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FASTWAHR ermittelt1472-1945

In Zittau verschwand ein Schatz. Dann tauchte er in einer Badestube wieder auf.

Zittau,

Es ist mehr als acht Meter hoch, erzählt auf 90 Bildern beinahe die gesamte Bibel und hat seit 1472 erstaunlich schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Es wurde vergessen, wiedergefunden, versteckt, zerschnitten und zweckentfremdet, und ist trotzdem noch da. Eine andere Zittauer Institution hatte weniger Glück.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-Bild im Stil einer alten Fotografie: Ein riesiges bemaltes Tuch mit vielen biblischen Bildfeldern hängt im Chor einer gotischen Kirche, davor Besucher mit Hüten in den Kirchenbänken

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; keine Aufnahme und keine Reproduktion des Zittauer Fastentuchs.

ZITTAU. Wer einen Gegenstand fünfeinhalb Jahrhunderte lang erhalten möchte, sollte ihn trocken lagern, vorsichtig behandeln und möglichst niemandem überlassen, der gerade Material für eine provisorische Badestube benötigt. Das Große Zittauer Fastentuch hat gegen praktisch jede dieser Empfehlungen verstoßen und existiert trotzdem noch immer. Seine Geschichte klingt stellenweise so unglaubwürdig, dass FASTWAHR diesmal ungewöhnlich wenig erfinden musste.

Das Tuch entstand 1472 und ist mit etwa 8,20 mal 6,80 Metern nicht gerade etwas, das versehentlich hinter einen Schrank rutschen kann. Auf 90 Bildfeldern erzählt es biblische Geschichten von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht. Gestiftet wurde es vom Zittauer Gewürz- und Getreidehändler Jakob Gürtler für die Johanniskirche. Während der Fastenzeit verdeckte es dort den Altarraum und gehörte ungefähr zwei Jahrhunderte lang zum kirchlichen Leben der Stadt. Heute gilt es als einzig erhaltenes Fastentuch des sogenannten Feldertyps in Deutschland und als eines der größten erhaltenen Fastentücher überhaupt.

Dann begann eine Karriere, die für einen mittelalterlichen Textilschatz ungewöhnlich ereignisreich werden sollte. Nachdem das Tuch nicht mehr liturgisch verwendet wurde, geriet es zunehmend aus dem Blick. 1840 wurde es in der Zittauer Ratsbibliothek wiederentdeckt, später nach Dresden gegeben und schließlich nach Zittau zurückgeholt. Schon das wäre eine respektable Geschichte über Vergessen und Wiederfinden gewesen. Doch 1945 beschlossen die Zeitläufte, den Schwierigkeitsgrad deutlich zu erhöhen.

Zum Schutz vor den letzten Kriegsereignissen hatte man das kostbare Stück auf den Oybin ausgelagert. Dort wurde es von sowjetischen Soldaten gefunden, offenbar ohne dass seine kunsthistorische Bedeutung erkannt wurde. Teile des Tuches wurden zerschnitten und zur Verkleidung beziehungsweise Abdichtung einer provisorischen Badestube verwendet. Dabei erlitt das jahrhundertealte Kunstwerk schwere Schäden. Später gelangten die erhaltenen Teile wieder nach Zittau.

Man sollte diesen Vorgang einen Moment wirken lassen.

Ein mittelalterlicher Gewürzhändler finanziert 1472 ein monumentales Kunstwerk. Generationen von Zittauern bewahren es. Es übersteht Reformation, Stadtbrände, politische Umwälzungen und einen Weltkrieg, und wird unmittelbar danach für einen vollkommen alltäglichen Zweck verwendet, weil offenbar niemand erkennt, was man da eigentlich vor sich hat.

Und selbst das überlebt es.

In den Jahren 1994 und 1995 wurde das schwer beschädigte Tuch von der Schweizer Abegg-Stiftung restauriert. Seit 1999 ist es im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz wieder öffentlich zu sehen. Wer heute davorsteht, betrachtet deshalb nicht nur 90 biblische Bilder, sondern einen Gegenstand, dessen bloße Anwesenheit fast schon als Trotzreaktion gegenüber der Geschichte verstanden werden kann.

