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Neu entdeckt1859–1998

Die Tür führt nirgendwohin. Trotzdem klopfen nachts Menschen an.

Prag,

Mitten in Prag steckt eine schmiedeeiserne Pforte in einer Hotelfassade. Dahinter befindet sich kein Eingang, kein Raum und schon lange keine Burg mehr. Trotzdem kommen Besucher, betrachten den Uhu über der Tür und klopfen an. Ein angeblich seit Jahren geführtes Buch soll sogar verzeichnen, was danach passiert.

FASTWAHR-Redaktion 5 Min. Lesezeit Satire
KI-generierte Satire-Illustration: Nachtszene in einer Prager Straße: Männer in Rittermänteln mit schlaraffischen Helmen und ein Mann mit Hut und Laterne stehen vor einer schmiedeeisernen Pforte mit Uhu in einer Hotelfassade, einer klopft an; daneben eine Gedenktafel

KI-generiertes Bild · Die dargestellte Szene hat so nicht stattgefunden. Personen, Szene und Tafeltext frei erfunden.

Prag. Wer vom Wenzelsplatz ein paar Minuten in die Štěpánská geht, die frühere Stephansgasse, kommt an einem Hotel vorbei, dessen Fassade zunächst keinen Anlass gibt, stehen zu bleiben. An der Nordseite, neben der Einfahrt zur Tiefgarage, sitzt allerdings eine schwere schmiedeeiserne Pforte in der Wand. Über ihr thront ein gegossener Uhu von knapp 75 Zentimetern Höhe, daneben erinnert eine zweisprachige Tafel an einen Ort, den es nicht mehr gibt. Die Pforte lässt sich nicht benutzen. Hinter ihr liegt kein Eingang, kein Flur und kein Rittersaal. Sie ist heute ein Blindtor.

Das war einmal anders. An dieser Stelle befand sich die Burg der Allmutter Praga, des ersten Schlaraffenreyches der Welt. Schlaraffia war am 10. Oktober 1859 in Prag entstanden und hatte in den folgenden Jahrzehnten verschiedene Gaststätten und Versammlungsräume benutzt. 1896 legte Rt Barnabas der Steinreiche schließlich den Plan für eine eigene Burg vor. Das Gebäude in der Stephansgasse wirkte von außen wie ein gewöhnliches Prager Mietshaus; im rückwärtigen Hoftrakt verbarg sich jedoch ein aufwendig gestalteter Rittersaal. Am 13. November 1897 zog die Praga dort ein. Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung des Prager Stadtmuseums bestätigt Baujahr, Architekt František Buldra und die ungewöhnliche Konstruktion des Hauses.

1939 wurde die Praga zwangsweise aufgelöst. Jahrzehnte später verschwand auch ihr Rittersaal. 1976 wurde sein Abbruch beschlossen; beim späteren Umbau des Grundstücks blieb von der alten Burg nur wenig erhalten. 1998 kehrte die historische Pforte in die Fassade zurück. Seitdem steht dort eine Tür, die nirgendwohin führt und trotzdem erstaunlich viele Besucher bekommt.

Für FASTWAHR beginnt die Geschichte genau an dieser Stelle.

Das Buch hinter dem Empfangstresen

Einer unserer weniger belastbaren Quellen zufolge liegt hinter dem Empfangstresen des Hotels ein schmales, in dunkelblaues Leinen gebundenes Buch. Es trägt weder Titel noch Inventarnummer. Auf der ersten Seite soll lediglich stehen: „Klopfen – Nordseite.“

Angelegt habe es ein Nachtportier, dem bereits während seiner ersten Arbeitswochen etwas auffiel, das in keiner Dienstanweisung erwähnt wurde. Immer wieder erschienen spätabends einzelne Männer oder kleine Gruppen vor der Pforte. Sie betrachteten den Uhu, fotografierten die Gedenktafel und blieben anschließend auffällig lange vor einer Tür stehen, von der offensichtlich war, dass man durch sie nicht mehr hindurchgehen konnte.

Der Portier hielt sie zunächst für Touristen. Dagegen sprach mit der Zeit, dass viele von ihnen erstaunlich genau wussten, was sie suchten. Manche begrüßten sich mit ungewöhnlichen Namen, andere erzählten von Burgen, die auf keiner Landkarte standen, und einige verneigten sich vor dem metallenen Uhu. Schließlich geschah etwas, das den Nachtportier veranlasst haben soll, das blaue Buch anzulegen: Einer der Besucher klopfte dreimal an die Pforte und wartete.

Natürlich geschah nichts. Zumindest zunächst. Der Mann klopfte erneut.

Und diesmal, so behauptet unser nicht existentes Protokoll, kam von der anderen Seite eine Antwort. „Lulu.“

Der Nachtportier notierte Datum und Uhrzeit. Damit begann die statistische Erfassung.

Die Auswertung ist wissenschaftlich wertlos

In den folgenden Jahren soll das Buch mehrere Seiten gefüllt haben. Verzeichnet wurden Datum, Uhrzeit, Zahl der Besucher und Anzahl der Klopfzeichen. Später kam eine weitere Spalte hinzu: „Antwort von innen“.

In den allermeisten Zeilen steht dort ein Strich. Bei einigen wenigen steht „Lulu“.

FASTWAHR hat die angeblichen Daten selbstverständlich ausgewertet und dabei Zusammenhänge festgestellt, deren wissenschaftliche Aussagekraft gegen null geht. Einmaliges Klopfen führt demnach grundsätzlich zu keinem Ergebnis. Zweimaliges Klopfen verbessert die Situation kaum. Die besten Aussichten bestehen angeblich nach drei Schlägen und einer kurzen Wartezeit, insbesondere während der Winterung.

