein Austausch von Menschen, Pflanzen, Tieren, Waren, Sprachen und Ideen, der die Welt dauerhaft verändern sollte. Wer die Geschichte lediglich als romantische „Entdeckung Amerikas“ erzählt, lässt deshalb einen ziemlich großen Teil dessen weg, was danach geschah.

Für unsere Geschichte ist allerdings eine andere Folge interessant. Nachdem der Atlantik erst einmal regelmäßig überquert wurde, gelangten im Laufe der Jahrhunderte Dinge nach Amerika, nach denen Kolumbus ganz sicher nicht gesucht hatte. Deutsche Handwerker kamen, Bauern, Kaufleute und Religionsflüchtlinge, später politische Emigranten, Wissenschaftler, Musiker und Unternehmer. Sie brachten Bibeln, Kochrezepte, Musikinstrumente, Vereine, Dialekte, Weihnachtsbräuche und eine bemerkenswerte Bereitschaft mit, auch auf einem anderen Kontinent Dinge so zu organisieren, wie man es von zu Hause gewohnt war.

Einer der Orte, an denen sich das besonders deutlich beobachten lässt, ist Philadelphia.

Schon 1683 entstand nordwestlich der jungen Stadt Germantown. Deutsche und deutschsprachige Einwanderer wurden zu einem prägenden Teil Pennsylvanias, und ihre kulturellen Spuren sind bis heute sichtbar. In Philadelphia sitzt mit der 1764 gegründeten Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien eine der traditionsreichsten deutschen Organisationen der Vereinigten Staaten. Der Name Germantown steht noch immer auf dem Stadtplan, und Pennsylvania Dutch beziehungsweise Pennsilfaanisch Deitsch erinnert sprachlich daran, dass die Geschichte der Region nicht ausschließlich auf Englisch geschrieben wurde.

Damit könnte unsere Geschichte problemlos enden: Kolumbus überquert 1492 den Atlantik, Jahrhunderte später folgen europäische Einwanderer, und Philadelphia entwickelt eine ausgeprägte deutsche Tradition. Das wäre historisch interessant, für FASTWAHR aber verdächtig vernünftig.

Denn irgendwann gelangte noch etwas über den Atlantik, das sich schwieriger erklären lässt.

Die Spur beginnt diesmal nicht in Spanien, sondern in Prag. Dort trafen sich 1859 Künstler, Schauspieler und andere Männer, die offenbar beschlossen hatten, dass das wirkliche Leben bereits ausreichend ernst sei. Sie schufen deshalb ein Spiel mit eigener Sprache, eigenen Regeln und einer grotesk überzeichneten Ritterwelt. Gewöhnliche gesellschaftliche Titel wurden darin unwichtig, Politik und Religion blieben draußen, stattdessen sollten Kunst, Freundschaft und Humor zählen.

Das hätte eine jener mitteleuropäischen Kuriositäten bleiben können, die hervorragend funktionieren, solange niemand versucht, sie zu exportieren.

Doch dann überquerte auch sie den Atlantik.

Am 7. November 1895, gut vier Jahrhunderte nach Kolumbus, wurde in Philadelphia die Schlaraffia Filadelfia gegründet. Sie gehört damit zu den traditionsreichsten schlaraffischen Reychen Nordamerikas. Ihre Mitglieder trafen sich zunächst an verschiedenen Orten innerhalb Philadelphias; später soll die Gemeinschaft jahrzehntelang ein Schlaraffenzimmer bei der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien gehabt haben. Heute befindet sich ihre sogenannte Pennburg im Großraum Philadelphia in Warminster.

Spätestens hier musste FASTWAHR überprüfen, was genau Europa eigentlich nach Amerika exportiert hatte.

Die Antwort fällt ungewöhnlich aus.

Die Männer treffen sich zu Sippungen. Ihr Treffpunkt heißt Burg. Mitglieder können Knappen, Junker und Ritter werden. Sie führen schlaraffische Namen, benutzen Begriffe, die außerhalb dieser Welt Erklärungsbedarf auslösen, und über allem steht der Uhu als Symbol. Gesprochen wird bis heute Deutsch. Wer zum ersten Mal erscheint, muss allerdings weder einen Abstammungsnachweis aus dem Erzgebirge noch einen europäischen Pass vorlegen. Herkunft und Beruf sollen gerade keine entscheidende Rolle spielen.

Damit entstand in Pennsylvania etwas, das Kolumbus vermutlich vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt hätte. Er hatte 1492 geglaubt, durch eine Fahrt nach Westen irgendwann Asien zu erreichen. Die Schlaraffen bewiesen einige Jahrhunderte später, dass man nach einer Reise in dieselbe Richtung offenbar auch in einem deutschsprachigen Ritterreich landen kann.

