Große Persönlichkeiten1799–1859
Sechs Tage auf einer Insel – und mehr als ein Jahrhundert später bekam er einen neuen Namen

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen und Szene frei erfunden; 1799 gab es noch keine Fotografie.
Teneriffa. Als Alexander von Humboldt am 19. Juni 1799 gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland Teneriffa erreichte, hatte er eigentlich ein anderes Ziel. Die beiden Forscher waren zwei Wochen zuvor mit der spanischen Korvette Pizarro von La Coruña aufgebrochen und befanden sich auf dem Weg nach Amerika. Vor ihnen lag eine mehrjährige Expedition durch die Tropen, von der Humboldt mit Tausenden Beobachtungen, Pflanzenproben, Zeichnungen und Messdaten zurückkehren sollte. Für die Kanaren waren dagegen nur wenige Tage vorgesehen. Schon am 25. Juni sollte das Schiff seine Reise über den Atlantik fortsetzen.
Humboldt war allerdings kein Reisender, für den sechs Tage lediglich sechs Tage waren. Kaum auf Teneriffa angekommen, begann er zu beobachten, zu messen und zu sammeln. Er reiste über La Laguna nach La Orotava und machte sich am 21. Juni mit Bonpland an die Besteigung des Teide. Auf dem Weg vom Meer hinauf in die vulkanische Hochgebirgslandschaft fiel ihm besonders auf, wie deutlich sich die Pflanzenwelt mit zunehmender Höhe veränderte. Was unten noch von Weinbau und wärmeliebender Vegetation geprägt war, ging weiter oben in andere Pflanzengesellschaften über; Wälder, kanarische Kiefern und schließlich die karge Vegetation der Hochlagen folgten aufeinander.
Für Humboldt war das mehr als eine schöne Bergwanderung. Die räumliche Verteilung der Pflanzen wurde zu einem wichtigen Bestandteil seines Denkens über Natur. Später verglich er solche Höhenstufen über Kontinente hinweg und verband Vegetation, Klima und geografische Lage miteinander. Aus einzelnen Pflanzenfundorten entstand das Bild einer Natur, deren Erscheinungen in Beziehung zueinander standen. Genau dieser umfassende Blick machte Humboldt später berühmt. Sein großes Alterswerk trug schließlich einen Namen, der diesen Anspruch kaum besser hätte ausdrücken können: Kosmos.
Der erste Band erschien 1845. Humboldt verstand darunter nicht einfach eine weitere Naturgeschichte, sondern eine umfassende Beschreibung der physischen Welt, in der das Einzelne als Teil eines größeren Zusammenhangs betrachtet werden sollte. Er selbst hatte lange über den Titel nachgedacht und erklärte in einem Brief, das Wort „Kosmos“ umfasse für ihn mit einem einzigen Begriff Himmel und Erde.
Damit wäre Humboldts kurzer Aufenthalt auf Teneriffa eine hübsche Episode aus der Vorgeschichte eines großen wissenschaftlichen Lebenswerks. Wenn da nicht dieses Bild wäre.
Eine Rast, die in keinem Reisebericht vorkommt
Die Aufnahme, die FASTWAHR vorliegt, soll während des Aufstiegs zum Teide entstanden sein. Humboldt sitzt mit seinen Aufzeichnungen und einigen Messinstrumenten auf einem Felsen, Bonpland untersucht eine Pflanze, im Hintergrund erhebt sich die vulkanische Landschaft. Das alles entspricht ungefähr dem, was man von einer naturwissenschaftlichen Expedition am Ende des 18. Jahrhunderts erwarten könnte.
Weniger leicht zu erklären sind drei weitere Männer. Sie tragen lange Mäntel und eigentümlich geformte Kopfbedeckungen und scheinen mit der eigentlichen Forschungsarbeit wenig beschäftigt zu sein. Einer betrachtet die Landschaft, ein anderer sitzt neben einem Korb mit Proviant, während der dritte mit einem Stock auf verschiedene Abschnitte des Berghangs zeigt.
Die Darstellung kann nicht authentisch sein. Die Fotografie war 1799 noch nicht erfunden, womit sich zumindest diese Frage erfreulich schnell beantworten lässt. Interessanter ist eine handschriftliche Notiz, die auf der Rückseite überliefert sein soll. Sie beschreibt den bisherigen Aufstieg in einer wissenschaftlich eher ungewöhnlichen Form: Unten gebe es Wein, darüber Wald, danach Kiefern und weiter oben immer weniger von allem.
