Neu entdeckt1751–1895
Erst hielt man den Schaden für repariert. Dann geschah es ein zweites Mal.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen und Szene frei erfunden.
Manchmal entsteht ein Wahrzeichen nicht dadurch, dass etwas besonders gut gelingt. Manchmal muss erst etwas kaputtgehen. Bei kaum einem Gegenstand lässt sich das besser beobachten als bei einer Glocke, die heute zu den bekanntesten Symbolen der Vereinigten Staaten gehört. Fast eine Tonne schwer, aus überwiegend Kupfer und Zinn gegossen und versehen mit den Worten „Proclaim Liberty Throughout All the Land Unto All the Inhabitants thereof“, hängt sie heute in Philadelphia und wird jedes Jahr von Millionen Menschen betrachtet.
Fast jeder Besucher sieht zuerst dasselbe: den gewaltigen Riss. Was deutlich weniger bekannt ist: Der berühmteste Teil dieses Risses entstand absichtlich. Und genau dort beginnt unsere Geschichte.
Schon das erste Exemplar hielt nicht lange
1751 bestellte die Pennsylvania Assembly für ihr State House – das heutige Independence Hall – eine große Glocke bei der Whitechapel Foundry in London. 1752 erreichte sie Philadelphia. Beim ersten Probeläuten bekam sie einen Riss. Das ist kein Einstieg, den ein Glockengießer für eine Erfolgsgeschichte wählen würde.
Die Glocke wurde jedoch nicht nach England zurückgeschickt. Zwei Handwerker aus Philadelphia, John Pass und John Stow, schmolzen sie ein und gossen aus dem Metall eine neue. Weil deren Klang nicht überzeugte, wurde auch diese Glocke nochmals eingeschmolzen. 1753 entstand schließlich jene Glocke, die heute als Liberty Bell bekannt ist. Damit war sie bereits beim dritten Versuch angekommen, bevor ihre eigentliche Karriere überhaupt begonnen hatte.
FASTWAHR hält das für eine wichtige Information. Denn sie zeigt, dass die Verantwortlichen in Philadelphia früh gelernt hatten: Wenn eine Glocke Schwierigkeiten macht, bearbeitet man sie so lange, bis das Ergebnis akzeptabel ist. Diese Einstellung sollte sich später noch einmal als folgenreich erweisen.
Zunächst war sie einfach eine Glocke
Was wir heute als nationales Symbol betrachten, war damals vor allem ein Gebrauchsgegenstand. Die State House Bell rief Abgeordnete zu Sitzungen und Einwohner zusammen, wenn Nachrichten verkündet wurden. Ob sie tatsächlich am 4. Juli 1776 zur Unabhängigkeitserklärung läutete, gehört zu den populären Legenden; möglich ist dagegen, dass sie zusammen mit anderen Glocken am 8. Juli 1776 zur ersten öffentlichen Verlesung der Declaration of Independence erklang. Ihren heutigen Namen besaß sie noch nicht.
Erst Abolitionisten griffen in den 1830er-Jahren die Inschrift der Glocke auf und machten sie zu einem Symbol ihrer Forderung nach Abschaffung der Sklaverei. In diesem Umfeld setzte sich die Bezeichnung Liberty Bell durch. Später wurde sie von weiteren Bürgerrechtsbewegungen aufgegriffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Glocke bereits jahrzehntelang ihren Dienst getan.
Dann begann das Problem. Niemand weiß genau wann.
Ein Riss ohne Geburtsurkunde
Der National Park Service formuliert die Sache ungewöhnlich eindeutig: Es existiert keine historische Aufzeichnung darüber, wann und warum der erste Riss entstand. Vermutlich entwickelte sich Anfang der 1840er-Jahre nach fast neun Jahrzehnten intensiver Nutzung ein schmaler Haarriss. Andere Überlieferungen setzen ihn früher an. Sicher ist lediglich, dass man Mitte der 1840er-Jahre ein Problem hatte.
Die Glocke klang nicht mehr richtig. Philadelphia musste handeln. Und genau an diesem Punkt taucht in den von FASTWAHR ausgewerteten Unterlagen erstmals eine Gruppe von Männern auf, deren Anwesenheit sich nicht überzeugend erklären lässt.
Sie stehen neben der Glocke. Einer hält einen Zollstock. Ein anderer betrachtet den Riss. Ein dritter trägt eine ungewöhnlich hohe textile Kopfbedeckung. Auf einem Arbeitstisch liegt ein Hammer. Daneben steht ein Krug.
Die Reparatur bestand darin, den Schaden größer zu machen
Die tatsächliche Reparaturmethode von 1846 klingt bereits wie eine Erfindung unserer Redaktion. Die Metallarbeiter wollten verhindern, dass sich der vorhandene Riss weiter ausbreitete. Deshalb verbreiterten sie ihn.