Für die Sommermonate verzeichnet das Buch keine einzige Antwort. Das könnte daran liegen, dass Schlaraffen traditionell im Winterhalbjahr sippen. Es könnte ebenso gut daran liegen, dass wir das gesamte Buch erfunden haben. Beide Erklärungen werden derzeit geprüft.

Eine Tür mit bemerkenswertem Wettbewerbsvorteil

Wie viele Menschen die Pforte tatsächlich fotografieren, weiß niemand. FASTWAHR hat sie deshalb zur meistfotografierten Tür der Štěpánská erklärt. Zu unserer Verteidigung sei angemerkt, dass bislang keine andere Tür der Straße gegen diese Entscheidung Einspruch erhoben hat.

Die Konkurrenz hat zudem einen entscheidenden Nachteil: Die meisten Türen der Štěpánská lassen sich öffnen. Menschen gehen hindurch und verschwinden dahinter. Für längere Betrachtungen besteht wenig Anlass.

Die alte Pforte der Praga kann das nicht mehr. Man kann vor ihr stehen, den Uhu betrachten, die Gedenktafel lesen und sich vorstellen, dass an dieser Stelle einst Männer in Rittermänteln ein- und ausgingen, die von hier aus eine Idee in zahlreiche Länder der Welt trugen. Die Praga war nicht irgendein Reych. Sie war die Allmutter, das Reych Nr. 1 und damit das geistige Zentrum einer Gemeinschaft, die sich von Prag aus über Europa und später bis nach Übersee verbreitete.

Das Gebäude ist verschwunden. Die Tür hat überlebt.

Eine Burg verteilt sich über Europa

Auch andere Teile der Allmutterburg verschwanden nicht einfach. Nach dem Ende der Praga wurden erhaltene Gegenstände und Archivalien an verschiedenen Orten bewahrt. Heute finden sich Spuren der alten Burg unter anderem in Bielefeld, Braunau und Bern. Die einstige Prager Burg existiert damit gewissermaßen weiter – nur nicht mehr an einem einzigen Ort.

Die Pforte ist die große Ausnahme. Sie blieb in Prag und kehrte nach dem Umbau wieder an ihren historischen Standort zurück. Noch heute sitzt der Uhu über ihr und blickt auf die Štěpánská. Man könnte deshalb sagen, die Pforte sei die einzige Schlaraffin der Praga, die nie endgültig aus Prag weggezogen ist.

Vielleicht erklärt das auch die angeblichen Einträge im blauen Buch. Wer mehr als ein Jahrhundert am selben Ort verbringt, während die eigene Burg verschwindet und deren Inventar sich über halb Europa verteilt, hat irgendwann einiges zu erzählen.

Und wenn dann spätabends jemand dreimal anklopft, der offensichtlich weiß, was hier einmal gewesen ist, kann man einem alten Uhu kaum verdenken, dass er gelegentlich antwortet. Kurz und höflich. Mit dem einzigen Wort, das unter Schlaraffen fast immer passt.

Lulu.

Was davon stimmt

Die echten Fakten zu Allmutter Praga · Schlaraffia · Allmutterburg Štěpánská 623/40 · Hotel Alcron

  • Wahr: Die Schlaraffia wurde am 10. Oktober 1859 in Prag gegründet. Die Praga war ihr erstes Reych und wurde 1876 als „Allmutter“ aller Reyche anerkannt.
  • Wahr: 1896 legte Rt Barnabas der Steinreiche den Plan für eine eigene Burg in der Stephansgasse (heute Štěpánská 623/40) vor, Architekt war František Buldra. Von außen ein Zinshaus, lag der Rittersaal verborgen im Hofflügel. Am 13. November 1897 zog die Praga ein.
  • Wahr: 1939 wurde die Praga zwangsweise aufgelöst. 1976 wurde der Abriss des Hofflügels mit dem Rittersaal beschlossen, das übrige Haus verschwand beim Umbau des Hotels Alcron in den 1990er-Jahren. Seit 1998 sitzt die historische Pforte als Blindtor in der Hotelfassade, darüber ein gegossener Uhu von knapp 75 Zentimetern, daneben seit 1999 eine zweisprachige Gedenktafel.
  • Wahr: Gerettete Stücke der Burg liegen heute unter anderem in Bielefeld (Ahalla-Schrein), Braunau am Inn (Praga-Uhu) und Bern (Archiv). 2025 erschien in der Zeitschrift „Studia Musei Pragensis“ des Prager Stadtmuseums eine Studie von Renáta Kalašová zur Allmutterburg.
  • Erfunden: das blaue Buch des Nachtportiers, die Klopf-Statistik, die „Lulu“-Antworten aus der Wand und der Titel „meistfotografierte Tür der Štěpánská“.
  • KI-generiert: das Bild. Der Text der Tafel im Bild ist erfunden; die echte Gedenktafel hat einen anderen Wortlaut.

Historische Zuverlässigkeit: 20 %FASTWAHR-Faktor: 80 %

Fast erfunden. Die Tür ist echt.

Die Allmutter Praga gibt es seit 1939 nicht mehr – ihre Geschichte bewahrt die Gedenkseite schlaraffia-prag.org, betreut von der Schlaraffia Eisenach. Dort sippt das Feldlager Ysen-Aha am zweiten und vierten Montag im Monat um 19.30 Uhr; Gäste sind ohne Voranmeldung willkommen.

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Schlaraffia

Hintergrund

FASTWAHR ist Satire und Parodie. Die Bilder sind KI-generiert; dargestellte Personen, Wappen und Aufschriften sind erfunden. Anspielungen auf bekannte Werke sind als Parodie gemeint. Mehr dazu

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