FASTWAHR ermittelt1880-1892
Zürich bekam 1880 einen Uhu. Den Böögg verbrannte man später lieber.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Frei gestaltete Szene; keine historische Aufnahme, Details der Stadtansicht und des Bööggs sind erfunden.
ZÜRICH. Wer die Zürcher Geschichte verstehen möchte, sollte zunächst akzeptieren, dass dort manche Dinge etwas anders geregelt werden. Ein Frühlingsfest beginnt mit einer Glocke, Zünfte ziehen auf Pferden durch die Stadt, und am Ende wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ein Mann verbrannt, dessen Kopf vorher mit Knallkörpern gefüllt wurde. Je schneller er explodiert, desto besser soll anschließend das Wetter werden. In anderen Städten würde ein solcher Ablauf vermutlich mehrere Behörden beschäftigen. In Zürich heißt er Sechseläuten und gehört zum kulturellen Inventar.
Der Mann auf dem Scheiterhaufen ist der Böögg, heute ein 3,40 Meter hoher Schneemann, der rund 100 Kilogramm wiegen soll. Sein Kopf enthält Feuerwerkskörper, und wenn am Sechseläuten um sechs Uhr das Feuer entzündet wird, beginnt die Zeitmessung. Explodiert er schnell, freut sich Zürich auf einen schönen Sommer; braucht er länger, werden erste Zweifel am Wetter laut. Dass die meteorologische Qualifikation eines brennenden Schneemanns wissenschaftlich nicht vollständig geklärt ist, hat seiner Karriere kaum geschadet.
Das Erstaunliche daran ist weniger, dass Zürich einen Böögg verbrennt, sondern dass dieser mit dem eigentlichen Sechseläuten ursprünglich gar nichts zu tun hatte. Der Name bezeichnete eine vermummte Schreckgestalt und ist in Zürich schon seit Jahrhunderten bekannt. Im Kratzquartier verbrannten Buben im Frühjahr solche Figuren, zogen sie vorher auf Wagen durch die Straßen und begannen irgendwann sogar, sie mit Feuerwerkskörpern auszustatten. Zur gleichen Zeit feierten die Zünfte ihr Sechseläuten, dessen Name auf das abendliche Läuten um sechs Uhr zurückgeht. Zwei Bräuche liefen also nebeneinander her, bis man Ende des 19. Jahrhunderts beschloss, daraus eine gemeinsame Veranstaltung zu machen. Erst 1892 wurde die Böögg-Verbrennung fester Bestandteil des Sechseläutens; als weißer Schneemann trat der berühmteste Zürcher Wetterexperte sogar erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf.
Für unsere Geschichte ist das Jahr 1880 deshalb besonders interessant. Denn zwölf Jahre bevor der Böögg offiziell in das große Zürcher Frühlingsfest aufgenommen wurde, erschien in der Stadt bereits ein anderer Vogel, der ebenfalls eine erstaunliche Karriere machen sollte.
Diesmal handelte es sich um einen Uhu.
Am 5. Oktober 1880 wurde in Zürich die Schlaraffia Turicensis (19) gegründet. Sie war das erste schlaraffische Reych in der Schweiz, und ihre historische Gründungsurkunde ist bis heute erhalten. Darin wird Zürich feierlich als „altberühmete Veste an der grünen Limmat am schönen See“ begrüßt und ausdrücklich festgestellt, dass hier als erster Ort in der freien Helvetia „das Banner Uhus“ aufgepflanzt werde. Die Turicensis selbst führt den 5. Oktober 1880 bis heute als Gründungstag.
Damit ergibt sich für Zürich rückblickend eine bemerkenswerte Chronologie. 1880 kam der Uhu. 1892 folgte offiziell der Böögg.
FASTWAHR wollte deshalb wissen, weshalb der eine bleiben durfte und der andere seither regelmäßig verbrannt wird.