Das Verfahren wird als „stop drilling“ bezeichnet. Entlang des Risses wurden Bohrungen gesetzt und Material entfernt, damit die beschädigten Kanten beim Schwingen nicht mehr gegeneinanderschlugen. Mehr als 40 Bohrspuren sollen sich im breiten Spalt erkennen lassen.
Das bedeutet: Der große Riss, den heute jeder Besucher fotografiert, ist zu einem erheblichen Teil nicht der ursprüngliche Schaden. Er ist die Reparatur.
FASTWAHR musste diesen Satz mehrmals überprüfen. Er stimmt.
Unsere unbekannten Berater sollen von der Methode ausgesprochen angetan gewesen sein. Einer habe den Arbeitsfortschritt längere Zeit betrachtet und anschließend festgestellt: „Wenn etwas kaputt ist, muss man den Schaden nur so deutlich machen, dass er beabsichtigt aussieht.“
Dieser Satz ist nicht historisch überliefert. Wir bedauern das. Er hätte erhebliches Anwendungspotential.
Am 23. Februar sollte alles wieder funktionieren
Die reparierte Glocke sollte zum Geburtstag George Washingtons wieder erklingen. Am 23. Februar 1846 wurde sie geläutet. Zunächst schien die Reparatur erfolgreich. Dann entstand ein zweiter Riss.
Er verläuft vom Bereich der Abkürzung „PHILADA“ hinauf bis zum Wort „LIBERTY“. Damit war die Glocke endgültig verstummt. Seitdem hat niemand mehr ihren freien Klang mit dem eigenen Klöppel gehört. Für die beteiligten Handwerker dürfte dies kein erfreulicher Moment gewesen sein. Für die spätere Geschichte der Glocke war es ein Glücksfall.
Denn eine gewöhnliche funktionierende Glocke hätte Philadelphia möglicherweise weiterhin zuverlässig zu Veranstaltungen gerufen. Eine riesige Glocke mit einem unübersehbaren Riss konnte dagegen zum Symbol werden.
Die unbekannten Herren hatten eine andere Lösung
Unsere angeblich neu entdeckte Aufnahme soll wenige Stunden vor dem letzten Läuten entstanden sein. Darauf steht die Glocke zwischen Handwerkern. Die verbreiterte Reparaturstelle ist deutlich sichtbar. Daneben befinden sich drei Männer in jener merkwürdigen Kleidung, die FASTWAHR-Leser inzwischen kennen.
Einer von ihnen hält ein Blatt Papier. Darauf befinden sich nach digitaler Vergrößerung lediglich drei Worte: „Nicht mehr schlagen.“ Damit wäre das Problem tatsächlich gelöst gewesen.
Der Vorschlag kam jedoch zu spät. Oder wurde ignoriert. Wir können das nicht mehr rekonstruieren.
Historisch lässt sich nur feststellen, dass man die Glocke läutete und sie danach endgültig riss. Die unbekannten Herren verschwinden anschließend für mehrere Jahrzehnte aus unseren Unterlagen. Bis sie in Philadelphia wieder auftauchen. Und dann wird die Sache mit den Glocken merkwürdig.
1895 geschieht etwas, das wir nicht bestellt haben
In Philadelphia entstand Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich ein Schlaraffenreych. Die Filadelfia (128) gehört bis heute zur weltweiten Schlaraffia und besitzt ihre Pennburg heute in Warminster im Großraum Philadelphia. Die eigene Chronik führt ihre Geschichte bis ins Jahr 1895 zurück.
Zwischen dem endgültigen Verstummen der Liberty Bell und dem Auftreten der Schlaraffen liegen damit fast fünf Jahrzehnte. Das schließt eine Beteiligung an der Reparatur von 1846 vollständig aus.
Für FASTWAHR ist die Angelegenheit damit eigentlich erledigt. Wäre da nicht eine Tradition, die sich ausgerechnet bei der Filadelfia entwickelt hat.
Einmal im Jahr geht es wieder um eine Glocke
Die Schlaraffen der Filadelfia veranstalten seit Jahrzehnten einen Glockenkongress. Dabei handelt es sich um ein schlaraffisches Turney mit Worten. Teilnehmer treten mit sprachlichen und literarischen Beiträgen gegeneinander an. Historische Sippungsfolgen dokumentieren beispielsweise bereits den 37. Glockenkongress; auch neuere Sippungsfolgen nennen ausdrücklich Einsendeschlüsse für den Glockenkongress.