Bei unserer Recherche stießen wir allerdings auf eine zweite Zittauer Geschichte über das Verschwinden.

Sie beginnt gut 450 Jahre nach der Entstehung des Fastentuchs.

Mitte der 1920er Jahre trafen sich in Zittau Männer, bei denen zunächst wenig darauf hindeutete, dass sie ebenfalls irgendwann Gegenstand einer historischen Spurensuche werden würden. Sie lebten in der Stadt, gingen ihren Berufen nach und besaßen vollkommen gewöhnliche Namen. Doch zu bestimmten Zeiten scheint sich ihre Identität verändert zu haben. In den überlieferten Zusammenhängen begegnen plötzlich Knappen, Junker und Ritter. Es ist von einer Burg die Rede, obwohl kein mittelalterlicher Burgherr in Zittau eine neue Lehensordnung verkündet hatte, und die Männer gehörten zu einem „Reych“, das auf keiner politischen Landkarte der Weimarer Republik auftauchte.

Besonders auffällig ist, dass niemand diese Ritter wegen ihrer militärischen Fähigkeiten benötigte. Sie trugen keine Grenzstreitigkeiten mit der benachbarten Tschechoslowakei aus, verteidigten keine Handelsstraße und wurden nach unseren Erkenntnissen auch nicht zum Schutz des Fastentuchs eingesetzt. Was rückblickend möglicherweise ein Fehler war.

Stattdessen beschäftigten sie sich mit Musik, Geschichten, Gedichten, Vorträgen und Humor. Ein Uhu spielte eine bemerkenswert wichtige Rolle, ihre Zusammenkünfte hießen nicht Sitzungen, sondern Sippungen, und selbst ihre Zeitrechnung folgte eigenen Regeln. Das alles geschah nicht im Mittelalter, sondern mitten im 20. Jahrhundert.

Erst an dieser Stelle lässt sich das Rätsel vernünftig auflösen.

Die Männer waren Schlaraffen.

Am 2. Februar 1924 entstand in Zittau die schlaraffische Colonie Zittana, eine Tochter der Bautzener Budissa. Sie gehörte zur Schlaraffia, jener 1859 in Prag entstandenen Gemeinschaft, die sich im Laufe der Jahrzehnte über viele Städte Europas und schließlich weit darüber hinaus ausgebreitet hatte. Ihre Ritterwelt war bewusstes Spiel: Für einige Stunden sollte der Alltag draußen bleiben. Gesellschaftlicher Rang und berufliche Stellung verloren an Bedeutung, Politik und Religion hatten in dieser Welt nichts zu suchen; stattdessen standen Kunst, Freundschaft und Humor im Mittelpunkt.

Damit besaß Zittau zeitweise zwei ausgesprochen ungewöhnliche Einrichtungen.

Die eine bestand aus 56 Quadratmetern bemaltem Leinen und erzählte Geschichten aus der Bibel.

Die andere bestand aus Männern und erzählte vermutlich deutlich andere Geschichten.

Eine direkte Verbindung zwischen beiden wäre für FASTWAHR natürlich unwiderstehlich gewesen. Wir haben deshalb sorgfältig geprüft, ob das Zittauer Fastentuch möglicherweise bei schlaraffischen Zusammenkünften verwendet wurde, ob ein Ritter mit dem Namen „Vom heiligen Tuche“ existierte oder ob die 90 Bildfelder womöglich als besonders frühe Form einer schlaraffischen Vereinschronik missverstanden wurden.

Nichts davon lässt sich belegen.

Auch die Vorstellung, die Schlaraffen hätten vorsorglich beschlossen, das Fastentuch zu bewachen, scheitert spätestens an den Ereignissen von 1945.

Die beiden Geschichten sind unabhängig voneinander.

Gerade deshalb besitzt ihr Ende eine gewisse Ironie.

Das Fastentuch ist noch da.

Das Zittauer Schlaraffenreych nicht.

Das erscheint historisch ein wenig ungerecht. Ein Stück Leinen wird vergessen, ausgelagert, zerschnitten, zweckentfremdet, schwer beschädigt und später aufwendig restauriert, und kann heute besichtigt werden. Eine Gemeinschaft erwachsener Männer benötigt im Grunde nur einen Raum, einige Stühle und genügend Humor und schafft es trotzdem nicht automatisch durch sämtliche Verwerfungen eines Jahrhunderts.

