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Neu entdecktum 120–2026

Dieser Wiesbadener war schon immer hier. Bis jemand seinen Stammbaum untersuchte.

Wiesbaden,

Eine ungewöhnliche Recherche beginnt mit einigen Fundstücken am Warmen Damm und führt durch fast zwei Jahrtausende Wiesbadener Geschichte. Am Ende steht weniger die Frage, woher eine Familie stammt, als warum Menschen überhaupt so viel Wert darauf legen. Eine Gemeinschaft in der Stadt geht mit dieser Frage seit Generationen auf erstaunlich eigene Weise um.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Collage: ein junger Mann betrachtet eine Münze aus einem Fundkasten, dahinter ein Stammbaum mit Namen, Figuren von der Römerzeit bis heute, das Kurhaus Wiesbaden und Schlaraffen unter einem Banner der Wiesbadensia

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen, Szene und Aufschriften frei erfunden.

WIESBADEN. Für Jonas war die Sache bisher eindeutig gewesen. Er war Wiesbadener, seine Eltern waren Wiesbadener, die Großeltern ebenfalls, und irgendwo in der Familie existierte die feste Überzeugung, dass dies im Wesentlichen schon immer so gewesen sei. Wie weit dieses „schon immer“ zurückreichte, hatte niemand überprüft. Familien verwenden den Begriff ähnlich großzügig wie Städte das Wort „Tradition“: Sobald sich niemand mehr persönlich an den Anfang erinnern kann, gilt die Angelegenheit als historisch gesichert.

Geändert haben soll sich das bei einem Schulprojekt am Warmen Damm. Schülerinnen und Schüler untersuchten den Rand des Weihers und hofften angesichts der langen Geschichte Wiesbadens auf römische Münzen, mittelalterliche Schmuckstücke oder wenigstens etwas, das sich im Stadtmuseum hinter Glas überzeugend ausleuchten ließe. Zunächst kamen allerdings eine verbogene Gabel, mehrere Kronkorken und eine D-Mark-Münze zum Vorschein. Letztere wurde kurzzeitig für antik gehalten, bis die Geschichtslehrerin darum bat, auch die Rückseite zu betrachten.

Später wurden tatsächlich ältere Gegenstände gefunden. Eine Münze, eine blaue Glasperle, eine Gewandspange und einige Dinge, deren ursprüngliche Bedeutung sich nicht mehr feststellen ließ. Für Archäologen wären das zunächst Fundstücke gewesen. Für Jonas wurden sie zum Anlass, zu Hause jenen Schrank zu öffnen, in dem seine Familie seit Jahrzehnten Urkunden, Fotos und Papiere aufbewahrte, die eines Tages unbedingt sortiert werden sollten.

Dieser Tag war nun gekommen.

Was als Stammbaum auf einem Blatt begann, erreichte nach wenigen Tagen den Rand des Küchentisches. Ein zweites Blatt wurde angeklebt, dann ein drittes. Namen tauchten auf und verschwanden wieder, Menschen heirateten ein, andere zogen fort. Und je weiter Jonas zurückging, desto weniger blieb von der Vorstellung übrig, seine Familie sei einfach immer schon da gewesen.

In unserer erfundenen Familiengeschichte führt die älteste Spur in die römische Siedlung Aquae Mattiacorum. Dort soll um das Jahr 120 ein junger Mann namens Lucius gelebt haben, dessen Vater Römer und dessen Mutter aus der Provinz Syria gekommen war. Bereits seine Zeitgenossen sollen Schwierigkeiten damit gehabt haben, eindeutig festzulegen, woher Lucius nun eigentlich stammte.

Lucius selbst löste die Frage auf eine Weise, die spätere Behörden vermutlich als unbefriedigend empfunden hätten: Er verliebte sich in Alwina, heiratete sie und blieb.

Einige Generationen später interessierte sich niemand mehr dafür, dass einer der Vorfahren einmal von anderswo gekommen war. Seine Nachkommen waren Einheimische geworden, ohne dass ein genaues Datum überliefert wäre, an dem dieser Zustand amtlich eingetreten sein könnte.

Je weiter Jonas suchte, desto häufiger wiederholte sich dieses Muster. Im frühen Mittelalter kam ein Mann nach Wisibada und gründete dort eine Familie. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erschien ein weiterer, der den Schlüssel zu einem Haus mitbrachte, das nicht mehr existierte, und beim Aufbau einer neuen Heimat half. Im 19. Jahrhundert führte die Spur zu einem zugewanderten Gärtner und dessen Sohn Émile. Im 20. Jahrhundert schließlich zu Antonio, der aus Italien nach Deutschland gekommen war und zunächst zu jener Gruppe von Menschen gehörte, für die man damals ein Wort verwendete, das bereits eine Vermutung über die Dauer ihres Aufenthalts enthielt: Gastarbeiter. Antonio blieb ebenfalls.

Am Ende lagen fast zwei Jahrtausende auf dem Küchentisch. Jonas betrachtete das Gewirr aus Namen, Herkunftsorten, Hochzeiten und Kindern und stellte jene Frage, die vermutlich jeder Familienforscher irgendwann stellt: „Wer davon sind denn jetzt eigentlich die Wiesbadener?“

Seine Großmutter soll eine Weile auf den Stammbaum geschaut haben. „Alle.“

Damit hätte die Geschichte enden können. Tat sie aber nicht.

