1916 tauchte in Baltimore ein U-Boot auf. Die verdächtigste Fracht stand auf keiner Ladeliste.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Das KI-Bild zeigt einen erfundenen Zollbeamten mit einem Briefbündel vor dem U-Boot Deutschland in Baltimore, es ist keine historische Fotografie.
Als sich im Juli 1916 ein grauer, zigarrenförmiger Rumpf durch die Chesapeake Bay schob, liefen in Baltimore die Menschen an die Kais, und die Zeitungen druckten Sonderausgaben. Die "Deutschland" war kein Kriegsschiff, sondern ein unbewaffnetes Fracht-U-Boot der Bremer Deutschen Ozean-Reederei, und ihr Kapitän Paul König hatte etwas vollbracht, das die Welt für unmöglich gehalten hatte: Er war mitten im Ersten Weltkrieg unter der britischen Seeblockade hindurch über den Atlantik gefahren, um mit den damals noch neutralen Vereinigten Staaten Handel zu treiben.
Im Bauch des Bootes lagerten hochkonzentrierte Farbstoffe und Arzneimittel, Waren, nach denen die amerikanische Industrie seit Kriegsbeginn gierte, weil der Nachschub aus Deutschland ausgeblieben war. Für die Rückfahrt wurden Kautschuk, Nickel und Zinn geladen, also genau jene Rohstoffe, die dem Kaiserreich fehlten. Großbritannien protestierte und erklärte das Boot zur verkappten Kriegswaffe, doch die amerikanischen Behörden inspizierten die "Deutschland" und stuften sie als Handelsschiff ein. Anfang August legte König wieder ab und erreichte wenige Wochen später unversehrt die Weser.
So weit die Geschichte, die man in jedem Marinemuseum nachlesen kann. Weniger bekannt ist eine Randnotiz, die sich in den Unterlagen der Inspektion befunden haben soll. Ein Zollbeamter vermerkte dort angeblich ein kleines, in Wachstuch eingeschlagenes Paket, das auf keinem Ladeschein auftauchte und Briefe enthielt, die ausnahmslos in Versen abgefasst waren. Adressiert waren sie nicht an Personen mit bürgerlichen Namen, sondern an Herren mit Titeln wie "Ritter vom tönenden Zapfenstreich", was den Beamten, der auf Spionage geschult war, verständlicherweise in Alarmbereitschaft versetzte.
Die herbeigerufenen Fachleute der Marine stießen beim Lesen auf ein Vokabular, das jeden Geheimdienst elektrisieren musste. Immer wieder war von einem "Uhu" die Rede, was einer der Analytiker umgehend als Tarnwort für das U-Boot selbst deutete. Die Briefe sprachen von "Burgen", "Sippungen" und einer "Winterung", die im Oktober beginne, und jeder Brief trug eine Jahreszahl, die mit dem Kalender nichts zu tun hatte: 57. Ein besonders eifriger Leutnant soll zwei Nächte damit verbracht haben, diese Zahl als geographische Breite zu deuten, bevor ihm jemand mitteilte, dass dort Schottland liegt und Schottland nicht zum Verdacht passte.
Am meisten Kopfzerbrechen bereitete das Versmaß. Die Kryptographen gingen davon aus, dass ein Code dieser Raffinesse seine Botschaft im Reimschema verstecke, und zählten Silben, Hebungen und Kreuzreime, bis sich zwei Lager gebildet hatten. Die einen hielten die Briefe für das ausgeklügeltste Verschlüsselungssystem des Krieges, die anderen für die vorsätzlich schlechteste Lyrik, die je den Atlantik überquert hatte. Kein Spion, so das Argument der zweiten Fraktion, würde sich freiwillig auf "Kautschuk" einen Reim abringen.
Die Lösung kam angeblich nicht aus Washington, sondern aus einem Hinterzimmer in Baltimore, wo sich eine Handvoll deutschstämmiger Herren meldete und erklärte, die Briefe seien für sie bestimmt. Sie gehörten, so ihre Auskunft, zu Schlaraffia, einer 1859 in Prag gegründeten Vereinigung, die Kunst, Freundschaft und Humor pflegt, den Uhu als Symbol der Weisheit verehrt und ihre Jahre seit der Gründung zählt, weshalb 1916 eben das Jahr 57 war. Die Verse seien keine Geheimbotschaften, sondern Fechsungen, wie man dort die selbstverfassten Beiträge nennt, und die Ritter in der Heimat hätten schlicht die seltene Gelegenheit genutzt, ihren Freunden jenseits des Ozeans einen Gruß zu schicken, den keine britische Fregatte abfangen konnte.
