FASTWAHR ermittelt1866-1899
In Berlin flogen 1899 drei Männer zum Mond. Abgehoben hatte vorher schon jemand anderes.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Das KI-Bild zeigt die erfundene Mondfahrt der Berolina im Wäschekorb unter einem Lampion und ist keine historische Aufnahme oder Darstellung eines echten Ereignisses.
Am 7. November 1866 wurde in Berlin ein Junge geboren, der der Stadt später ihre heimliche Hymne schreiben sollte. Paul Lincke lernte sein Handwerk in der Stadtpfeiferei von Wittenberge und im Berliner Varieté und stand als junger Mann am Dirigentenpult des Apollo-Theaters in der Friedrichstraße. Dort hatte am 1. Mai 1899 ein Einakter Premiere, den sein Libretto-Lieferant Heinz Bolten-Baeckers eine Ausstattungsoperette nannte und das Publikum bald nur noch liebevoll beim Namen der Titelheldin: Frau Luna. Ein Berliner Mechaniker namens Fritz Steppke baut darin einen Ballon, steigt mit seinen Freunden Lämmermeier und Pannecke und schließlich auch mit seiner resoluten Wirtin Frau Pusebach in die Höhe und landet ohne große Umstände auf dem Mond, wo man ihn bereits zu erwarten scheint.
Die Idee lag in der Luft, im wörtlichen Sinn. Berlin erlebte in jenen Jahren eine regelrechte Ballonbegeisterung, auf dem Tempelhofer Feld übte die preußische Luftschifferabteilung, und wissenschaftliche Vereine schickten Gasballone in Höhen, in denen den Insassen die Luft knapp wurde. Merkwürdig ist trotzdem, mit welcher Sicherheit Lincke den Ton einer solchen Reise traf. Seine Mondfahrer klingen nicht wie Pioniere der Luftfahrt, sondern wie Herren, die sich nach einem langen Arbeitstag verabredet haben, für ein paar Stunden etwas vollkommen Unmögliches für wahr zu halten. Wer hatte ihm dieses Gefühl vorgemacht?
Die Spur, die eine Berliner Antiquarin im vergangenen Winter gefunden haben will, ist schmal. In einem gebundenen Jahrgang alter Theaterprogramme lag ein gefaltetes Blatt, auf dem mit Tusche ein Weidenkorb gezeichnet ist, darüber eine Kugel aus Papier und darunter ein Vogel mit auffallend großen Augen, der an Seilen zieht. Am Rand steht in kurrenter Schrift eine Datumsangabe aus dem Winter 1898 sowie ein Vermerk, der sich als Notenfolge lesen lässt, wenn man es unbedingt will. Die Antiquarin wollte es unbedingt und spielte die Töne auf ihrem Klavier nach. Was herauskam, ähnelte, mit etwas gutem Willen und zwei zugedrückten Ohren, einer Melodie, die man aus Frau Luna kennt.
Der Vogel mit den großen Augen führt in eine Welt, die damals wie heute gern unter sich bleibt. Er ist ein Uhu, und der Uhu ist das Wappentier der Schlaraffia, jener 1859 in Prag gegründeten Vereinigung, die sich der Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor verschrieben hat und ihre Zusammenkünfte, die Sippungen, in den Formen einer augenzwinkernd nachgespielten Ritterwelt abhält. In Berlin besteht seit 1865 das Reych Berolina, das in der Zählung der Schlaraffia die Nummer 2 trägt und damit zu den ältesten Reychen überhaupt gehört. Wenn Schlaraffen ein anderes Reych besuchen, nennen sie das bis heute einen Ausritt, und genau hier setzt die Legende an, die sich um das Blatt rankt.
Im Winter 1898, so wird erzählt, soll die Berolina beschlossen haben, ihren nächsten Ausritt nicht nach Leipzig oder Dresden zu unternehmen, sondern gleich zum Mond, weil dort nach übereinstimmender Auffassung der Ritterschaft noch kein Reych bestand und man die Gründung nicht anderen überlassen wollte. Die Knappen sollen einen Wäschekorb an die Balken der Burg gehängt haben, ein Lampion diente als Ballonhülle, und drei Ritter stiegen unter feierlicher Ansprache hinein. Der Korb hob sich um etwa eine Handbreit, was die Insassen als beachtliche Steighöhe würdigten, und während unten ein Junker mit einem Blasebalg für Höhenwind sorgte, berichteten die Reisenden in gereimten Meldungen von vorbeiziehenden Sternbildern, einer Begegnung mit einem Kometen von zweifelhaftem Ruf und schließlich von einer Landung, bei der eine strenge Dame in Silber sie nach ihren Papieren gefragt habe.