Wir haben deshalb geprüft, ob zwischen beiden Unternehmungen möglicherweise doch ein bislang übersehener Zusammenhang besteht. Vielleicht befand sich auf einem der Schiffe des Kolumbus bereits ein Uhu. Vielleicht war „Santa Maria“ in Wahrheit ein früher schlaraffischer Burgname. Denkbar wäre sogar, dass Kolumbus gar nicht Indien suchte, sondern das sagenhafte Schlaraffenland und lediglich bei der Navigation einige Jahrhunderte zu früh abbog.

Für keine dieser Theorien fanden wir Belege.

Besonders die Uhu-Hypothese erwies sich als schwierig.

Die wirkliche Verbindung ist viel interessanter, weil sie etwas über Migration erzählt. Menschen nehmen beim Auswandern eben nicht nur Koffer und Werkzeug mit. Sie nehmen Sprache, Erinnerungen, Gewohnheiten, Lieder, Witze und Vorstellungen davon mit, wie Gemeinschaft funktionieren soll. Genau auf diesem Weg gelangte auch Schlaraffia in die Neue Welt. Die Philadelphia-Schlaraffen beschreiben ihre Geschichte selbst als Teil jener Ausbreitung, bei der deutschsprachige Auswanderer das Spiel über Europa hinaus mitnahmen.

In Philadelphia entwickelte dieses mitgebrachte Stück Mitteleuropa anschließend ein bemerkenswertes Eigenleben. Die Filadelfia überdauerte Generationen, wechselte ihre Treffpunkte und besteht mehr als 130 Jahre nach ihrer Gründung noch immer. Ihre Internetseite gibt es auf Deutsch und Englisch, und wer will, kann darin eine kleine sprachliche Brücke zwischen einer europäischen Tradition und der besonderen Einwanderungsgeschichte Pennsylvanias sehen.

Vielleicht ist genau das die schönste Pointe der Geschichte. Kolumbus fuhr nach Westen und verbrachte den Rest seines Lebens mit einer ziemlich hartnäckigen Vorstellung davon, wo er angekommen sei. Die Menschen, die Jahrhunderte später nach Pennsylvania kamen, wussten dagegen sehr genau, dass sie eine neue Heimat gefunden hatten. Sie mussten deshalb ihre alte nicht vollständig vergessen.

Manche Dinge wurden amerikanisch.

Andere blieben deutsch.

Und einige wurden offenbar zu einer Mischung, bei der ein Mann in Pennsylvania abends eine Burg betritt, sich mit einem Ritternamen anreden lässt und „Lulu“ ruft, während draußen ein vollkommen normales amerikanisches Leben weitergeht.

Wer überprüfen möchte, ob es diese merkwürdige Welt wirklich gibt, muss heute übrigens keinen Atlantik mehr überqueren. Die Schlaraffia Filadelfia existiert tatsächlich und empfängt auch Gäste.

Damit besitzt unsere Geschichte sogar ein ungewöhnliches Privileg.

Man kann ihr Ende besuchen.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Christoph Kolumbus · Germantown (Philadelphia) · Deutsche Gesellschaft von Pennsylvanien · Philadelphia

  • Wahr: Christoph Kolumbus erreichte am 12. Oktober 1492 eine Insel der Bahamas, die er San Salvador nannte. Er war weder der erste Mensch in Amerika noch der erste Europäer dort. Seine Reise wurde zum Ausgangspunkt der europäischen Expansion über den Atlantik, mit vielfach katastrophalen Folgen für die indigene Bevölkerung.
  • Wahr: Germantown wurde 1683 gegründet, die Deutsche Gesellschaft von Pennsylvanien 1764. Deutschsprachige Einwanderer prägten die Region über Jahrhunderte.
  • Wahr: Die Schlaraffia Filadelfia (128) wurde am 7. November 1895 gegründet und besteht bis heute. Ihre Pennburg liegt in Warminster bei Philadelphia; gesprochen wird Deutsch, Gäste sind willkommen.
  • Nicht belegt: Dass die Filadelfia jahrzehntelang ein Schlaraffenzimmer bei der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien hatte.
  • Erfunden: Jede Verbindung zu Kolumbus. Er suchte weder Schlaraffia noch das Schlaraffenland, führte keinen Uhu mit sich und hatte mit der 367 Jahre später in Prag gegründeten Gemeinschaft nichts zu tun.
  • KI-generiert: Das Bild ist eine frei gestaltete KI-Szene und kein Porträt von Kolumbus.

Historische Zuverlässigkeit: 75 %FASTWAHR-Faktor: 25 %

Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.

Nach Kolumbus kamen noch sehr viele merkwürdige europäische Dinge über den Atlantik. Einige davon tragen bis heute Ritterhelme.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Die Filadelfia (128) sippt seit 1895, heute in ihrer Pennburg in Warminster bei Philadelphia (130 Davisville Rd). Gesprochen wird Deutsch, Gäste sind willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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