Denn bei der Vorbereitung einer kleinen Ausstellung über das Projekt stießen die Schülerinnen und Schüler auf eine Gemeinschaft in ihrer Stadt, die mit Herkunft und gesellschaftlicher Einordnung auf bemerkenswert eigenwillige Weise umgeht: die Schlaraffia Wiesbadensia (42).

Dort treffen sich Männer, die im gewöhnlichen Leben durchaus unterschiedlich sein können. Einer arbeitet im Handwerk, ein anderer war Beamter, Arzt, Unternehmer, Musiker oder Ingenieur. Einer stammt aus Wiesbaden, ein anderer ist zugezogen. Einer trägt im Berufsleben vielleicht einen akademischen Titel, ein anderer nicht. Manche kennen sich seit Jahrzehnten, andere stehen zum ersten Mal vor der Tür.

Sobald sie diese Tür durchschreiten, verliert ein erheblicher Teil davon seinen Wert.

Denn wer bei der Wiesbadensia mitspielt, lässt einen Teil seiner profanen Welt bewusst draußen. Berufliche Stellung und gesellschaftlicher Rang bestimmen nicht, welchen Platz jemand in der Runde einnimmt. Auch die Frage, ob seine Familie seit fünf Generationen in der Stadt lebt oder ob er vor fünf Monaten zugezogen ist, bringt ihm keinen erkennbaren Vorteil.

Das Spiel geht sogar noch weiter. Die Beteiligten geben sich im Laufe der Zeit neue Namen. Ausgerechnet eine Gemeinschaft mit ausgeprägter Traditionspflege sorgt also dafür, dass die Bezeichnungen, mit denen Menschen im Alltag ihre Stellung erklären, innerhalb der eigenen Burg erheblich an Bedeutung verlieren.

FASTWAHR hält das für eine bemerkenswert radikale Methode. Andere Organisationen bemühen sich um Gleichbehandlung durch Satzungen, Leitbilder und umfangreiche Formulierungen. Schlaraffia setzt Männern merkwürdige Helme auf und nennt sie anders.

Natürlich verschwindet die wirkliche Persönlichkeit dadurch nicht. Im Gegenteil. Einer kann hervorragend musizieren, ein anderer Geschichten erzählen, ein Dritter zeichnet, dichtet oder weiß erstaunlich viel über ein Thema, von dem die übrigen Anwesenden bis zu diesem Abend nicht einmal wussten, dass man erstaunlich viel darüber wissen kann. Gerade diese Unterschiede gehören zum Spiel. Nur die übliche gesellschaftliche Gebrauchsanweisung des Menschen wird unwichtiger.

Vielleicht hätte das auch Jonas’ Stammbaum erheblich vereinfacht. Statt über fast zweitausend Jahre zu untersuchen, welcher seiner Vorfahren wann von wo nach Wiesbaden gekommen war, hätte er lediglich feststellen müssen, was irgendwann ohnehin mit jedem von ihnen geschah: Aus einem Menschen von außerhalb wurde ein Mensch, den jemand kannte.

Aus dem Fremden wurde ein Nachbar, Freund, Ehemann oder Vater. Und einige Generationen später behauptete dessen Familie mit völliger Selbstverständlichkeit, schon immer hier gewesen zu sein.

Bei den Schlaraffen dauert dieser Vorgang gewöhnlich keine Generationen. Dort beginnt er mit einem Besuch.

Wer zum ersten Mal zur Wiesbadensia kommt, ist Gast. Kommt er wieder, lernt man sich kennen. Vielleicht gefällt ihm dieses merkwürdige Spiel aus Kunst, Freundschaft und Humor. Vielleicht bleibt er. Und irgendwann interessiert kaum noch jemanden, wo sein Großvater geboren wurde oder welche Berufsbezeichnung auf seiner Visitenkarte steht.

Dann gehört er dazu. Ganz ohne Stammbaum.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Warmer Damm · Aquae Mattiacorum · Wiesbaden · Schlaraffia Wiesbadensia (42)

  • Wahr: Wiesbadens Geschichte reicht bis in die Römerzeit zurück; die römische Siedlung hieß Aquae Mattiacorum, im frühen Mittelalter wird der Ort als Wisibada genannt.
  • Wahr: Der Warme Damm ist ein 1860/61 angelegter Landschaftspark mit großem Weiher vor dem Hessischen Staatstheater.
  • Wahr: Die Schlaraffia Wiesbadensia (42) besteht seit 1882 und sippt von Oktober bis April mittwochs in ihrer Burg in der Kiedricher Straße 8. Im schlaraffischen Spiel zählen Beruf, Titel und Herkunft nicht.
  • Erfunden: Jonas, das Schulprojekt, die Funde am Weiher und der Stammbaum mit Lucius, Adal, Samuel, Émile und Antonio.
  • KI-generiert: das Bild. Namen, Banner und Aufschriften im Bild sind erfunden.

Historische Zuverlässigkeit: 10 %FASTWAHR-Faktor: 90 %

Fast erfunden. Das Ankommen ist echt.

Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich – die Wiesbadensia (42) sippt von Oktober bis April mittwochs in ihrer Burg in der Kiedricher Straße 8 in Wiesbaden. Gäste sind willkommen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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