Ein eigenes Schlaraffenreych gab es in Baltimore damals allerdings noch nicht: Das Reych Baltimora (Nr. 303) entstand erst Jahrzehnte später, hielt dann lange die schlaraffische Fahne in der Stadt hoch und soll sich 2004 aufgelöst haben. Um ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen, soll einer von ihnen dem Zollbeamten an Ort und Stelle eine Antwort in Versen vorgetragen haben, woraufhin dieser das Paket freigab, nach eigener Aussage weniger aus Überzeugung als aus dem Wunsch, das Gedicht möge enden.
Die gereimte Antwort aus Baltimore reiste Anfang August mit Kautschuk und Nickel zurück nach Bremen und kam heil an. Allerdings erreichte die "Deutschland" die Weser im Spätsommer, also mitten in der Sommerung, jener Zeit, in der Schlaraffen traditionell nicht zu ihren Sippungen zusammenkommen. Als die "Deutschland" am 1. November 1916 zu ihrer zweiten Amerikafahrt in New London einlief, sollen die Briefe aus Baltimore in Bremen gerade erst feierlich verlesen worden sein.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Deutschland (U-Boot) · Paul König · Baltimore · Schlaraffia
- Wahr: Das unbewaffnete Handels-U-Boot Deutschland der Deutschen Ozean-Reederei erreichte unter Kapitän Paul König am 9. Juli 1916 Baltimore.
- Wahr: Es brachte Farbstoffe und Arzneimittel und nahm Kautschuk, Nickel und Zinn mit zurück.
- Wahr: Großbritannien protestierte, die US-Behörden stuften das Boot als Handelsschiff ein.
- Wahr: Am 2. August 1916 lief es aus und erreichte im August Bremerhaven.
- Wahr: Am 1. November 1916 kam es auf der zweiten Fahrt in New London an.
- Wahr: Das Boot beförderte auch Post, darunter Bank- und Diplomatenpost.
- Wahr: Später wurde es zum U-Kreuzer U 155 umgebaut.
- Wahr: Paul König veröffentlichte 1916 das Buch Die Fahrt der Deutschland.
- Wahr: Schlaraffia wurde 1859 in Prag gegründet, pflegt Kunst, Freundschaft und Humor und hat den Uhu als Symbol.
- Wahr: Die Winterung dauert von Oktober bis April, 1916 entspricht dem schlaraffischen Jahr 57.
- Wahr: Das Reych Baltimora (Nr. 303) in Baltimore entstand lange nach 1916 und ist heute erloschen.
- Nicht belegt: Das Auflösungsjahr 2004 des Reychs Baltimora.
- Nicht belegt: Ob es 1916 bereits Schlaraffen in Baltimore gab.
- Erfunden: Das Paket mit gereimten Briefen in Wachstuch.
- Erfunden: Die Notiz des Zollbeamten.
- Erfunden: Die Untersuchung durch Marine-Kryptographen samt Breitengrad-Theorie.
- Erfunden: Die deutschstämmigen Herren im Hinterzimmer und ihr Gedichtvortrag.
- Erfunden: Die gereimte Antwort und ihre Verlesung in Bremen.
- KI-generiert: Das Titelbild ist KI-generiert und zeigt keine historische Szene.
- KI-generiert: Der Text ist mit KI-Unterstützung entstanden.
Historische Zuverlässigkeit: 55 %FASTWAHR-Faktor: 45 %
Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.
Damit war die Antwort aus Baltimore die einzige Fracht des Jahres 1916, die zwar die Royal Navy überlistete, aber an der schlaraffischen Sommerpause scheiterte.
Das Reych Baltimora (Nr. 303) ist erloschen. Die nächsten bestehenden Reyche sind Washingtonia (Nr. 197) in Washington, D.C., und Filadelfia (Nr. 128) in Philadelphia.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Wikipedia (englisch): Schlaraffia en.wikipedia.org
- Erloschene Reyche: Übersicht (303 Baltimora) erloschene-reyche.info
- German Marylanders: Schlaraffia Baltimora germanmarylanders.org
- Schlaraffia - offizielle Website schlaraffia.org
- Wikipedia: Schlaraffia de.wikipedia.org
- Schlaraffia Washingtonia schlaraffia-washington.org
Hintergrund
- Wikipedia: Deutschland (U-Boot) de.wikipedia.org
- Wikipedia (englisch): German submarine Deutschland en.wikipedia.org
- Wikipedia: Paul König (Kapitän) de.wikipedia.org
- Schaumburger Postgeschichte: Tauchbootbrief schaumburgerpostgeschichte.de
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