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Neu entdecktum 1200

In Passau machte ein Bischof Literaturgeschichte. Doch wer durfte nach ihm sprechen?

Passau,

Im Nibelungenlied liegt Passau auf dem Weg an den Hof des Hunnenkönigs Etzel. Dort empfängt Bischof Pilgrim seine Nichte Kriemhild. Ein ehrenvoller Besuch, sollte man meinen. Doch eine bislang ungeschriebene Nebenhandlung legt nahe, dass die Stadt noch eine andere Aufgabe hatte: Sie musste eine Gesellschaft zum Weiterreisen bewegen.

FASTWAHR-Redaktion 3 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Illustration eines Schreibers mit langer Rednerliste in einem kerzenbeleuchteten Saal, daneben ein Bischof, eine Adlige und ein vortragender Dichter.

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Das Bild zeigt die erfundene Szene eines Schreibers mit einer ausufernden Rednerliste vor einem Bischof und einer Adligen, nicht eine historische Darstellung von Kriemhilds Besuch.

Als Kriemhild im Nibelungenlied zum Hunnenkönig Etzel reist, führt ihr Weg auch nach Passau. Dort begegnet sie ihrem Onkel, Bischof Pilgrim, und damit einer Figur, die einen bemerkenswerten historischen Schatten wirft: Einen Bischof dieses Namens gab es tatsächlich. Er amtierte von 971 bis 991, also Jahrhunderte bevor das um 1200 entstandene Epos seine überlieferte Gestalt erhielt. Die Dichtung nahm es mit der zeitlichen Sitzordnung nicht besonders genau; für Passau war immerhin ein Platz in einem der berühmtesten Werke des Mittelalters gewonnen.

Weniger Aufmerksamkeit hat bisher die Frage erhalten, wie man einen solchen Besuch wieder beendete. Ein hochrangiger Gast mit Gefolge lässt sich schließlich nicht verabschieden wie jemand, der nur nach dem Weg fragt. Zwischen Begrüßung, Würdigung und angemessener Erwiderung kann eine beträchtliche Zeitspanne liegen. Unsere bislang ungeschriebene Nebenhandlung setzt deshalb dort an, wo die Literaturwissenschaft gewöhnlich weiterblättert: bei einem Passauer Schreiber, der am Rand seiner Unterlagen notierte, die Reise könne fortgesetzt werden, sobald niemand mehr das Wort wünsche.

Der Mann hatte, wie sich bald zeigte, eine Bedingung formuliert, die praktisch unerfüllbar war. Auf den Gruß des Bischofs folgte eine Erwiderung, auf die Erwiderung eine Würdigung des Grußes und darauf ein kurzer Beitrag über die besondere Schwierigkeit, einer bereits vollständig gewürdigten Begrüßung noch gerecht zu werden. Der Schreiber ließ zunächst zwischen den Namen genügend Abstand. Später schrieb er kleiner. Am Ende wechselte er zu einer Schrift, die weniger dem Lesen als der platzsparenden Unterbringung gesellschaftlicher Rücksichtnahme diente.

Dabei lag das Problem keineswegs in übermäßiger Eitelkeit. Jeder Beteiligte wollte lediglich vermeiden, dass ein anderer sich übergangen fühlte, und meldete sich deshalb vorsorglich zu dessen Ehren. Ein Sänger widmete dem bevorstehenden Aufbruch mehrere Strophen, deren Vortrag den Aufbruch weiter hinausschob. Ein zweiter erklärte, ein so schöner Beitrag verdiene eine Antwort, worauf der erste aus Höflichkeit eine Antwort auf die Antwort vorbereitete. Der Schreiber erkannte darin ein Verfahren, das ohne äußere Einwirkung bis weit über die Lebenszeit sämtlicher Anwesenden hinausreichen konnte.

Sein Lösungsvorschlag war von einer Kühnheit, die man in mittelalterlichen Verwaltungsfragen selten ausreichend würdigt. Künftig sollte nicht der Rang eines Redners entscheiden, sondern die Frage, ob er tatsächlich etwas beizutragen habe. Ein geistreicher Vers durfte länger dauern als eine umständliche Selbstvorstellung; ein guter Einfall sollte ausdrücklich nicht deshalb abgelehnt werden, weil er von jemandem ohne bedeutende Vorfahren stammte. Für den Bischof war das eine heikle Neuerung. Er ließ sich jedoch dadurch gewinnen, dass auch die Schlussrede nach diesen Regeln erheblich kürzer ausfallen konnte.