Wer heute in Zittau nach den schlaraffischen Rittern sucht, wird deshalb keine Sippung mehr finden. Das Zittauer Reych ist Geschichte.

Allerdings ist die Art keineswegs ausgestorben.

Und hier bekommt unsere Spurensuche einen überraschend praktischen Ausgang. Wer von Zittau aus nicht nur alte Dokumente betrachten, sondern selbst erleben möchte, was geschieht, wenn erwachsene Männer ihre normalen Namen für einige Stunden gegen Ritternamen tauschen und aus einem Vereinsabend eine eigene Welt machen, muss lediglich etwas weiterfahren.

In der Oberlausitz und ihrem Umfeld existieren weiterhin schlaraffische Reyche. In Bautzen gibt es die Budissa, in Görlitz die Gorlitia, und auch in Meißen besteht mit dem Castellum Misena ein Reych. Die historische Zittauer Variante ist verschwunden; das merkwürdige Treiben selbst lässt sich also weiterhin beobachten.

Damit endet unsere Untersuchung ungewöhnlich versöhnlich.

Zittau hat zwar seine Ritter verloren.

Dafür besitzt die Stadt noch immer einen mittelalterlichen Schatz, der eine geradezu unglaubliche Folge von Gefährdungen, Verlusten und Zweckentfremdungen überstanden hat.

Vielleicht sollte man daraus keine allgemeinen Regeln über Haltbarkeit ableiten. Falls doch, fällt das Ergebnis für Vereine etwas unangenehm aus:

Leinen hält mitunter länger als Tradition.

Andererseits kann man eine Tradition neu beginnen.

Bei einem Fastentuch von 1472 wäre das schwieriger.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Großes Zittauer Fastentuch · Kirche zum Heiligen Kreuz (Zittau) · Zittau · Oybin

  • Wahr: Das Große Zittauer Fastentuch entstand 1472, misst 8,20 mal 6,80 Meter (rund 56 Quadratmeter) und zeigt auf 90 Feldern Szenen von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht. Gestiftet hat es der Gewürz- und Getreidehändler Jakob Gürtler; von 1472 bis 1672 hing es in der Fastenzeit in der Johanniskirche. Es gilt als einziges erhaltenes Fastentuch des bilderreichen Feldertyps in Deutschland.
  • Wahr: 1840 wurde es in der Ratsbibliothek wiedergefunden, 1842 nach Dresden gebracht und 1876 zurückgeholt. Im Februar 1945 wurde es in einem Kellergewölbe der Burgruine Oybin ausgelagert. Sowjetische Soldaten zerschnitten es und verwendeten die Teile, um eine provisorische Badestube abzudichten. Die Abegg-Stiftung restaurierte es 1994/95; seit 1999 ist es im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz zu sehen.
  • Wahr: Die Schlaraffia in Zittau gab es wirklich. Die Colonie Zittana (244), eine Tochter der Budissa in Bautzen, wurde am 2. Februar 1924 gegründet und erlosch 1932. Budissa (Bautzen), Gorlitia (Görlitz) und Castellum Misena (Meißen) bestehen heute.
  • Erfunden: Jede Verbindung zwischen den Zittauer Schlaraffen und dem Fastentuch. Sie bewachten es nicht, verwendeten es nicht in ihrer Burg, und einen Ritter „Vom heiligen Tuche“ haben wir nicht gefunden.
  • KI-generiert: Das Bild ist eine frei gestaltete KI-Szene und keine Aufnahme des Fastentuchs.

Historische Zuverlässigkeit: 80 %FASTWAHR-Faktor: 20 %

Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.

Das Fastentuch überstand 554 Jahre, mehrere politische Systeme, einen Weltkrieg und eine bemerkenswerte Zweckentfremdung. Die Zittauer Ritter schafften das nicht. Wer sie vermisst, findet ihre Artgenossen in Bautzen, Görlitz und Meißen.

Die Zittana gibt es nicht mehr, ihre Nachbarn schon: Die Budissa sippt in Bautzen, die Gorlitia in Görlitz und das Castellum Misena in Meißen.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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