An dieser Stelle müssen wir allerdings eine wichtige Korrektur vornehmen. Der Glockenkongress hat nichts mit der Liberty Bell zu tun. Sein Bezugspunkt ist Friedrich Schillers berühmtes Lied von der Glocke.
Das macht die Angelegenheit für unsere Untersuchung selbstverständlich vollkommen harmlos. Fast.
Denn ausgerechnet in jener Stadt, deren berühmtestes Wahrzeichen eine verstummte Glocke ist, veranstaltet ein Schlaraffenreych jedes Jahr einen Glockenkongress. Nicht wegen dieser Glocke. Wegen einer anderen.
FASTWAHR akzeptiert diese Erklärung. Wir vermerken lediglich, dass es ausgesprochen viele Gegenstände gibt, nach denen man einen Kongress benennen könnte.
Vielleicht handelt es sich um Wiedergutmachung
Damit ergibt sich zumindest eine alternative Lesart der Geschichte. 1846 stehen einige merkwürdig gekleidete Herren neben einer beschädigten Glocke und empfehlen angeblich, nicht mehr darauf zu schlagen.
Niemand hört auf sie. Die Glocke wird geläutet. Sie reißt endgültig.
49 Jahre später entsteht in derselben Stadt ein Schlaraffenreych. Und irgendwann beginnt dieses Reych damit, regelmäßig einen Kongress zu veranstalten, bei dem eine Glocke im Mittelpunkt steht – allerdings eine literarische, die nicht beschädigt werden kann.
Das wäre eine elegante Lösung. Schillers Glocke besteht aus Worten. Man kann sie jedes Jahr aufs Neue schlagen. Und wenn bei einem Turney etwas misslingt, muss niemand Bronze einschmelzen.
Ein letzter Verdacht
Unsere Redaktion wollte wissen, ob die Filadelfia den berühmten Riss vielleicht wenigstens in ihrem Glockenkongress thematisiert. Dafür fanden wir keinen Anlass. Der Kongress folgt seiner eigenen schlaraffischen Tradition.
Damit bleiben Liberty Bell und Glockenkongress zwei vollständig voneinander unabhängige Geschichten. Historisch ist das eindeutig. Redaktionell ist es bedauerlich.
Denn selten hat uns ein Zufall so viel Arbeit abgenommen.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Liberty Bell · Independence Hall · Philadelphia
- Wahr: 1751 bestellte die Pennsylvania Assembly bei der Whitechapel Foundry in London eine Glocke für ihr State House, die heutige Independence Hall. Sie riss 1752 schon beim ersten Probeläuten; John Pass und John Stow gossen sie in Philadelphia zweimal neu, 1753 hing die heutige Glocke.
- Wahr: Die Glocke wiegt rund 943 Kilogramm (2.080 Pfund) und besteht zu etwa 70 Prozent aus Kupfer und 25 Prozent aus Zinn. Die Inschrift „Proclaim LIBERTY throughout all the Land unto all the Inhabitants thereof“ stammt aus der Bibel.
- Wahr: Den Namen „Liberty Bell“ prägten Abolitionisten ab 1835. Ob sie am 8. Juli 1776 zur ersten öffentlichen Verlesung der Unabhängigkeitserklärung läutete, ist möglich, aber nicht zeitgenössisch belegt.
- Wahr: Wann der erste Riss entstand, ist nicht überliefert. 1846 verbreiterten Metallarbeiter ihn per „stop drilling“; der auffällige breite Spalt ist diese Reparatur. Beim Läuten zu Washingtons Geburtstag im Februar 1846 riss die Glocke weiter – seither ist sie stumm.
- Wahr: Die Schlaraffia Filadelfia (128) wurde am 7. November 1895 gegründet und sippt heute in ihrer Pennburg in Warminster bei Philadelphia. Sie veranstaltet einen Glockenkongress, zu dem Schlaraffen weltweit Beiträge einsenden.
- Erfunden: die schlaraffischen Reparaturberater von 1846, das Foto, der Zettel „Nicht mehr schlagen“ und jede Verbindung zwischen Liberty Bell und Glockenkongress.
- KI-generiert: das Bild.
Historische Zuverlässigkeit: 17 %FASTWAHR-Faktor: 83 %
Fast erfunden. Der Riss ist echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Filadelfia (128) sippt donnerstags um 19 Uhr in ihrer Pennburg in Warminster bei Philadelphia.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Filadelfia (128), Warminster/Philadelphia filadelfia128.org
- Filadelfia: Schlaraffia in English filadelfia128.org
- Schlaraffia Potsdamia: Beitrag zum Glockenkongress der Filadelfia potsdamia.de
Hintergrund
- National Park Service: The Liberty Bell nps.gov
- Wikipedia: Liberty Bell en.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