An dieser Stelle bekommt die Geschichte eine Verbindung, die kein mittelalterliches Pergament beglaubigen könnte. Der gedachte Passauer Schreiber hatte nämlich nicht bloß eine Besuchsordnung entworfen, sondern versehentlich eine ziemlich brauchbare Vorstellung von Schlaraffia: Kunst, Freundschaft und Humor sollten wichtiger sein als die Bedeutung, die jemand außerhalb des gemeinsamen Abends besaß. Das Passauer Schlaraffenreych Castra Batava wäre für sein Verfahren ein passender späterer Adressat gewesen. Nicht als heimlicher Veranstalter von Kriemhilds Reise, sondern als Gesellschaft, in der man verstehen konnte, warum ein treffender Vers manchmal mehr Ordnung schafft als eine Rangliste.

Die nun vollends erfundene Verbindung besteht darin, dass Castra Batava das Problem nicht löste, indem es den mittelalterlichen Besuch nachträglich verkürzte. Stattdessen erhielt der Schreiber in unserer Geschichte Gelegenheit, seine Regeln vor einer Runde zu erproben, deren ritterliches Spiel ihm zunächst vertraut vorkam. Er brauchte allerdings eine Weile, um zu begreifen, dass die Titel hier keine Zuständigkeiten bezeichneten. Noch länger beschäftigte ihn die Möglichkeit, einem Würdenträger freundlich zu widersprechen, ohne anschließend entweder fliehen oder eine neue Urkunde ausstellen zu müssen.

Schließlich legte er einen Entwurf vor, der den Abend in eine Begrüßung, künstlerische Beiträge und einen rechtzeitigen Abschluss gliederte. Die Runde hörte aufmerksam zu und fand besonders den letzten Punkt einer vertieften Betrachtung würdig. Jemand verfasste dazu ein Gedicht, ein anderer erinnerte an einen ähnlich gelungenen Abend, und ein dritter wollte dem Schreiber für seine nützliche Arbeit ausdrücklich danken. Als dieser wieder zu seiner Feder griff, verstand er endlich, weshalb die Nibelungen zwar bis an Etzels Hof gelangt waren, eine zuverlässige Abfahrtszeit aus Passau aber keinen Eingang in die Literatur gefunden hatte.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Passau · Nibelungenlied · Pilgrim von Passau · Schlaraffia

  • Wahr: Im Nibelungenlied besucht Kriemhild auf ihrer Reise zu Etzel Passau und begegnet dort Bischof Pilgrim, ihrem Onkel in der Dichtung.
  • Wahr: Der historische Pilgrim war von 971 bis 991 Bischof von Passau.
  • Wahr: Das anonym überlieferte Nibelungenlied entstand um 1200.
  • Wahr: Castra Batava ist ein bestehendes Schlaraffenreych in Passau.
  • Wahr: Schlaraffia pflegt Kunst, Freundschaft und Humor in einem ritterlichen Spiel.
  • Nicht belegt: Für eine erste gemeinsame Sippung der Nibelungenreyche am 30. Oktober 1982 wurde kein belastbarer öffentlich zugänglicher Nachweis gefunden. Das Datum wird nicht als Tatsache verwendet.
  • Nicht belegt: Der literarische Aufenthalt Kriemhilds in Passau ist kein Nachweis einer wirklichen Reise.
  • Erfunden: Der Passauer Schreiber, seine Randnotiz und seine Regeln für eine kürzere Besuchsordnung.
  • Erfunden: Die endlosen Begrüßungen, Würdigungen, Gedichte und Schlussreden.
  • Erfunden: Die Begegnung des Schreibers mit Castra Batava und sämtliche daraus entstehenden Gespräche.
  • Erfunden: Eine mittelalterliche Vorläuferordnung der Schlaraffia oder eine historische Verbindung zwischen Kriemhilds Besuch und Castra Batava.
  • KI-generiert: Das Titelbild ist KI-generiert und keine historische Abbildung.
  • KI-generiert: Der Text ist mit KI-Unterstützung entstanden.

Historische Zuverlässigkeit: 15 %FASTWAHR-Faktor: 85 %

Fast erfunden. Die Schlaraffen allerdings gibt es wirklich.

Sein Vorschlag, künftig auf Schlussreden zu verzichten, fand einhellige Zustimmung. Mit der Begründung wurde noch am selben Abend begonnen.

Das Passauer Reych Castra Batava findet man heute in der Freudenburg im St.-Nikola-Kloster am Kleinen Exerzierplatz 15 in Passau.

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Weiterführende Informationen

Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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