Eine entsprechende Magistratsentscheidung konnten wir nicht finden. Auch ein historisches Auswahlverfahren zwischen beiden Figuren scheint nicht stattgefunden zu haben. Es wäre allerdings reizvoll gewesen: links ein Uhu als Symbol von Weisheit und schlaraffischem Spiel, rechts eine vermummte Schreckgestalt, die später zum Schneemann werden sollte. Die zuständige Kommission hätte anschließend lediglich entscheiden müssen, welcher Kandidat künftig in einer Burg über Kunst, Freundschaft und Humor wacht und welcher auf einen zehn Meter hohen Holzstoß gestellt wird.
Das Ergebnis wäre eindeutig ausgefallen.
Der Uhu sitzt bis heute ausgesprochen sicher.
Beim Böögg ist die Arbeitsplatzsicherheit überschaubar.
Dabei hätten beide durchaus Gemeinsamkeiten vorzuweisen. Sowohl Schlaraffen als auch Zürcher Zünfter treten zu besonderen Anlässen in Kleidung auf, die im gewöhnlichen Büroalltag Aufmerksamkeit erregen würde. Beide pflegen alte Bräuche, beide besitzen eigene Zeichen und Wappen, und Außenstehende benötigen bei ihrem ersten Besuch einige Erklärungen. Selbst das Feuer ist den Schlaraffen nicht völlig fremd, wobei dort gewöhnlich Kerzen genügen und man bislang davon absieht, Mitglieder mit Feuerwerkskörpern zu füllen.
Vor allem aber entstanden beide Traditionen aus dem spielerischen Umgang mit einer anderen Welt. Beim Sechseläuten lebt die alte Zürcher Zunftgeschichte weiter, obwohl die Zünfte längst nicht mehr den wirtschaftlichen und politischen Alltag der Stadt bestimmen. Bei Schlaraffia verwandeln Männer für einige Stunden ihren gewöhnlichen Alltag in eine erfundene Ritterwelt. Aus einem Vereinsraum wird eine Burg, aus Mitgliedern werden Knappen, Junker und Ritter, und über allem wacht der Uhu. Berufliche Stellung, Politik und Religion bleiben dabei draußen; im Mittelpunkt stehen Freundschaft, Kunst und Humor.
Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied. Beim Böögg läuft die Veranstaltung unweigerlich auf sein Ende zu. Sobald um sechs Uhr das Feuer brennt, interessiert sich Zürich vor allem dafür, wie lange der Kopf noch hält. Bei der Turicensis beginnt der interessante Teil gewöhnlich erst, nachdem alle angekommen sind. Dass ausgerechnet der Uhu dabei die bessere Überlebensstrategie entwickelt hat, dürfte niemanden überraschen, der schon einmal beobachtet hat, wie still ein solcher Vogel sitzen kann.
Historisch wird die Geschichte noch hübscher, weil die Gründungsurkunde der Turicensis zeigt, mit welchem Selbstbewusstsein die junge Gemeinschaft 1880 in Zürich antrat. Das Prager Stammreych erteilte den bei der Gründung anwesenden „Profanen“ sogar die Befugnis, unmittelbar nach altem Ceremoniale zu Rittern geschlagen zu werden, ohne vorher den üblichen Weg über Prüfling, Knappe und Junker zurücklegen zu müssen. Zürich erhielt gewissermaßen eine schlaraffische Sonderzulassung für den Schnellstart.
Man kann sich den Abend deshalb recht gut vorstellen: In Zürich werden Männer zu Rittern eines gerade entstehenden Reyches, irgendwo über ihnen schwebt symbolisch bereits der Uhu, und niemand ahnt, dass zwölf Jahre später eine zweite merkwürdige Gestalt offiziell Karriere machen wird. Der Böögg musste allerdings den härteren Vertrag akzeptieren.
Seither sind beide erstaunlich erfolgreich. Die Turicensis besteht noch immer und bezeichnet sich selbst als erstes Reych der Schweiz. Der Böögg hat es unterdessen zu internationaler Bekanntheit gebracht, obwohl seine jährliche Stellenbeschreibung im Wesentlichen daraus besteht, möglichst spektakulär den Kopf zu verlieren. Selbst Entführung, vorzeitige Verbrennung, Umfallen und schlechtes Wetter konnten seiner Karriere nichts anhaben. 2006 wurde er sogar gestohlen; 2024 verhinderte starker Wind seine Verbrennung in Zürich, sodass der Winter später andernorts verabschiedet werden musste.