Genau diese Beobachtung beschäftigte Humboldt tatsächlich, wenn auch in erheblich anspruchsvollerer Form. Er beschrieb die Vegetation Teneriffas später anhand verschiedener Höhenregionen und machte die Veränderung der Pflanzenwelt mit zunehmender Höhe zu einem Gegenstand seiner vergleichenden Naturbetrachtung.
FASTWAHR rekonstruiert die fehlende Szene deshalb folgendermaßen: Während Humboldt und Bonpland Pflanzen sammelten und Höhen bestimmten, hatten ihre unbekannten Begleiter längst ein einfacheres Ordnungssystem entwickelt. Sie betrachteten den Teide wie ein mehrstöckiges Gebäude. Wer bergauf ging, wechselte gewissermaßen die Etage, und mit jeder Etage änderten sich Temperatur, Landschaft und Pflanzen.
Humboldt soll zunächst wenig beeindruckt gewesen sein. Als einer der Männer jedoch bemerkte, man müsse die einzelnen Pflanzen vielleicht gar nicht isoliert betrachten, sondern lediglich festhalten, was in welcher Höhe zusammen vorkomme, wurde der Forscher nachdenklicher.
Wir können nicht belegen, dass dieser Satz gefallen ist. Dass Humboldt genau solche Zusammenhänge untersuchte, können wir dagegen sehr gut belegen. Das macht die Sache für FASTWAHR ausreichend verdächtig.
Der Teide wird zum Modell
Während seiner späteren amerikanischen Reise begegnete Humboldt dem gleichen Prinzip in wesentlich größeren Dimensionen. Besonders in den Anden konnte er beobachten, wie sich mit zunehmender Höhe Vegetation und klimatische Bedingungen veränderten. Daraus entstanden Darstellungen, in denen Berge nicht nur als geografische Formen erschienen, sondern als Systeme verschiedener Naturbereiche. Humboldts Pflanzengeographie wurde damit zu einem frühen Versuch, Natur nicht als Ansammlung einzelner Dinge, sondern als miteinander verbundenes Ganzes zu verstehen.
Diese Idee beschäftigte ihn sein Leben lang. Sein mehrbändiger Kosmos sollte schließlich nichts Geringeres leisten als eine physische Beschreibung der Welt und die Zusammenhänge ihrer Erscheinungen sichtbar machen. Humboldt betonte ausdrücklich, dass das Einzelne dabei nur in seinem Verhältnis zum Ganzen verstanden werden könne.
Unsere drei unbekannten Bergbegleiter hätten es vermutlich einfacher formuliert: Wer verstehen will, warum oben etwas anderes wächst als unten, muss gelegentlich den ganzen Berg ansehen.
Nach dem Abstieg blieb Humboldt noch wenige Tage auf Teneriffa. Am Abend des 23. Juni nahm er mit Bonpland an einem ländlichen Fest im Garten des Kaufmanns Archibald Little teil. Zwei Tage später verließ die Pizarro die Insel in Richtung Amerika. Damit war ein Aufenthalt beendet, der gerade einmal sechs Tage gedauert hatte, Humboldt aber eine Landschaft gezeigt hatte, die sich geradezu exemplarisch für seine Art eignete, Natur zu betrachten.
Die drei Herren aus unserer Darstellung erwähnte er in seinen Reiseaufzeichnungen nicht mehr. Das hätte die Angelegenheit eigentlich beendet. Tat es aber nicht.
1859 endet Humboldts Leben – und Schlaraffia beginnt
Alexander von Humboldt starb am 6. Mai 1859 in Berlin. Er wurde 89 Jahre alt und erlebte damit gerade noch jenes Jahr, in dem einige hundert Kilometer weiter südlich eine Entwicklung begann, mit der er zu Lebzeiten keinerlei Verbindung hatte. Am 10. Oktober 1859 entstand in Prag die Schlaraffia.
Humboldt konnte also niemals Schlaraffe gewesen sein. Er konnte keine Sippung besuchen, keinen Ritternamen tragen und selbstverständlich auch nicht 1799 mit drei Schlaraffen auf den Teide steigen. Damit wäre unsere Darstellung endgültig widerlegt.
