FASTWAHR ermittelt1859-1861
Am 10. Oktober 1859 wurde in Prag etwas gegründet. Merkwürdig ist nur, was dabei alles fehlte.
Prag,

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; Personen und Wirtshausschild sind erfunden, die Hausnummer auf dem Schild ebenfalls.
PRAG. Wer am 10. Oktober 1859 zufällig Freund’s Restauration an der Ecke Wassergasse und Grube betreten hätte, wäre vermutlich nicht auf die Idee gekommen, Zeuge eines historischen Ereignisses zu werden. Prag war voller Wirtshäuser, Künstler, Schauspieler und Musiker, und dass einige von ihnen am Abend zusammensaßen, gehörte nicht zu den Vorgängen, wegen derer Chronisten gewöhnlich ihre Feder spitzten.
Auch die Männer selbst wirkten wenig spektakulär. Sie trugen gewöhnliche bürgerliche Kleidung, keine Helme, keine Rittermäntel und keine Orden. Niemand wurde mit einem phantasievollen Ritternamen angeredet, niemand sprach von Einritten oder Ausritten, und wer das Wort „Burg“ benutzte, meinte damit ziemlich sicher ein befestigtes Gebäude.
Nicht einmal „Lulu“ hätte dem zufälligen Besucher weitergeholfen.
Trotzdem geschah an diesem Abend etwas, dessen Folgen bis heute sichtbar sind.
Die Vorgeschichte hatte einige Monate zuvor mit einer Kränkung begonnen. Im Prager Kunst- und Künstlerverein Arcadia war es zum Streit gekommen, nachdem ein wenig begüterter Künstler zur Aufnahme vorgeschlagen worden war und dabei das Wort „Proletarier“ gefallen sein soll. Die Betroffenen reagierten auf eine Weise, die bereits ziemlich viel von dem verrät, was später aus ihrer Gemeinschaft werden sollte: Sie nahmen die Beleidigung nicht nur an, sondern machten daraus einen Witz.
Fortan nannten sie ihre Runde Proletarier-Club.
Der Kapellmeister wurde zum Taktstockproletarier, der Baumeister zum Bauproletarier, der Redakteur zum Federproletarier, Sänger wurden Bass- oder Tenorproletarier. Aus einer gesellschaftlichen Herabsetzung war innerhalb kürzester Zeit eine Auszeichnung geworden. Wer sie ärgern wollte, hatte ihnen versehentlich Material geliefert.
FASTWAHR hält das für einen bemerkenswert frühen Fall strategischer Humorabwehr.
Der Proletarier-Club traf sich weiter, sang, musizierte, dichtete und pflegte jene Mischung aus Kunst und ausgelassenem Unsinn, die in einer Runde von Theaterleuten offenbar nicht besonders schwer herzustellen war. Doch im Herbst 1859 drohte die Gemeinschaft auseinanderzufallen. Die Abende wurden schlechter besucht, Mitglieder blieben weg, und irgendwann stand die Frage im Raum, ob sich die ganze Sache erledigt hatte.
Am 10. Oktober kam es deshalb zu jenem Treffen, das später zum Gründungstag werden sollte. Der Opernsänger Albert Eilers rief die verbliebenen Freunde nach der überlieferten Chronik dazu auf, zusammenzuhalten. Ein Stiftungslied entstand, Kapellmeister Wilhelm Jahn schrieb die Melodie angeblich auf die Rückseite eines Speisezettels, und als die übrigen Gäste des Lokals gegen Mitternacht verschwunden waren, wurde gesungen.
Bis hierhin klingt die Geschichte vertraut.
Dann beginnen die Schwierigkeiten.
Denn spätere schlaraffische Chronisten haben die eigene Gründungsgeschichte noch einmal untersucht und festgestellt, dass ihre Vorgänger den Abend offenbar nachträglich mit Dingen ausgestattet hatten, die erst später entstanden.
Da wäre zunächst das Rittertum.
Es gab keines.
Die Männer saßen am 10. Oktober 1859 nicht als Ritter um den Tisch, sondern wurden offiziell mit „Meine Herren!“ angesprochen. Keine Kappe, kein Ornat, kein Ritterschlag und kein mittelalterliches Ceremonial gehörten zur Gründung. All das entwickelte sich erst danach. Innerhalb von ungefähr zwei Jahren verwandelte sich die zunächst ganz gewöhnlich gekleidete Künstlergemeinschaft in jene spielerische Ritterwelt, deren Grundzüge bis heute erkennbar sind.
Auch beim Namen wird es überraschend.
Die ältere Überlieferung erzählt, der Redakteur Carl Tobisch habe an jenem Abend „Schlaraffia“ vorgeschlagen und die Runde habe den Namen angenommen. Die spätere Verbandschronik hielt genau das für höchst unwahrscheinlich. Ein bemerkenswertes Indiz steckt ausgerechnet im Stiftungslied: In seinen ursprünglichen Strophen kommt das Wort Schlaraffia überhaupt nicht vor. Erst eine später hinzugefügte Strophe spricht vom Schlaraffenland.
Damit haben wir inzwischen eine Gründung der Schlaraffia, bei der möglicherweise noch niemand Schlaraffia sagte und bei der kein einziger Schlaraffe als Ritter herumlief.
Es wird noch besser.
Auch die berühmte erste „Burg“ bereitet Schwierigkeiten. In der eigenen Chronologia wurde später der Hopfenstock als Gründungsort genannt. Nach den Untersuchungen der Verbandschronik ist auch das falsch. Die Runde saß am 10. Oktober noch in Freund’s Restauration; der Hopfenstock wurde erst später bezogen.
Immerhin einen Uhu gab es.
Allerdings wusste er vermutlich selbst noch nichts von seiner späteren Karriere.
In Freund’s Restauration hing ein ausgestopfter Uhu als Jagdtrophäe von der Decke. Der Wirt hatte verschiedene Trophäen aus früheren Diensten mitgebracht und damit seine Gaststube dekoriert. Ausgerechnet unter diesem ausgestopften Vogel saßen die Männer, aus deren Gemeinschaft später ein Bund entstehen sollte, der den Uhu zu seinem zentralen Symbol machte. Der eigentliche schlaraffische Uhu-Kult entwickelte sich ebenfalls erst später.
Man könnte deshalb versuchen, den 10. Oktober 1859 möglichst korrekt zu rekonstruieren.
Einige Künstler sitzen in einem Prager Wirtshaus unter einem ausgestopften Vogel. Sie tragen normale Kleidung, sprechen sich mit „Meine Herren“ an und versuchen vor allem zu verhindern, dass ihre kleine Gemeinschaft auseinanderfällt. Einer dichtet, einer komponiert auf einem Speisezettel, andere singen. Von einem weltweiten Ritterspiel ist nichts zu sehen.
Und genau diese Männer gründen etwas, das 167 Jahre später noch existiert.
Vielleicht ist das viel interessanter als die nachträglich glattgezogene Legende.
Denn Schlaraffia entstand offenbar nicht nach einem großen Plan. Niemand setzte sich hin und entwarf einen Bund mit Reychen, Burgen, Rittern, Knappen, Junkern, Ceremonial und Uhuverehrung. Vieles davon wuchs erst nach und nach aus dem Spiel heraus. Aus Spitznamen wurden Ritternamen, aus gewöhnlichen Zusammenkünften entstand eine eigene Welt, und aus einem ausgestopften Vogel über einem Wirtshaustisch wurde ein Symbol, das heute auf Wappen, Fahnen und in Burgen rund um die Welt auftaucht.
Die Männer vom 10. Oktober hätten vermutlich einiges erklären müssen, wenn ihnen jemand ein Foto einer heutigen Sippung auf den Tisch gelegt hätte.
Vielleicht hätten sie aber auch ziemlich schnell verstanden, was passiert war.
Denn eines war bereits vorhanden.
Sie wollten Kunst treiben, miteinander lachen und Freunde bleiben. Die frühe Vereinsbeschreibung formulierte später ausdrücklich den Zweck, sich durch Heiterkeit und harmlosen Scherz zu unterhalten, Erfahrungen mit Künstlern und Kunstfreunden auszutauschen und voneinander zu lernen. Politik und Religion blieben draußen.
Der Rest kam mit der Zeit.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieses 10. Oktober.
Schlaraffia wurde nicht fertig gegründet.
Sie fing einfach an.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Schlaraffia · Albert Eilers · Wilhelm Jahn · Prag
- Wahr: Die Schlaraffia entstand am 10. Oktober 1859 in Prag aus dem Proletarier-Club. Dessen Mitglieder hatten den Künstlerverein Arcadia verlassen, nachdem der Sänger Albert Eilers bei seiner Aufnahme als „Proletarier“ geschmäht worden war; sie gaben sich Namen wie Taktstock-, Feder-, Bass- und Tenorproletarier.
- Wahr: Eilers rief am 10. Oktober zum Zusammenhalt auf, Allram dichtete das Stiftungslied, Kapellmeister Wilhelm Jahn schrieb die Noten auf die Rückseite eines Speisezettels. Gegründet wurde in Freund’s Restauration an der Ecke Wassergasse und Grube; den Hopfenstock bezog die Runde erst im Herbst 1860.
- Wahr: Die Gründer trugen bürgerliche Kleidung und wurden mit „Meine Herren“ angesprochen; erst ab dem 27. November 1860 hieß es „Schlaraffen hört!“. Kappen, Ritterschlag und Ceremonial kamen später. Der Name „Schlaraffia“ steht nicht in den ursprünglichen Strophen des Stiftungsliedes.
- Wahr: Unter einem ausgestopften Uhu, einer Jagdtrophäe des Wirts, fand die Gründung statt. Laut Prager Vereinsregister von 1861 sollte man sich durch „Heiterkeit und harmlosen Scherz“ unterhalten; Politik und Religion waren untersagt.
- Erfunden: fast nichts. Nur die „strategische Humorabwehr“ ist ein FASTWAHR-Begriff.
- KI-generiert: das Bild. Es ist keine historische Aufnahme.
Historische Zuverlässigkeit: 85 %FASTWAHR-Faktor: 15 %
Fast wahr? Diesmal ist die erstaunlichste Geschichte ausgerechnet die echte.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Aus der Prager Runde von 1859 wurden Reyche auf mehreren Kontinenten. Die Allmutter Praga besteht nicht mehr, ihre Geschichte erzählt schlaraffia-prag.org. Gäste sind in jedem Reych willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia in Prag: Die Gründung schlaraffia-prag.org
- Schlaraffia in Prag: Der Proletarier-Club schlaraffia-prag.org
- Schlaraffia in Prag: Das Gründungslokal schlaraffia-prag.org
- Schlaraffia in Prag: Der Uhu schlaraffia-prag.org
- Schlaraffia in Prag: Die Urschlaraffen schlaraffia-prag.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