Vielleicht liegt darin eine bislang unterschätzte Zürcher Spezialität. Andere Städte errichten ihren Symbolfiguren Denkmäler und achten anschließend darauf, dass niemand sie beschädigt. Zürich besitzt zwei besonders bemerkenswerte Exemplare und verfolgt unterschiedliche Konzepte: Den Uhu lässt man seit 1880 in Ruhe, den Böögg baut man jedes Jahr neu, nur um ihn anschließend wieder in die Luft zu jagen.
Beide Modelle funktionieren seit erstaunlich langer Zeit.
FASTWAHR sieht deshalb keinen Anlass, die Zuständigkeiten nachträglich zu ändern.
Vor allem der Uhu dürfte dagegen sein.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Sechseläuten · Böögg · Zürich · Schlaraffia Turicensis (19)
- Wahr: Die Schlaraffia Turicensis (19) wurde am 5. Oktober 1880 in Zürich gegründet und war das erste Schlaraffenreych der Schweiz. Ihre Gründungsurkunde ist erhalten; darin heißt es, Zürich, „die altberühmete Veste an der grünen Limmat am schönen See“, pflanze als „Erste in der freien Helvetia“ das „Banner Uhus“ auf seine Zinnen.
- Wahr: Die Urkunde erlaubte, die bei der Gründungssippung anwesenden Profanen ohne vorherigen Dienst als Prüflinge, Knappen und Junker zu Rittern zu schlagen.
- Wahr: Bööggen wurden in Zürich schon vor 1880 verbrannt, zunächst unabhängig vom Sechseläuten der Zünfte. Erst 1892 übernahmen die Zünfte die Verbrennung; die Schneemann-Gestalt aus Watte gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Böögg ist rund 3,40 Meter hoch und steht auf einem etwa zehn Meter hohen Holzstoß, das Feuer wird um 18 Uhr entzündet.
- Wahr: 2006 entführten Aktivisten den Böögg vor dem Fest. 2024 fiel die Verbrennung in Zürich wegen starken Windes aus; der Böögg wurde zwei Monate später in Heiden (Appenzell Ausserrhoden) verbrannt.
- Nicht belegt: Das Gewicht des Bööggs von rund 100 Kilogramm haben wir in keiner verlässlichen Quelle gefunden.
- Erfunden: Dass Zürich je zwischen Uhu und Böögg über deren künftige Verwendung entschieden hätte. Es gab keine Auswahlkommission, keine gemeinsame Bewerbung und, soweit wir feststellen konnten, auch keinen Schlaraffen, der vorgeschlagen hätte, den Uhu zu verbrennen.
- KI-generiert: Das Bild ist eine frei gestaltete KI-Szene und keine historische Aufnahme.
Historische Zuverlässigkeit: 70 %FASTWAHR-Faktor: 30 %
Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.
Das wäre vermutlich ohnehin abgelehnt worden. Seit 1880 hat der Uhu schließlich einen festen Vertrag.
Die Schlaraffen aus dieser Geschichte gibt es wirklich: Die Turicensis (19) sippt seit 1880 in Zürich, dienstags ab 20 Uhr in ihrer Burg an der Ackersteinstrasse 161 in Höngg. Gäste sind willkommen.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Schlaraffia Turicensis: Burg und Hystoriae (Gründungsurkunde) schlaraffia-turicensis.ch
- Schlaraffia Turicensis: Über uns schlaraffia-turicensis.ch
- Schlaraffia Helvetica: Turicensis 19 schlaraffia-helvetica.ch
Hintergrund
- swissinfo.ch: The Böögg, Switzerland's exploding psychic snowman swissinfo.ch
- Zürich Tourismus: Sechseläuten zuerich.com
- Wikipedia: Sechseläuten en.wikipedia.org
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