Knapp ein Jahrhundert später geschah allerdings etwas, das für eine FASTWAHR-Geschichte beinahe unverschämt passend ist. Im brasilianischen Rio de Janeiro entstand das Schlaraffenreych Rio Carioca (331). Und dieses Reych führt Alexander von Humboldt unter seinen Ehrenschlaraffen.
Sein schlaraffischer Ehrenname lautet: ES Kosmos. Ausgerechnet Kosmos.
Von Teneriffa nach Südamerika
Damit schließt sich ein Kreis, den niemand geplant haben muss, der sich aber kaum schöner erfinden ließe. Humboldt bricht 1799 nach Südamerika auf, legt auf Teneriffa einen sechstägigen Zwischenstopp ein und besteigt den Teide. Während dieser Reise entwickelt und vertieft sich jene Art, Natur als zusammenhängendes System zu betrachten, die später zu einem Kennzeichen seiner wissenschaftlichen Arbeit wird. Jahrzehnte danach nennt er sein großes Alterswerk Kosmos.
Humboldt stirbt 1859, wenige Monate bevor Schlaraffia überhaupt gegründet wird. Irgendwann später nimmt ihn ein Schlaraffenreych ausgerechnet in Rio de Janeiro, also auf jenem südamerikanischen Kontinent, dessen Erforschung seinen Weltruhm begründet hatte, in den Kreis seiner Ehrenschlaraffen auf.
Und welcher Name wird für ihn gewählt? Nicht „der Forscher“, nicht „der Weltreisende“ und auch nicht „der Teidebesteiger“. Sondern Kosmos.
Damit bekommt auch unsere rätselhafte Darstellung vom Teide eine neue Bedeutung. Vielleicht zeigt sie gar keine drei Schlaraffen, die 1799 versehentlich sechzig Jahre zu früh auf Teneriffa erschienen sind. Vielleicht handelt es sich um eine später angefertigte bildliche Rekonstruktion jener Expedition, mit der die Schlaraffen von Rio Carioca erklären wollten, warum Alexander von Humboldt eigentlich schon lange zu ihnen gehörte.
Diese Erklärung ist historisch nicht belastbarer. Aber sie löst wenigstens das Problem mit der noch nicht erfundenen Fotografie.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Alexander von Humboldt · Aimé Bonpland · Teide · Kosmos (Humboldt)
- Wahr: Humboldt und Aimé Bonpland verließen am 5. Juni 1799 La Coruña mit der Pizarro, waren vom 19. bis 25. Juni auf Teneriffa und bestiegen am 21./22. Juni den Teide. Am 23. Juni gab der Kaufmann Archibald Little im Garten von Sitio Litre (Puerto de la Cruz) ein Fest für Humboldt.
- Wahr: Am Teide beobachtete Humboldt die Abfolge der Vegetation mit der Höhe – ein Ausgangspunkt seiner Pflanzengeographie, die er in den Anden weiterführte.
- Wahr: Sein Alterswerk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ erschien ab 1845. Humboldt starb am 6. Mai 1859 in Berlin; die Schlaraffia entstand im Oktober 1859 in Prag.
- Wahr: Das Reych Rio Carioca (331) in Rio de Janeiro, gegründet 1956, führt Humboldt als Ehrenschlaraffen „ES Kosmos“. Wann es ihn dazu ernannt hat, nennt die Reychsseite nicht.
- Erfunden: die drei Begleiter am Teide, ihr „Etagen“-Modell des Berges, die Notiz auf der Rückseite und das Foto von 1799.
- KI-generiert: das Bild.
Historische Zuverlässigkeit: 24 %FASTWAHR-Faktor: 76 %
Fast erfunden. Kosmos ist echt.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – das Reych Rio Carioca (331) sippt seit 1956 in Rio de Janeiro, dienstags ab 20 Uhr auf seiner Burg in Gávea. Einreitende Schlaraffen und Gäste sind uhuhertzlich willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Rio Carioca (331): Ehrenschlaraffen rio-carioca331.jimdofree.com
Hintergrund
- Sitio Litre: Geschichte des Gartens (Humboldt 1799) jardindeorquideas.com
- Turismo de Tenerife: Humboldt-Jahr auf Teneriffa webtenerife.de
- Wikipedia: Alexander von Humboldt de.wikipedia.org
- Wikipedia: Aimé Bonpland de.wikipedia.org
- Wikipedia: Teide de.wikipedia.org
- Wikipedia: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung de.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