Unter den Gästen jenes Abends, die die Schlaraffen Pilger nennen, soll ein junger Kapellmeister gesessen haben, der wenig sagte, aber sehr viel mitschrieb. Ob es Paul Lincke war, lässt sich nicht beweisen, und die Berolina selbst hat sich zu der Frage nie geäußert, was Anhänger der Theorie für ein beredtes Schweigen halten und alle anderen für den Normalfall. Auffällig ist allenfalls, dass auch in Frau Luna der Mond keineswegs ein menschenleerer Gesteinsbrocken ist, sondern eine gut organisierte Gesellschaft mit Hofstaat, Zeremoniell und einer Herrscherin, die ihre Gäste mit größter Selbstverständlichkeit empfängt, als wäre dort oben gerade Sippung.
Die Antiquarin hat das Blatt inzwischen einem Sachverständigen gezeigt. Er bestätigte, dass es sich um Papier aus dem späten 19. Jahrhundert handle, dass die Zeichnung einen Uhu darstelle und dass die Notenfolge mit derselben Wahrscheinlichkeit aus Frau Luna stamme wie aus einem Kinderlied oder einer Einkaufsliste. Für die Frage, wer zuerst zum Mond geflogen ist, Fritz Steppke oder drei Ritter in einem Wäschekorb, hält er die Quellenlage für ungenügend. Die Berolina hält sie für eindeutig, möchte aber nicht zitiert werden.
Was davon stimmt
Die echten Fakten zu Paul Lincke · Frau Luna · Apollo-Theater Berlin · Tempelhofer Feld
- Wahr: Paul Lincke wurde am 7. November 1866 in Berlin geboren und starb am 3. September 1946 in Hahnenklee im Harz.
- Wahr: Lincke war Kapellmeister am Apollo-Theater in der Berliner Friedrichstraße.
- Wahr: Frau Luna wurde am 1. Mai 1899 im Apollo-Theater uraufgeführt, Libretto von Heinz Bolten-Baeckers, zunächst als Einakter.
- Wahr: In der Operette fliegen der Mechaniker Fritz Steppke, Lämmermeier, Pannecke und Frau Pusebach mit dem Ballon zum Mond.
- Wahr: Die preußische Luftschiffer-Abteilung war in den 1890er Jahren am Tempelhofer Feld stationiert, von dort starteten auch wissenschaftliche Ballonfahrten.
- Wahr: Die Schlaraffia wurde 1859 in Prag gegründet, ihr Symbol ist der Uhu, ihre Treffen heißen Sippungen, Gäste Pilger.
- Wahr: Das Reych Berolina wurde 1865 in Berlin gegründet und trägt die Nummer 2.
- Nicht belegt: Eine Verbindung Paul Linckes zur Schlaraffia oder ein Besuch bei der Berolina ist nicht belegt.
- Erfunden: Die Berliner Antiquarin und ihr Fund
- Erfunden: Das Blatt mit Uhu, Ballonkorb und Notenfolge aus dem Winter 1898
- Erfunden: Der Sachverständige und sein Gutachten
- Erfunden: Der Ballonritt der Berolina zum Mond mit Wäschekorb, Lampion und Blasebalg
- Erfunden: Der Gründungsantrag für ein Reych auf dem Mond
- KI-generiert: Das Titelbild ist KI-generiert und keine historische Aufnahme.
- KI-generiert: Der Text ist mit KI-Unterstützung entstanden.
Historische Zuverlässigkeit: 45 %FASTWAHR-Faktor: 55 %
Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.
Ein Gründungsantrag für ein Reych auf dem Mond liegt bis heute nicht vor. Nach Auskunft gut unterrichteter Kreise scheitert er nicht an der Entfernung, sondern daran, dass sich die Ritterschaft nicht einigen kann, wer den Wäschekorb trägt.
Die Schlaraffia Berolina, Reych Nummer 2 und 1865 gegründet, besteht bis heute in Berlin und trifft sich im Winterhalbjahr zu ihren Sippungen. Gäste sind als Pilger willkommen, Kontakt über die Website des Reychs.
Weiterführende Informationen
Schlaraffia
- Wikipedia: Schlaraffia de.wikipedia.org
- Schlaraffia Berolina: Kurzchronika schlaraffia-berolina.de
- Schlaraffia - offizielle Website des Verbands Allschlaraffia schlaraffia.org
- Schlaraffia Berolina e.V. schlaraffia-berolina.de
Hintergrund
- Wikipedia: Paul Lincke de.wikipedia.org
- Wikipedia: Frau Luna (Operette) de.wikipedia.org
- Wikipedia: Apollo-Theater (Berlin) de.wikipedia.org
- Stadt Wittenberge: Paul Lincke wittenberge.de
- Gedenktafeln in Berlin: Luftfahrtgeschichte am Tempelhofer Feld gedenktafeln-in-berlin.de
FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu


